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A-HA – Hunting High And Low – The 1984 Demos

2025 (Rhino/Warner) - Stil: Minimalistischer Dark-Wave

Manchmal muss man ein Denkmal erst wieder einreißen, um zu verstehen, wie es überhaupt gebaut wurde. Das leistet ´Hunting High And Low – The 1984 Demos´, eine streng limitierte Vinyl-Veröffentlichung, die zum “Record Store Day 2025” erschien und die zehn Songs des legendären A-HA-Debüts in ihrer allerersten, ungeschliffenen Rohform präsentiert. Wer das fertige Album von 1985 im Ohr hat, dieses strahlende, produzierte Meisterwerk aus Falsett und Streichern, das sich weltweit über elf Millionen Mal verkaufte, sollte sich auf einen kleinen Schock gefasst machen. Hier ist nichts poliert. Hier ist alles noch roh, kalt und wunderbar unfertig.

Auf nur 3.000 Exemplaren weltweit gepresst, komplett aus glasklarem, transparentem Vinyl, kommt die LP im Gewand des Originalalbums daher, geschmückt mit bislang unveröffentlichten Fotos der drei Norweger aus jener Zeit. Die reguläre Auflage ist inzwischen weitgehend vergriffen, wie es sich für eine echte RSD-Rarität gehört. Aufgenommen wurde der Großteil dieser Demos 1984 im winzigen “Rendezvous Studio” von John Ratcliff in London, zu einer Zeit, als Morten Harket, Pål Waaktaar-Savoy und Magne Furuholmen frisch aus Norwegen nach England gezogen waren und kaum genug Geld zum Leben am Tag hatten. Diese Beschränkung ist es, die den Demos ihren Charakter verleiht, aufgenommen mit einem Sequential Circuits Prophet-5, einem Roland Juno-60 und einem Yamaha DX7, dazu frühe Drumcomputer wie der LinnDrum, dessen Snares und Handclaps völlig ohne Hall durchschlagen.

Dass diese Rohfassungen heute so kostbar wirken, hat auch mit dem Frust zu tun, den die Band während der eigentlichen Studioarbeit empfand. Pål Waaktaar-Savoy wollte einen organischen Sound mit echten Instrumenten, während Produzent Tony Mansfield stundenlang am Fairlight-Sampler programmierte und, wie Magne Furuholmen es später beschrieb, die Songs in seelenlose Spielzeuge verwandelte. Auf den 1984er-Demos hört man dagegen noch die ursprüngliche Vision der Band, bevor sie zwischen den Fronten von Kunst und Kommerz zerrieben wurde.

Am deutlichsten hört man das an Morten Harkets Stimme. Auf den Demos singt er tiefer, beschwörender, fast mönchisch, ohne den glättenden Hall und die gedoppelten Spuren, die später im Studio hinzukamen. Wer hier zum ersten Mal hinhört, denkt eher an Ian Curtis oder Dave Gahan als an den strahlenden Falsett-Sänger, der ein Jahr später die Welt eroberte. Sein berühmtes Falsett taucht zwar auf, aber sparsam eingesetzt, und wirkt dadurch fast dramatischer als auf der fertigen Platte.

Am eindrücklichsten zeigt sich der Unterschied bei ´Take On Me´, und dieser Song hat ohnehin die wildeste Geschichte des ganzen Albums. Das Riff selbst ist noch älter als A-HA. Waaktaar-Savoy und Furuholmen spielten es bereits als Teenager in ihrer ersten Band BRIDGES, damals unter dem Namen ´Miss Eerie´ und deutlich düsterer im Ton. Unter dem Arbeitstitel ´Lesson One´ wanderte der Song dann durch drei völlig unterschiedliche Versionen, bevor er zur Welthymne wurde. Was hier auf den 1984er-Demos zu hören ist, klingt schwerer, mechanischer, fast wie ein Underground-Track für eine Tanzbar. Das berühmte Riff, gespielt auf dem Juno-60, steht zwar schon im Zentrum, wirkt aber roher und perkussiver als die spätere, mit Effekten geglättete Fassung. Kaum zu glauben, dass die erste offizielle Single-Version 1984 krachend floppte und die Plattenfirma den Song bereits abschreiben wollte, bevor Produzent Alan Tarney ihn schließlich rettete.

Auch ´The Sun Always Shines On T.V.´ ist in dieser Form kaum wiederzuerkennen, ein Dark Wave-Stück aus pulsierendem Bass und nackten Synthesizer-Akkorden, extrem melancholisch, extrem kalt, weit entfernt von der bombastischen Klangwand des Albums. ´Hunting High And Low´ selbst, komponiert von Pål Waaktaar-Savoy angeblich auf einer simplen Kinder-Blockflöte, ist hier ein zerbrechliches Synth-Folk-Stück, getragen von einer einzelnen akustischen Gitarre und schwebenden Keyboardflächen, verletzlicher und intimer, als man es von der später mit Streichern verzierten Albumversion kennt. ´Here I Stand And Face The Rain´, das dramatische Finale, klingt in seiner Demo-Form fast sakral, mit chorartigen Synthesizern, die an eine Kirchenorgel erinnern und dem Stück eine fast gotische Schwere verleihen.

Auch ´Living A Boy’s Adventure Tale´ und ´The Blue Sky´, die im fertigen Album zu den experimentelleren Momenten zählen, wirken in ihrer Demo-Fassung noch offener. Morten Harket improvisiert stellenweise mit reiner Lautmalerei, weil der Text schlicht noch nicht fertig war, und ´The Blue Sky´ trug ursprünglich sogar einen anderen Arbeitstitel. Diese Unfertigkeit ist kein Manko, sie zeigt drei Musiker mitten im Prozess, bevor Produzenten und Plattenfirma ihre Vorstellung von radiotauglichem Pop darüberlegten.

Auch strukturell unterscheiden sich diese frühen Aufnahmen stark vom fertigen Album. Viele Songs folgen 1984 noch nicht dem klassischen Strophe-Refrain-Schema, sondern bauen sich langsamer, fast progressiv auf. ´Train Of Thought´ zieht sich über eine lange, hypnotische Einleitung, die stark an KRAFTWERK erinnert, bevor überhaupt ein Rhythmus einsetzt. Pål Waaktaar-Savoys verzerrte E-Gitarren stehen in Stücken wie ´Love Is Reason´ oder ´I Dream Myself Alive´ noch deutlich im Vordergrund, bevor sie für das fertige Album fast vollständig weichen mussten. Am Ende der Songs gibt es zudem keine sanften Fade-outs, sondern echte, im Proberaum gespielte Schlusspunkte, was den Demos einen ehrlichen Garagenband-Charakter verleiht.

Klanglich ist diese RSD-Pressung eine echte Überraschung. Das Vinyl liegt flach, ist sauber verarbeitet und bleibt frei von störendem Knistern, die Stereotrennung ist bemerkenswert präzise für eine Veröffentlichung dieser Art. Als reines Sammlerobjekt macht auch die Optik Freude, das durchsichtige Vinyl auf dem Plattenteller wirkt beinahe wie ein Fenster in die eigene Klangerzeugung. Wer allerdings den kristallklaren Hifi-Sound des Originalalbums erwartet, sollte seine Erwartungen anpassen. Das Ausgangsmaterial stammt schließlich von Kassetten- und Vierspur-Demos aus dem Jahr 1984, entsprechend staubig und roh klingt manches Detail. Für Enthusiasten ist das kein Makel, sondern der eigentliche Reiz der ganzen Übung. Etwas schade ist das Fehlen von Liner Notes. Wer sich zusätzliche Einordnung gewünscht hätte, zu welchem Zeitpunkt welches Demo entstand oder unter welchen Umständen, geht hier leer aus.

Am Ende bleibt ´Hunting High And Low – The 1984 Demos´ ein faszinierendes Zeitdokument. Kein Ersatz für das fertige Album, sondern seine Vorgeschichte, ein Blick hinter die Kulissen eines Welterfolgs, bevor er überhaupt einer wurde. Man hört drei junge Norweger, die noch nicht wussten, was aus ihnen werden sollte, mit begrenztem Equipment und unbegrenzter Energie. Für Sammler und echte A-HA-Fans ist das Pflichtprogramm, für alle anderen zumindest eine faszinierende Reise zurück zu den Wurzeln eines der größten Popalben der Achtzigerjahre, lange bevor jemand ahnte, dass aus drei Norwegern in einer Souterrainwohnung einmal Weltstars werden würden.

https://www.facebook.com/officialaha

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