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JOSÉ AFONSO – Galinhas Do Mato

1985/2026 (Mais 5) - Stil: Folk

Wenn sich die Nadel der neuen “Mais 5”-Wiederveröffentlichung von ´Galinhas Do Mato´ in die Einlaufrille senkt, fühlt es sich an, als würde sich ein Fenster in eine andere Zeit öffnen. Nicht in die glitzernde Welt der Achtziger, nicht in die Ära der Stadionhymnen und Synthesizer-Euphorie, sondern in eine Welt voller Erinnerungen, Geschichten und menschlicher Wärme. Eine Welt, die José Afonso bis zu seinem letzten Atemzug mit unerschütterlicher Würde verteidigte.

1985 war José Afonso längst mehr als ein Musiker. In Portugal war er Stimme des Gewissens, Poet des Volkes und Symbol einer Revolution. Sein Lied ´Grândola, Vila Morena´ hatte elf Jahre zuvor die Nelkenrevolution begleitet und seinen Namen unauslöschlich in die Geschichte des Landes geschrieben. Während Künstler wie Bob Dylan, Víctor Jara oder Mercedes Sosa in ihren Heimatländern ähnliche Rollen einnahmen, verkörperte José Afonso in Portugal etwas noch Tieferes: die Verbindung von Poesie, Widerstand und kultureller Identität.

Als ´Galinhas Do Mato´ entstand, kämpfte José Afonso bereits gegen die fortschreitende ALS-Erkrankung. Seine Stimme, jahrzehntelang Träger seiner Botschaften, versagte zunehmend den Dienst. Was unter solchen Umständen leicht zu einem tragischen Schwanengesang hätte werden können, entwickelte sich stattdessen zu einem der bewegendsten Gemeinschaftswerke der europäischen Folk-Geschichte.

José Afonso singt hier nicht mehr jede Zeile selbst. Freunde, Weggefährten und jüngere Künstler übernehmen die Rollen der Erzähler. Luís Represas, Helena Vieira, Janita Salomé, Né Ladeiras und José Mário Branco tragen die Lieder mit spürbarem Respekt und tiefer Verbundenheit weiter. Die Songs wirken dadurch fast wie ein Staffelstab, der von einer Generation an die nächste weitergereicht wird.

Musikalisch entfaltet ´Galinhas Do Mato´ eine faszinierende Welt zwischen portugiescher Folklore, afrikanischen Rhythmen und poetischer Liedkunst. Die Arrangements besitzen eine natürliche Wärme, die an die späten Werke von Mikis Theodorakis erinnert, während die intime Erzählweise gelegentlich Assoziationen zu Leonard Cohen oder dem frühen Bob Dylan weckt. Dennoch bleibt der Klang unverkennbar portugiesisch.

´Agora´ eröffnet das Album mit einer stillen Würde, die den Hörer unmittelbar einfängt. Die Melodie scheint durch staubige Dorfstraßen und alte Erinnerungen zu wandern. ´Tu Gitana´ besitzt eine fast schwebende Schönheit, während ´Moda Do Entrudo´ traditionelle Volksmusik mit bemerkenswerter Leichtigkeit in die Gegenwart transportiert.

Zu den faszinierendsten Momenten zählt ´Tarkovsky´. Allein der Titel verweist auf den großen russischen Filmregisseur Andrei Tarkowski. Die Musik wirkt entsprechend cineastisch, beinahe traumartig. Bilder entstehen vor dem inneren Auge, ohne dass sie jemals konkret benannt werden müssen.

Der Titelsong ´Galinhas Do Mato´ bildet das emotionale Zentrum des Albums. Hier treffen afrikanische Einflüsse, portugiesische Tradition und eine beinahe kindliche Verspieltheit aufeinander. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit verbirgt sich jene tiefe Melancholie, die viele große Werke José Afonsos auszeichnet.

Besonders berührend wirkt heute die Entstehungsgeschichte. Während der Aufnahmen konnte José Afonso viele Entscheidungen nur noch mit Blicken und kleinen Gesten treffen. Musiker berichteten später, dass seine Präsenz dennoch den gesamten Raum erfüllte. Er verlor seine Stimme, nie jedoch seine künstlerische Autorität.

Die neue 2026er Ausgabe von “Mais 5” erweist diesem Vermächtnis den nötigen Respekt. Das Remastering aus dem Hamburger “Soundgarden Studio” arbeitet behutsam und intelligent. Auch die Pressqualität hinterlässt einen hervorragenden Eindruck. Die Vinyl-Ausgabe läuft angenehm ruhig, Nebengeräusche bleiben weitgehend aus.

Für Sammler besitzt diese Veröffentlichung besondere Bedeutung. Sie bildet den Abschluss der umfangreichen Wiederveröffentlichung des José-Afonso-Katalogs durch “Mais 5” und verleiht einem lange unterschätzten Meisterwerk jene Aufmerksamkeit, die ihm seit Jahrzehnten zusteht.

Vierzig Jahre nach seiner Entstehung wirkt ´Galinhas Do Mato´ erstaunlich zeitlos. Dieses Album erzählt von Erinnerung, Gemeinschaft und kulturellen Wurzeln. Es spricht leise, aber mit einer Kraft, die viele laute Produktionen niemals erreichen. Am Ende bleibt das Gefühl, einem Künstler begegnet zu sein, der selbst im Angesicht des Abschieds an die schöpferische Kraft der Musik glaubte.

´Galinhas Do Mato´ ist das große musikalische Vermächtnis einer historischen Momentaufnahme. Es markiert das hochemotionale, finale Kapitel im Schaffen von José Afonso, dem größten Musikidol Portugals.

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