
RY COODER – Chicken Skin Music
1976/2026 (Analogue Productions) - Stil: Americana / Roots Rock / Blues
“Warner Bros. Studios“, North Hollywood, irgendwann im Jahr 1976. Ein knapp dreißigjähriger Gitarrist, der sich bis dahin vor allem als gefragter Sideman einen Namen gemacht hatte, sitzt zwischen einem texanischen Akkordeon, einer hawaiianischen Steel-Gitarre und einem Gospel-Chor und nimmt sein fünftes Soloalbum auf. Kommerziell hatte Ry Cooder bis dahin wenig zu feiern, seine Platten verkauften sich zäh, doch was in diesen Sessions zusammenkam, sollte weit über seine eigene Karriere hinausreichen. ´Chicken Skin Music´ trägt einen Namen, den heute jeder kennt, der sich für die Wurzeln der sogenannten Weltmusik interessiert, dabei existierte dieser Begriff 1976 noch gar nicht, jedenfalls nicht als Schublade in den Plattenläden.
Ry Cooder kümmerte das wenig. Er eröffnet die Platte mit Lead Bellys ´The Bourgeois Blues´, sein erdiges Spiel auf dem Bajo Sexto, einer mexikanischen zwölfsaitigen Gitarre, trifft auf eine schwebende Bottleneck-Slide-Linie und Milt Hollands treibendes Perkussionsbett. Schon nach diesen ersten Takten ist klar, in welche Richtung die Reise geht. Staubig und erdig, irgendwo zwischen amerikanischem Süden und mexikanischer Grenze.
Wie ernst es Ry Cooder mit dieser Grenzüberschreitung war, zeigen die Geschichten bei der Gewinnung der Musiker, etwa um Flaco Jiménez, den Akkordeon-Großmeister aus San Antonio. In Texas längst eine Instanz, begegnete er dem Studiomusiker aus Los Angeles zunächst mit Misstrauen, ein Fremder aus der großen Stadt, der sich ausgerechnet für Norteño-Musik interessierte, war ihm nicht ganz geheuer. Ry Cooder soll sich daraufhin monatelang selbst am Akkordeon versucht haben, nur um die Mechanik und die Logik des Instruments zu verstehen, bevor er Flaco Jiménez überhaupt zum ersten Mal gegenüberstand. Statt eines Demobands schnappte er sich das Instrument und spielte ihm die Akkordfolge zu ´Goodnight Irene´ im traditionellen Corrido-Stil vor. Das reichte. Falco Jiménez sagte zu.
In Los Angeles fühlte sich Flaco Jiménez zunächst fremd, das Heimweh saß tief in einer Stadt, die mit seiner Welt in San Antonio wenig gemein hatte. Ry Cooder soll ihn deshalb gezielt zu mexikanischen Restaurants und Cantinas am Stadtrand gefahren haben, vertrautes Essen, vertraute Sprache, ein kühles Bier, bis Flaco Jiménez wieder in seiner Magie ankam und seine Soli einspielte. Und so prägt sein Akkordeon seither drei der berührendsten Momente der Platte, ´He’ll Have To Go´, ´Stand By Me´ und den Rausschmeißer ´Goodnight Irene´, mit dem die Platte den Bogen wieder zurück zu Lead Belly schlägt, dessen ´The Bourgeois Blues´ sie eröffnet.
Die anschließende Tournee brachte einen Gospel-Chor und neben Flaco Jiménez und seinen Mitmusikern aus seiner mexikanisch-amerikanischen Band auch weitere Musiker auf eine einzige Bühne, ein Line-up, das sich 1977 auf dem Livealbum ´Show Time´ nachhören lässt.
Um weitere Mitmusiker für das Album ´Chicken Skin Music´ zu gewinnen, reiste Ry Cooder für die Aufnahmen zu den beiden Songs ´Yellow Roses´ und ´Chloe´ sogar nach Hawaii, wo er mit den beiden Inselgrößen Gabby Pahinui und Atta Isaacs ins Studio ging. Pahinuis Steel-Gitarre und Isaacs Slack-Key-Spiel öffnen auf diesen beiden Stücken einen eigenen Klangraum, warm und gelöst. Der Legende nach fiel in eben diesen Sessions das hawaiianische Pidgin-Wort für Gänsehaut, „chicken skin“, als jemand im Raum die schiere körperliche Wirkung dieser Musik beschreiben wollte. Ry Cooder gefiel die Formulierung so gut, dass er sie dem gesamten Album als Titel gab.

Die Vielfalt der einzelnen Songs wird bereits bei den ersten Stücken des Albums deutlich. Auf ´The Bourgeois Blues´ folgt mit ´I Got Mine´ ein beschwingter Ragtime-Ausflug im New-Orleans-Stil, angeführt von George Bohanons Baritonhorn und Fred Jackson Jr. am Tenorsaxophon, dazu ein Bläsersatz, der eher nach Vaudeville-Bühne als nach Plattenstudio klingt. Ry Cooder amüsierte sich hörbar an der Ironie des alten Textes über einen Falschspieler, der mit seiner Beute aus dem Fenster springt und dabei triumphierend ruft, er habe das Seine, vorgetragen ausgerechnet von einem Musiker, dessen eigene Alben sich zu dieser Zeit kaum verkauften.
Danach ändert sich die Stimmung vollständig. ´Always Lift Him Up / Kanaka Wai Wai´ beginnt als Appalachen-Folk-Ballade von Blind Alfred Reed, getragen von einem tiefen Gospel-Chor um Bobby King und Terry Evans, und wandert im Mittelteil unmerklich in ein hawaiianisches Kirchenlied hinüber. Zwei Traditionen, eine einzige Andacht. Direkt im Anschluss übernimmt mit ´He’ll Have To Go´, dem durch Jim Reeves bekannt gewordenen Country-Hit, endgültig Flaco Jiménez das Feld, sein Akkordeon trägt einen langsamen, wiegenden Bolero-Rhythmus und tritt in ein zärtliches Zwiegespräch mit einem Saxophon.
´Smack Dab In The Middle´ setzt dagegen auf einen engen R&B-Groove, getragen von Jim Keltners Schlagzeug und Chris Ethridges Bass, dazu schmutzige E-Gitarren-Linien und ein soulig aufgeladener Background-Gesang, der die Attitüde einer alten Rhythm-and-Blues-Revue noch einmal aufleben lässt. Auf ´Stand By Me´ geht Ry Cooder noch weiter und entkleidet Ben E. Kings Soul-Klassiker vollständig seiner urbanen Popstruktur, Flaco Jiménez’ Akkordeon treibt das Stück stattdessen in einem mexikanischen Norteño-Gewand voran, während der Gospel-Chor der Umdeutung eine fast sakrale Wärme verleiht.
´Yellow Roses´ öffnet danach den Blick endgültig nach Hawaii, Gabby Pahinui und Atta Isaacs umspielen den Song mit sanften Slack-Key- und Steel-Gitarren-Linien, dazu Pahinuis weicher Gesang, der der Aufnahme einen warmen, bittersüßen Inselklang gibt. Auf ´Chloe´, dem einzigen rein instrumentalen Stück der Platte, treffen Atta Isaacs und Ry Cooders akustische Gitarren in einem hawaiianischen Ton der vierziger und fünfziger Jahre aufeinander, während Callenders Bass leise im Hintergrund für eine jazzige Erdung sorgt. Den Schlusspunkt setzt ´Goodnight Irene´, eine schwungvolle Norteño-Polka, angetrieben von Flaco Jiménez’ wirbelndem Akkordeon und dem akustischen Bajo-Sexto-Rhythmus, inspiriert von einem mexikanischen Tanzabend, den Ry Cooder miterlebt hatte.

Ry Cooders Gitarrenspiel selbst verdient ein eigenes Kapitel. Sein Handwerk auf dieser Platte fußt auf offenen Stimmungen, die ihm mit dem Bottleneck volle Akkorde erlauben, ohne dass die greifende Hand ständig nachjustieren muss. Dazu kommt eine ruhige rechte Hand, Fingerstyle statt Plektrum, gelegentlich beides zusammen, und eine feine Dämpfung direkt hinter dem Slide, die verhindert, dass die Saiten hinter dem Glas mitschwingen und den Ton verwaschen lassen. Was daraus entsteht, ist ein Klang, der gleichzeitig singt und atmet, nie schrill, aber immer klar konturiert, ein Markenzeichen, das Ry Cooder von dieser Platte an durch sein gesamtes Werk trägt.
Zwischen all der Ernsthaftigkeit blieb auch Platz für kleinere Kuriositäten. In den Background-Vocals taucht unter anderem ein gewisser Laurence Fishburne auf, tatsächlich so im Presswerk vermerkt, allerdings nicht der spätere „Matrix“-Darsteller, der 1976 gerade einmal fünfzehn Jahre alt war, sondern ein gleichnamiger, ansonsten unbekannter Session-Sänger. Ry Cooder selbst ließ sich für ein „French Accordion” in die Credits eintragen, jenes Instrument, das er sich eigens gekauft hatte, um Flaco zu imponieren. Verglichen mit dessen müheloser Virtuosität klingt sein eigenes Spiel darauf deutlich vorsichtiger, weniger Norteño-Cantina, eher ein verlorenes Pariser Straßencafé an einem regnerischen Nachmittag. Bei „Warner Bros.“ sorgte allerdings schon der Albumtitel für Verwirrung, man erzählt sich, die Marketingabteilung habe zunächst ernsthaft an ein Konzeptalbum über Hühnerzucht gedacht.
Beim Erscheinen 1976 wusste die Musikindustrie mit einer Platte, die texanisches Akkordeon, hawaiianische Slack-Key-Gitarre und Appalachen-Folk in einem Atemzug nannte, wenig anzufangen. Radioformate dachten in festen Schubladen, ´Chicken Skin Music´ passte in keine davon, der Erfolg in den amerikanischen Charts blieb mit Platz 177 überschaubar, während vor allem Großbritannien und die Niederlande dank einer offeneren Musikpresse schneller Zugang fanden. Heute liest sich diese Zurückhaltung wie ein Missverständnis der Geschichte. Was damals als exzentrische, kaum einzuordnende Genremischung abgetan wurde, gilt inzwischen als einer der mutigsten und zugleich unterhaltsamsten Würfe in Ry Cooders gesamtem Katalog, ein Album, das nicht kulturell aneignet, sondern auf Augenhöhe zusammenführt, ohne den beteiligten Musikern ihre eigene Stimme zu nehmen.
Ohne diese Platte sähe die Landkarte der Weltmusik anders aus. Zwanzig Jahre später reiste Ry Cooder nach Havanna und wandte dieselben Prinzipien an, sich selbst zurückzunehmen und vergessenen Meistern die Bühne zu überlassen, woraus ´Buena Vista Social Club´ wurde, bis heute das meistverkaufte Album seiner Art. Mitte der Achtziger nutzte Paul Simon eine sehr ähnliche Methode, als er mit südafrikanischen Mbaqanga-Musikern und LADYSMITH BLACK MAMBAZO für ´Graceland´ ins Studio ging. Später verband Ry Cooder mit dem malischen Gitarristen Ali Farka Touré auf ´Talking Timbuktu´ westafrikanische Wüstenblues-Tradition mit amerikanischem Blues-Verständnis, während sein Freund David Lindley auf ´El Rayo-X´ Reggae, Cajun und Tex-Mex zu einem tanzbaren amerikanischen Roots-Gumbo verrührte, hörbar im Geiste von ´Chicken Skin Music´. Selbst das internationale Interesse an hawaiianischer Slack-Key-Musik lässt sich zu einem guten Teil auf diese Zusammenarbeit mit Gabby Pahinui zurückführen.
Diese Platte lebt von der Freude am gemeinsamen Spiel. Man hört ihr an, dass hier niemand etwas kopiert, sondern jeder etwas beisteuert, das er selbst mitgebracht hat. Cooders Slide-Gitarre, Flacos Akkordeon, Pahinuis Slack-Key, der Gospel-Chor im Hintergrund, all das fügt sich zu einem Klang, der nach fünfzig Jahren noch ebenso lebendig wirkt wie am ersten Tag.
Wer sich diesem Klang heute in bestmöglicher Form nähern möchte, kommt an der aktuellen Neuauflage aus der „Acoustic Sounds 40 Series“ kaum vorbei. „Analogue Productions“ bringen ´Chicken Skin Music´ passend zum fünfzigsten Jahrestag der Originalveröffentlichung als zweifaches 180g-Vinyl bei 45 Umdrehungen heraus, komplett neu gemastert von den Original-Masterbändern durch Matthew Lutthans im Mastering Lab, in einer durchgehend analogen Kette ohne jede Digitalisierung.
Gepresst wird bei „Quality Record Pressings“ in Salina, Kansas. Die höhere Bandgeschwindigkeit und der doppelte Datenträger schaffen deutlich mehr Rillenplatz pro Minute Musik, was sich besonders in den leisen Passagen bemerkbar macht. Verglichen mit der ohnehin geschätzten „Mobile Fidelity“-Pressung von 2017 klingt die neue Auflage noch einmal offener und ruhiger. Das schwere Tip-On-Gatefold-Cover von Stoughton Printing mit seinem mattem, kratzfestem Finish rundet ein Paket ab, das auch haptisch nach einer Sonderausgabe aussieht, die sie zweifellos ist.
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