PlattenkritikenPressfrisch

PLACEBO – Re:Created (30th Anniversary)

1996/2026 (Elevator Lady) - Stil: Alternative Rock / Glam Punk

Es gab Zeiten, da roch Rock ’n’ Roll nicht nach Perfektion, sondern nach feuchtem Proberaum, billigem Speed, Schweiß und offener Provokation. Wir schreiben das Jahr 1996. Britpop feiert sich selbst in einer Betrunkenheit aus Machotum, Guitars und Union-Jack-Gitarren. Und dann torkeln drei androgyne Gestalten aus dem Londoner Underground ins Scheinwerferlicht, rotzen dem Establishment dicke Brocken ins Gesicht und erschaffen ein Debüt, das wie eine Rasierklinge durch die Wohlfühlzone der Szene schneidet.

PLACEBO waren nie eine Band für Leisetreter. Frontmann Brian Molko schrie seine Verzweiflung im Damenkleid mit Nagellack heraus, während Stefan Olsdal am Bass das klangliche Fundament goss und Robert Schultzberg am Schlagzeug die Felle verprügelte, bis die Fetzen vom Leib flogen. Drei Jahrzehnte später legen uns die Herrschaften das Update vor: ´Re:Created (30th Anniversary)´ auf saftigem 180g-Doppel-Vinyl plus einer versteckten, weißen 7″-Single.

Vergesst sterile Remaster-Versprechen, bei denen die Regler nur ein paar Dezibel nach oben gezogen werden. Was Brian Molko und Stefan Olsdal hier zusammen mit Co-Produzent Rob Kirwan auf den Plattenteller werfen, gleicht einer Operation am offenen Herzen. Die originalen analogen Masterbänder wurden aus den Archiven geholt und mit der geballten Wucht aus 30 Jahren Bühnenerfahrung neu abgemischt und überarbeitet. Ein kompromissloser Director’s Cut.

Schon beim Eröffnungstrack ´Come Home´ schnürt es einem die Kehle zu. Das hibbelige, nervöse Bassriff peitscht durch den Raum, aber die damals etwas schmächtige 90er-Jahre-Rhythmussektion knallt uns heute mit einem Bumms entgegen, das die Tieftöner zittern lässt. Die scheppernde Hysterie des Originals weicht einer unbarmherzigen Wucht. Bei ´Teenage Angst´ wird klar, wohin die Reise hingeht. Molkos gereifte, unverkennbare Stimme rückt ins Zentrum des Geschehens, während die Schichten aus Gitarrenlärm keinen Deut weniger gefährlich durchs Zimmer sägen.

Das hypnotische Monster ´Bionic´ walzt in extremer Zeitlupe durch das Wohnzimmer. Stefan Olsdals monolithischer Basslauf drückt die Luft aus den Lungen, während die Gitarren im Finale wie rostiges Blech schneiden. Neu hinzugefügte, düstere Synthesizer-Flächen weben ein dunkles Seidentuch um den Song, ohne ihm den Schmutz zu nehmen. Und das berüchtigte ´36 Degrees´ zieht das Tempo spürbar an, der verzerrte Bass dominiert das Geschehen, und die Wut klingt nach drei Jahrzehnten gefährlich kultiviert.

Der absolute Höhepunkt dieser Frischzellenkur offenbart sich bei ´Nancy Boy´, der Hymne schlechthin. Damals der Aufschrei gegen die heteronormative Engstirnigkeit, heute ein zeitloser Brecher. Der Beat pumpt mit einer Urgewalt, die Gitarren wurden von ihrer schrillen 90er-Schärfe befreit und durch ein massives Soundfundament ersetzt. Hier geht die Tür zum Club sperrangelweit auf. Das düstere, schleppende ´I Know´ beschwört Geister von THE CURE herauf, wobei die psychedelischen Gitarren-Echos im neuen Mix eine beängstigende Räumlichkeit entfalten.

Bei ´Bruise Pristine´ knallt der Riot-Grrrl-Vibe ungebremst aus den Rillen, gänzlich frei von elektronischem Schnickschnack, dafür mit Riffs, die direkt ins Mark treffen. Einen völlig neuen Anstrich bekommt hingegen ´Lady Of The Flowers´. Das ehemals verträumte Stück verwandelt sich durch vielschichtige Gitarrenspuren und cineastische Synthesizer in eine schwelgerische Wall of Sound, die den Geist des Autors Jean Genet würdig heraufbeschwört. Den eigentlichen Abschluss bildet der psychedelische Trip ´Swallow´, dessen rückwärts eingespielte Elemente und Flüstern nun eine fast schwebende Trip-Hop-Kälte versprühen.

Doch diese Deluxe-Vinyl-Edition hat noch mehr Pfeile im Köcher. Wer ganz tief ins Gatefold-Cover greift, findet die weiße 7″-Single mit dem ehemals versteckten Track ´H.K. Farewell´. Diese intime, melancholische Melodie, die Brian Molko einst mit Blick auf die Übergabe Hongkongs schrieb, behält ihre leise Schlafzimmer-Atmosphäre, klingt aber endlich befreit vom muffigen Klang alter Tage. Daneben schaffte es der ehemalige B-Seiten-Kracher ´Drowning By Numbers´ auf die 7″-Single, eine rotzige Garagen-Klopfer-Nummer, die aus den Lautsprechern dröhnt wie ein mitreißendes Live-Monstrum.

Auf der zweiten LP der Doppel-Vinyl-Ausgabe warten zudem exklusive Remixe, darunter die mächtigen Sirens-Mixe, die den Stücken eine völlig neue, elektronische Dimension verleihen. Klanglich ist das Werk ein absoluter Triumphzug. Der höhenlastige, mitunter dünne Sound der Erstpressung von 1996 gehört der Vergangenheit an. Die Bässe greifen tief ins Geschehen ein, die Mitten bekommen gewaltigen Raum zum Atmen, und die gesamte Dynamik wirkt wie frisch aus der analogen Presse gegossen.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es beim physischen Produkt allerdings zu vermerken. Die tschechische Pressung auf schlichtem 180g-Vinyl klingt zwar phänomenal, leidet aber unter einer unglücklichen Verpackungsidee: Das Werk legte die kleine weiße 7″-Single lose in dieselbe Covertasche, in der bereits die erste große LP ruht. Durch den engen Druck im Gatefold soll diese LP beim Auspacken gelegentlich einen leichten Höhenschlag aufweisen. Die Nadel könnte dadurch auf den ersten Metern etwas auf und ab tanzen, was dem klanglichen Hochgenuss und der Abspielsicherheit auf normalen Tonabnehmern aber glücklicherweise keinen Abbruch tun sollte.

´Re:Created (30th Anniversary)´ ist keine sterile Wiederverwertung für den schnellen Euro. Es ist die Vollendung eines Meisterwerks, dem 1996 in den Londoner Studios schlicht das Budget und das Know-how fehlten. Brian Molko und Stefan Olsdal haben ihrem Debüt die Krone aufgesetzt, ohne ihm die Zähne zu ziehen. Ein absolut essenzielles Stück Rockgeschichte, das auf jeden vernünftigen Plattenteller gehört.

https://www.facebook.com/officialplacebo

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"