
EUROPE – Come This Madness
2026 (Silver Lining Music / Hell & Back Recordings) – Stil: Melodic Hard Rock / Classic Rock
Neun Jahre Stille, dann das hier. EUROPE aus Stockholm melden sich mit ´Come This Madness´ zurück, dem zwölften Studioalbum einer Band, die 1983 gegründet wurde und seit ihrer Reunion 2003 wieder in der klassischen Besetzung spielt, Joey Tempest am Gesang, John Norum an der Gitarre, John Levén am Bass, Mic Michaeli an den Keyboards, Ian Haugland am Schlagzeug. Wer seit ´The Final Countdown´ dabei ist, weiß, diese fünf haben nie aufgehört, kreativ zu denken.
Produziert wurde die Platte von Tom Dalgety, bekannt von GHOST und RAMMSTEIN, der sich laut Band regelrecht als sechstes Mitglied ins Songwriting eingemischt hat. Aufgenommen im “RMV Studio” in Stockholm, gegründet von Benny Andersson (ABBA) und seinem Sohn Ludvig Andersson. Für den Feinschliff sorgte am Ende Mike Fraser, der Mann hinter dem Sound von AC/DC und METALLICA. Und als wäre das nicht genug Sternenstaub, steuern Tobias Forge von GHOST und Mikael Åkerfeldt von OPETH Background-Gesang bei, zwei der bedeutendsten Stimmen der schwedischen Extrem-Metal-Szene, eingebettet in die opulenten Chöre einer Band, die lehrbuchmäßig das komplette Gegenteil davon ist.

Musikalisch ist ´Come This Madness´ lauter, keyboardlastiger und moderner als die letzten Alben, die noch stark am erdigen Siebziger-Rock von DEEP PURPLE oder LED ZEPPELIN klebten. Der Opener ´One On One´ macht sofort die Zielsetzung klar. Joey Tempest singt fokussierter und angriffslustiger als in den vergangenen Jahren, dazu ein dunkles Riff von John Norum und ein zum Mitsingen anhaltendes Solo.
´The Cult Of Ignorance´ bemüht dramatische Klangflächen in aller Eile, dabei verschmilzt Mic Michaelis Keyboardzauber mit John Norums Riffs zu einem fast bedrohlichen Sog. Der Titeltrack ´Come This Madness´ lebt von seinen explosiven Dynamikwechseln, um zwischen epischen Anwandlungen und großer Hymnenhaftigkeit zu wechseln. An vierter Stelle steht mit ´This Time Of Year´ eine Powerballade, wehmütig und groß, mit einem derart bombastischen Chorarrangement, dass sie das Zeug zum festen Bestandteil jeder zukünftigen Setlist hat.
Direkt danach stellt ´In A Different World´ den wahrscheinlich mächtigsten Refrain des Albums vor – und somit einen der großen Höhepunkte des Albums. ´Scandinavian Eyes´ startet danach als ungebremster Uptempo-Rocker, abermals gar nicht so fern vom Classic Rock á la DEEP PURPLE, bevor ihn im Refrain große Chöre und Mic Michaelis Keyboards in eine fast majestätische Bahn lenken. ´Takin’ It Back´ setzt bewusst auf traditionellen, aber mitreißenden, radiotauglichen Hard Rock, während das kurze ´In The Absence Of Grace´ Piano und Bombast vorzieht.
Einen Song wie das knackige ´The Angels Must Have Flown´ könnte womöglich sogar der späte Ian Gillan singen. Dementsprechend ist auch die alte Band nicht verschwunden und so bricht John Norums Gitarre bei ´The Devil’s Back´ bluesig und roh durch, ganz im Geist von Michael Schenker oder Gary Moore, während sich John Levén und Ian Haugland mit dem organischen, unaufgeregten Groove der klassischen Vorbilder darunter entfalten. In diesem Nebeneinander liegt der eigentliche Trick der Platte, modernes Sounddesign über einem Herzen, das immer noch für die Siebzigerjahre schlägt. Das große Finale krönt ´Nothing Can Follow This´, ein Song, der nochmals melancholisch, episch und hymnisch zum letzten Höhepunkt ansetzt.
Nach neun Jahren Pause hätte man EUROPE auch eine gemütliche Nostalgie-Runde verziehen. Stattdessen liefern sie ihr bislang durchdachtestes Album seit der Reunion, und untermauern das Ganze mit einer Tournee zum vierzigsten Jubiläum von ´The Final Countdown´. Toupierte Haare hin oder her, diese Band hat nichts verlernt.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/europetheband
Pic: Andy Ford
(VÖ: 25.09.2026)



