
NUMEN – The Outsider
2025/2026 (Astronomy Recording Music/Just For Kicks Music) - Stil: Neo/Prog Rock
Wenn der Vorhang zu einem über zweistündigen Bildersturm aufzieht und das Scheinwerferlicht die Szenerie erfasst, gibt es für den Hörer kein Entkommen mehr! Die spanischen Neo-Prog-Veteranen NUMEN kehren mit ihrem schier unerschöpflichen Doppelalbum ´The Outsider´ zurück und entfesseln eine gigantische, 101-minütige Rockoper. Was Ende der 90er-Jahre nach dem Debüt ´Samsara´ als vage Idee im Hintergrund keimte, ist nach einem radikalen Besetzungswechsel – allen voran durch den Neuzugang von Ausnahmesängerin Alba Hernández und Gitarrist Juanjo Herrera – zu einem tiefgreifenden Lebenswerk gereift. Über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert, widmet sich diese symphonische Dystopie der „Kraft des Andersseins“ und erzählt die bewegende Geschichte des Protagonisten Paul, der sich von einer konformen Welt entfremdet und auf eine spirituelle Reise durch den Weltraum aufbricht.
Aufgeteilt in zwei monumentale Akte erschaffen NUMEN eine atemberaubende Schnittmenge aus theatralischer Andrew-Lloyd-Webber-Dramatik, MARILLION-Eleganz und der ungezähmten Pracht des frühen GENESIS-Schaffens. Schon das instrumentale ´Overture´ legt die Messlatte extrem hoch. Mit der Präzision und dem Bombast eines gestandenen Broadway-Grabenorchesters wird der Hörer tief in die Parallelwelt des mystischen „Urantia-Buchs“ gezogen. Das direkt anschließende ´Any Day On Urantia´ fängt Pauls alltägliche Isolation in einer technisierten Gesellschaft perfekt ein, ehe das melancholische ´Tears Don’t Fall´ erste emotionale Abgründe offenbart. Im fast zehnminütigen Epos ´Temptations´ prallen verhexte lateinische Gesänge, fette Hammond-Orgeln, knurrige Bassläufe und duellierende Saxophone in einem furiosen Synthie-Finale aufeinander. Nach dem gesellschaftskritischen Groover ´Toys´ folgt mit dem Titel ´PRISTIQ´ eines der großen Highlights. Benannt nach einem Antidepressivum, fungiert der Track als chemische Metapher für Pauls seelische Betäubung, verpackt in einen hypnotischen Mezzosopran-Ohrwurm. Im majestätischen ´White Lies´ gibt sich schließlich Prog-Legende Steve Rothery (MARILLION) die Ehre und veredelt die Trauerweiden-Atmosphäre mit seinen typisch schimmernden Gitarreninjektionen.
Im zweiten Akt dreht die Band in Sachen Dynamik und schwarzem Humor erst recht auf. Die humorvoll-schizofrene Dialog-Operette ´Two Natures In An Elevator´ fängt Panikattacken auf engstem Raum ein, während das augenzwinkernd betitelte ´How To Cut Your Throat While Shaving´ die Brücke von schwebenden Lerner-&-Loewe-Musicals zu einem emotionalen, PINK FLOYD-esken Gitarren-Crescendo schlägt. Direkt gefolgt vom atmosphärischen ´The Abyss Of Non-Being´ und dem sakralen, orgelgetragenen ´The Outsider’s Funeral´ steuert die Saga unaufhaltsam auf ihren Höhepunkt zu. Alba Hernández beeindruckt über die gesamte Distanz mit einer schier unfassbaren Wandlungsfähigkeit zwischen Country-Folk, Shakira-Anklängen und opernhafter Erhabenheit, ehe das fulminante Finale ´Metamorphoseis´ mit feurigen spanischen Gitarren von Jorge Camarero den Hörer staunend entlässt. ´The Outsider´ fordert ungeteilte Aufmerksamkeit, belohnt aber mit einer atmosphärischen Tiefe, die im modernen Progressive Rock ihresgleichen sucht!
(9 Punkte)



