
´Always Ever´ beginnt mit einer Einladung zum Zuhören. Der australische Pianist Alister Spence gehört seit Jahrzehnten zu jenen Musikern, die ihren eigenen Weg gehen. Bekannt geworden durch die experimentierfreudige Formation CLARION FRACTURE ZONE, entwickelte er über die Jahre eine musikalische Sprache, die Jazz, Improvisation und Klangforschung miteinander verbindet, ohne jemals akademisch oder verkopft zu wirken. Auf ´Always Ever´ treibt er diese Suche weiter als zuvor. Sechzehn vollständig improvisierte Stücke, aufgenommen in Echtzeit, ohne Schnitte, ohne Overdubs, ohne Sicherheitsnetz.
Entstanden ist das Album im September 2025 in den “Rancom Street Studios” in Sydney. Produzent Alister Spence vertraute dabei vollständig dem Augenblick. Jeder Klang, jede rhythmische Idee wurde genau in dem Moment geboren, in dem sie erklingt. Tim Whitten fing diese spontanen Prozesse mit bemerkenswerter Klarheit ein, während Doug Henderson beim Mastering die feinen Nuancen des Materials bewahrte, anstatt sie glattzubügeln.
Das eröffnende ´Mystic´ wirkt wie ein vorsichtiges Tasten durch einen unbekannten Raum. Einzelne Töne schweben frei durch die Stille, während tiefe Resonanzen unter der Oberfläche grollen. Mit ´Determination´ verändert sich die Szenerie. Kurze rhythmische Figuren prallen aufeinander, als würden Zahnräder ineinandergreifen und sich sofort wieder lösen. Alister Spence spielt das Klavier weniger als Harmonieinstrument denn als Quelle von Schwingung und Energie.
Besonders faszinierend wird das Album immer dann, wenn sich die Grenzen zwischen Ton und Geräusch auflösen. In ´Play Of Light´ flimmern helle Klangpunkte durch den Raum wie Sonnenreflexe auf Wasser. ´Distant Cousins´ verbindet fragile Melodielinien mit scharf akzentuierten Anschlägen, die plötzlich neue Richtungen eröffnen. Das über sechs Minuten lange ´Begin From The Middle´ entfaltet seine ganze Kunst des musikalischen Erzählens und besitzt eine bemerkenswerte Spannung, obwohl es keiner traditionellen Form folgt.
´Rain Phase´ lässt die Töne fallen wie ein langsam einsetzender Sommerregen. Das Klavier singt, knistert, perlt und rauscht. Solche Bilder entstehen hier ganz selbstverständlich aus dem Klang heraus. ´Semi-Formal Garden´ wirkt hingegen verspielt und leichtfüßig, während ´Tonal Dance´ mit federnden Rhythmen arbeitet, die an einen imaginären Tanz erinnern. ´Halo´ zieht weite Kreise aus schwebenden Harmonien und entwickelt dabei eine fast meditative Ruhe.
´Sparkler´ sprüht Funken aus kurzen perkussiven Impulsen. ´Searchlight´ tastet sich mit langen Resonanzen durch dunkle Klangräume und zählt zu den eindrucksvollsten Improvisationen der gesamten Aufnahme. Mit ´Top Spinner´ und ´Random Access Counterpoint´ wird das Spiel rhythmischer und kantiger. In ´Talking Slowly With Lorikeets´ bewegt sich die Musik leicht und luftig, während im abschließenden ´Scrape Rattle Strike´ perkussive Geräusche und traditionelle Pianotöne verschmelzen.
Alister Spence verzichtet bewusst auf jede Form äußerer Dramaturgie. Stattdessen vertraut er auf die Kraft des Augenblicks. Die Musik wächst vor den Ohren des Hörers, entwickelt eigene Wege und überrascht selbst dort noch, wo man glaubt, ihre Richtung bereits erkannt zu haben. Der 70-jährige Jazzmusiker beweist einmal mehr, dass Improvisation weit mehr sein kann als spontane Eingebung. Hier wird sie zur Kunstform, zur Erzählung und zur Entdeckungsreise zugleich. Am Ende bleibt der Eindruck eines Musikers, der seinem Instrument auch nach Jahrzehnten noch neue Geheimnisse entlockt.
(8,5 Punkte)
https://alisterspence.bandcamp.com/album/always-ever
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