
Fangen wir mit einer Kleinigkeit an, die bis heute für Verwirrung sorgt. Heißt die Platte nun ´Nightlife´ oder ´Night Life´? Auf dem Original steht der Albumtitel zusammengeschrieben, der Titelsong dagegen getrennt, und etliche Editionen und Händler (auch bei dieser Neuauflage wieder) haben das munter durcheinandergeworfen. Und wo wir schon beim Titelstück sind, der Refrain stammt gar nicht von Phil Lynott. Den hat er sich, samt Titel, bei Willie Nelsons ´Night Life´ von 1960 ausgeliehen, und auf der Platte steht Nelson bis heute nicht in den Credits. Ein Ire, der einen Countrysänger aus Texas zitiert, das muss man auch erst mal bringen.
Ausgerechnet dieser Song brachte Jim Fitzpatrick auf die Idee fürs Cover. Philip rief ihn damals in Dublin an, spielte ihm über das Festnetz ein paar Stücke vor und erzählte die Geschichten dazu, und aus dem Titelsong über einen Mann, der sich in einer zwielichtigen Unterwelt zu Hause fühlt, wurde die dunkle Raubkatze, die durch die nächtliche Stadt schleicht. Oft wurde vermutet, der Panther sei ein Porträt von Philip selbst. Fitzpatrick verband damit aber auch die Black Panthers und Figuren wie Malcolm X und Martin Luther King. Die Vorderseite stammt von ihm, die Rückseite mit dem Bandfoto vor knallrotem Grund haben Dave und Alan Field gestaltet, und beides ist auf der neuen Pressung originalgetreu übernommen.

Am Mischpult saß neben Lynott Ron Nevison, damals kein Unbekannter. Er hatte als Toningenieur an ´Quadrophenia´ von THE WHO mitgearbeitet und sollte bald auch bei LED ZEPPELIN und später als Produzent für UFO und HEART Spuren hinterlassen. Spannender sind allerdings zwei Namen, die man auf der Rückseite leicht überliest. Der Keyboarder Jean Roussell, bekannt aus der Band von Cat Stevens, und der Arrangeur Jimmy Horowitz mit seinen Streichern verpassen einigen Stücken diesen weichen, souligen Glanz, der die Platte deutlich von den späteren, härteren THIN LIZZY-Alben abhebt. Wer die Rückseite aufmerksam liest, entdeckt dort auch, dass sämtliche Songs bei einem Verlag mit dem wunderbar verschrobenen Namen “Pippin the Friendly Ranger Music Co. Ltd.” erschienen sind.
Gleich ´She Knows´ bekommt Horowitz’ Streicher, und hier taucht zum ersten Mal Scott Gorham als Mitautor auf, ein früher Beweis, dass der Neue mehr konnte als nur gut aussehen. Beim Titelstück mischt Willie Nelson unsichtbar mit, wie oben erzählt. Von ´It’s Only Money´ hat offenbar keiner so recht genug bekommen. CONCRETE BLONDE coverten es 1989, John Norum 2010, THE OBSESSED 2017, und Brian Robertson selbst nahm es 2011, fast vier Jahrzehnte später, für sein Soloalbum ´Diamonds And Dirt´ noch einmal auf. ´Still In Love With You´ wiederum erreichte ein ganz anderes Publikum, als SADE die Ballade 2011 für ihre ´The Ultimate Collection´ neu einspielte. ´Frankie Carroll´ ist schließlich das erste Stück, auf dem Roussells Tasten und Horowitz’ Streicher zusammenkommen.

Seite B eröffnet ´Showdown´, auf dem Roussell erneut in die Tasten greift, ehe ´Banshee´ mit knapp anderthalb Minuten das kürzeste Stück der Platte stellt, benannt nach der Todesfee aus der irischen Sage. Bei ´Sha-La-La´ steht Brian Downey mit in den Autorencredits, und die US Metaller SLOUGH FEG mochten den Song so sehr, dass sie ihn gleich zweimal coverten, 2006 auf einer Split und 2011 noch einmal live. Den Schlusspunkt setzt ´Dear Heart´, wieder mit Roussell und Horowitz, und so endet die Platte so samtweich, wie sie begonnen hat.
Anlass für das Wiederhören ist der „National Album Day 2026“ in Großbritannien, organisiert vom Plattenverband BPI und dem Handelsverband ERA. Rund 85 Alben erschienen dafür als limitierte Sondereditionen, und ´Nightlife´ ist eines davon, als einzelne LP auf orangefarbenem Vinyl, wobei die Farbe laut Händlern leicht variieren kann. Ein frisches Mastering oder Bonusmaterial wird nirgends erwähnt, der Lackschnitt-Vermerk auf der Rückseite gehört zur Replik der Originalhülle von 1974.
Klanglich gibt sich die orangefarbene Scheibe keine Blöße. Die Pressung läuft makellos, kein Knistern und kein Rauschen trübt den Genuss, und das steht einer Platte mit so vielen leisen, souligen Momenten gut zu Gesicht. Weniger Mühe hat man sich bei der Verpackung gegeben. Die Platte steckt in einer schlichten, einfachen Papphülle ohne Klappcover und ohne Beilagen, für eine Sonderedition ein bisschen mager. Wer bereits die schwarze 180g-Ausgabe von 2020 im Regal stehen hat, bekommt hier also vor allem fürs Auge etwas Neues.
Insgesamt eine schöne Gelegenheit, eine Platte wiederzuentdecken, die gern im Schatten von ´Jailbreak´ und ´Live And Dangerous´ steht und doch so viel mehr Geschichten erzählt, als man auf den ersten Blick vermutet.
https://www.facebook.com/ThinLizzyOfficial
(Cover-Illustration: Jim Fitzpatrick
/ © 1974, 2026 Mercury Records / Universal Music)
Bildzitat: Klassisches Artwork-Design und
auffälliges orangefarbenes Vinyl der
limitierten 2026er National Album Day-Edition
von Thin Lizzy – Nightlife
(© 2026 Mercury Records / Universal Music)



