
TAIHR – Allicanto
2026 (Tonzonen Records/Cargo Records) - Stil: Alternative/Progressive Rock
´Allicanto´ von TAIHR gleicht einer Schatzkarte. Schon der Blick auf das Cover führt hinaus aus dem Alltag. Irgendwo zwischen Anden-Legenden, staubigen Minenschächten und den letzten Sonnenstrahlen über der Atacama-Wüste kreist der geheimnisvolle Vogel Allicanto durch die Lüfte. In der chilenischen Mythologie führt er Suchende zu verborgenen Gold- und Silberadern. Eine schöne Geschichte.
Noch schöner ist allerdings die Tatsache, dass TAIHR dieses Bild musikalisch einlösen. Denn wer sich auf dieses zweite Album der Kölner Formation einlässt, entdeckt hinter jeder Kurve neue Klanglandschaften, neue Farben und neue Überraschungen. Es ist die Art von Platte, die man früher an einem verregneten Samstagnachmittag gekauft hätte. Mit einem vorsichtigen Blick auf das Cover, einem kurzen Gespräch mit dem Verkäufer und der Hoffnung, einen Geheimtipp gefunden zu haben. Zuhause hätte man die Nadel auf die erste Rille gesetzt, das Booklet studiert und wäre für vierzig Minuten in einer anderen Welt verschwunden. Im Jahr 2026 wirkt das beinahe altmodisch. Und wunderbar.
TAIHR stammen zwar aus Köln, klingen aber nach deutlich mehr als einer regionalen Rockband. Zwei Musiker mit chilenischen Wurzeln treffen auf unterschiedlichste musikalische Sozialisationen. Alternative Rock, Progressive Rock, Indie, Funk, Jazz, Fusion und Math Rock verschmelzen zu einem Sound, der sich jeder einfachen Schublade entzieht.
Man hört die Abenteuerlust von MARS VOLTA. Man spürt die rhythmische Verspieltheit von KING CRIMSON. In manchen Momenten blitzt die emotionale Größe von PORCUPINE TREE auf. Dann wieder erinnern einzelne Passagen an die frühen INCUBUS, als diese noch keine Angst vor musikalischen Risiken hatten. Doch TAIHR besitzen eine eigene Handschrift.
Sieben Musiker. Sieben Songs. Sieben Jahre Bandgeschichte. Sieben unterschiedliche Perspektiven.
Die Zahl Sieben zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk. Was auf dem Papier wie ein cleveres Konzept wirken könnte, entwickelt auf ´Allicanto´ eine fast mystische Eigendynamik. Jeder Titel trägt die Handschrift eines anderen Bandmitglieds. Das Album wirkt dadurch wie ein musikalisches Kaleidoskop, dessen Einzelteile dennoch ein stimmiges Ganzes ergeben.
Der Opener ´Kiss´ öffnet die Tür mit funkigen Basslinien von Tobias Losch, während Génesis Trinidad Gálvez Jaramillo eine Melodie singt, die sofort hängen bleibt. Die Gitarren von Leon Schmidtke und Maximilian Hartmann tanzen dabei elegant um den Groove herum. Man könnte fast glauben, TAIHR hätten ein zugängliches Indie Rock-Album aufgenommen.
Doch schon wenige Minuten später zeigt ´Pisco Fury´ eine andere Seite. Hier treten die lateinamerikanischen Wurzeln der Band deutlich hervor. Der Titel trägt den Namen des berühmten südamerikanischen Getränks, musikalisch wirkt der Song allerdings eher wie ein berauschender Mitternachtsritt durch Santiago de Chile. Martin Halbfass feuert scharfe Saxophon-Linien ins Geschehen. David Zilz treibt die Band mit explosiver Präzision voran. Die Musik glüht. Sie pulsiert. Sie lebt.
Ein weiterer Höhepunkt ist ´Paper Birds´. Math Rock-Strukturen treffen hier auf eine fast schwerelose Melancholie. Die Gitarren zeichnen filigrane Muster in die Luft, während die Stimme von Génesis Trinidad Gálvez Jaramillo wie ein ruhender Pol durch die komplexen Arrangements führt. Man fühlt sich an jene magischen Momente erinnert, in denen Alternative Rock Ende der Achtziger begann, seine Grenzen zu erweitern. An die Zeit, als Bands noch den Mut hatten, Umwege zu gehen.
´Heavy Rain´ beginnt dagegen zurückhaltend. Fast vorsichtig. Dann wächst er Schicht für Schicht zu einer gewaltigen Klanglandschaft heran. Mauricio Ricardo Inostroza Andrade legt breite Keyboardflächen unter das Geschehen, die Gitarren verdichten sich, das Schlagzeug gewinnt an Gewicht. Irgendwann öffnet sich der Himmel. Der Regen fällt. Und plötzlich steht da diese monumentale Klangwand, die an die großen Alternative Rock-Momente der frühen Neunziger erinnert.
Wie viele klassische Vinyl-Alben wird auch ´Allicanto´ im weiteren Verlauf dunkler. Mutiger. Widerspenstiger. ´Playing Cards´ wirft sämtliche Erwartungen über Bord. Progressive Rock, Jazz-Fusion und verschlungene Songstrukturen verbinden sich zu einem Stück, das bei jedem Durchlauf neue Details offenbart. Die Musiker agieren hier mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Nichts klingt akademisch. Nichts klingt verkopft. Die Virtuosität dient stets dem Song.
Besonders faszinierend gerät ´Skeleton Hooves´. Staubige Gitarrenlandschaften, schwere Riffs und eine beinahe filmische Dramaturgie verwandeln das Stück in eine Reise durch innere Wüsten. Hier zeigt sich, wie weit sich TAIHR seit dem Debüt ´Cambio´ entwickelt haben. Der Sound ist größer geworden. Selbstbewusster. Gefährlicher.
Das Finale gehört schließlich ´Tortugas´. Und was für ein Finale das ist. Über sechs Minuten lang baut die Band einen Klangkosmos auf, der sich irgendwo zwischen Post Rock, Progressive Rock und cineastischer Filmmusik bewegt. Die Instrumente kreisen umeinander, Spannungen entstehen und lösen sich wieder auf. Der Song wirkt wie ein langer Blick über den Horizont. Wie der Moment kurz vor Sonnenaufgang. Wie das Ende einer Reise. Oder der Beginn einer neuen.
In einer Zeit, in der viele Bands ihre Einflüsse möglichst glatt polieren, zelebrieren TAIHR ihre Vielfalt. Die unterschiedlichen musikalischen Hintergründe werden nicht versteckt. Sie bilden das Fundament dieser Musik. Und am Ende landet man wieder bei der Zahl Sieben.
Sieben Musiker. Sieben Songs. Sieben musikalische Goldadern. Und doch wäre eine Bewertung von nur sieben Punkten viel zu niedrig. Denn ´Allicanto´ ist weit mehr als die Summe seines Konzepts. Es ist ein mutiges, leidenschaftliches und bemerkenswert vielseitiges Rockalbum, das seine Hörer immer wieder auf neue Pfade führt. Ganz wie der mythische Vogel, der ihm seinen Namen gab.
Ein vielschichtiges Progressive-Alternative-Rock-Album voller Ideen, Emotionen und Entdeckungen. TAIHR haben ihren musikalischen Goldschatz gefunden.
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