
Es gibt Platten, die klingen einfach nach ihrer Zeit. Nach flackernden Studiolampen, nach Zigarrenrauch in engen Regieräumen, nach einer Ära, in der Rock noch etwas Glitzerndes, Gefährliches hatte. Die Veröffentlichung ´Songs From Marc´ ist wie ein offenes Zeitfenster direkt ins Jahr 1977, als Marc Bolan noch einmal alles auf eine Karte setzte. Glam Rock am Rand des Abgrunds, aber mit erhobenem Kinn.
Schon die Nebenumstände tragen Drama in sich: die Granada-TV-Ära, das „Marc“-Format, diese seltsam intime Studiowelt ohne Publikum, später künstlich aufgepeppt mit Applaus – und jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, tauchen diese Bänder wieder auf. Die originalen Studio-Masterbänder, die Marc Bolan und seine Band T. REX im Sommer 1977 speziell für die TV-Show “Marc” aufgenommen hatten. Ein wiederentdecktes 1/4-Zoll-Band. Nackt. Direkt. Ohne Rauchmaschine der Geschichte.

Mit dem ersten Song ´Jeepster´ öffnet sich diese Platte wie ein alter Bühnenvorhang. Marc Bolan singt mit dieser typischen Mischung aus Laszivität und kindlicher Überzeugung, während die Band – allen voran Herbie Flowers am Bass und Tony Newman an den Drums – einen Groove hinlegt, der irgendwo zwischen London-Club und kalifornischem Sunset Strip pendelt. Das ist kein Retro. Das ist lebendiger Glam Rock, der nie aufgehört hat zu existieren.
´I Love To Boogie´ springt danach wie ein funkelnder Spiegelball durch den Raum. Alles wirkt direkter, härter, fast schon punkig geschärft. Hier schimmert bereits das Jahr 1977 durch die Rillen – jene Phase, in der Punk und Glam sich gegenseitig belauerten, statt sich zu ignorieren. Und dann diese kleinen Momente der Entschleunigung. ´Endless Sleep´ zieht den Hörer in eine melancholische Zwischenwelt, irgendwo zwischen 50s-Rock’n’Roll und nächtlicher Studioeinsamkeit. Bolan klingt hier nicht wie ein Superstar, sondern wie ein Geschichtenerzähler am Rand seiner eigenen Legende.
Der Rest von Seite A zeigt, wie wach dieser späte T. REX-Sound wirklich war. ´Celebrate Summer´ hat diesen leicht hektischen Puls, der eher nach London 1977 als nach 1972 klingt. Keine Nostalgie, sondern Gegenwart. ´Ride A White Swan´ wirkt dagegen wie ein Echo aus einer anderen Galaxie. Frühes T. REX-Material, neu eingesungen, und plötzlich klingt dieser Klassiker weniger wie Mythos, mehr wie eine Erinnerung.
Seite B öffnet endgültig die Glam-Kathedrale. ´Hot Love´ explodiert in einer erweiterten Version, die sich langsam in einen fast gospelartigen Groove hineinsteigert. Lynn Garden tritt aus dem Hintergrund und verleiht dem Song eine Seele, die zwischen Rock’n’Roll und Soul-Kollektiv schwebt. ´New York City´ hämmert sich mit schwerem Bass in die Gehörgänge, während ´Let’s Dance´ (von Chris Montez) im T. REX-Gewand wie ein verschwitzter Club-Track durch den Raum tanzt. Alles wirkt roher, fast dokumentarisch.
Dann dieses unterschätzte Juwel: ´Groove A Little´. Funk im Glam-Kostüm. Kein Aufbruch in neue Welten, eher ein letztes Umarmen der Groove-Kultur, die Bolan in seinen letzten Jahren faszinierte. Das große Finale mit ´Dandy In The Underworld (Instrumental)´ ist allerdings der leise, schwebende Schlusspunkt einer Karriere, die nie wirklich gealtert ist. Ohne Stimme liegt plötzlich alles offen: die Struktur, die Harmonie, die Traurigkeit in den Akkorden. Es klingt wie ein Bühnenlicht, das bereits herunterdimmt, während die Band noch weiterspielt.

Was ´Songs From Marc´ so besonders macht, ist nicht nur die Songauswahl, sondern die Nähe. Keine Studioglättung, kein nachträglicher Publikumsrausch, kein historischer Filter. Herbie Flowers, Tony Newman und Dino Dines spielen mit einer Präzision, die fast unheimlich wirkt – und gleichzeitig mit einer Lockerheit, die nur entsteht, wenn eine Band wirklich echt ist.
Hier trifft Glam Rock auf Spätphase, Rock’n’Roll auf britische TV-Geschichte, und irgendwo dazwischen steht Marc Bolan – schon mythologisch, aber noch vollkommen präsent.
Die Pressung auf orangefarbenem Vinyl überrascht mit einer erstaunlichen Direktheit. Die Tonbänder wirken frisch, kein künstlicher Hall, keine Publikumsüberlagerung, keine Studioillusion. Natürlich bleibt der Ursprung hörbar analog. Das ist kein audiophiles Hochglanzprodukt – es ist ein Zeitdokument mit Seele.
Am Ende bleibt ´Songs From Marc´ ein faszinierender Spätabend im Leben von T. REX. Kein Abschied mit Pathos, sondern ein letztes Aufflackern von Glam Rock, der noch einmal zeigt, warum Marc Bolan bis heute als eine der stilprägendsten Figuren der 70er gilt. Zwischen Boogie, Glam und leiser Melancholie glimmt hier etwas, das nie ganz verschwunden ist: die Magie des alten Rock.



