
Drei Jahre nach ´Tutu´ dachte Miles Davis noch immer nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Mit Anfang sechzig hörte er lieber, was in den Clubs von Washington, Paris oder New York gerade die Leute zum Tanzen brachte, statt in den eigenen Klassikern zu blättern. Und wieder richtete er den Blick nach Südafrika. “Amandla” heißt auf Zulu und Xhosa Macht, und mit diesem Ruf eröffnete die Anti-Apartheid-Bewegung ihre Kundgebungen, worauf die Menge “Awethu” zurückrief, sie gehört uns. Davis machte daraus seinen Albumtitel, und wie zur Bestätigung prangt auf dem Cover ein farbenprächtiges Gemälde, das er gemeinsam mit der Künstlerin Jo Gelbard geschaffen hat, ebenso bunt zusammengesetzt aus vielen Welten wie die Musik dahinter.
Ein letztes Mal holte er sich dafür Marcus Miller an die Seite. Nach ´Tutu´ und dem Filmsoundtrack ´Music From Siesta´ war ´Amandla´ die dritte und zugleich abschließende Zusammenarbeit der beiden. Miller schrieb sechs der acht Stücke, spielte Bass, Keyboards und seine geliebte Bassklarinette und produzierte erneut mit Tommy LiPuma. Ein entscheidender Unterschied fällt allerdings sofort auf. Während Miller bei ´Tutu´ noch fast alles allein in den Rechner und auf die Bandmaschine gezaubert hatte, stand diesmal wieder eine echte Band im Studio. Kenny Garrett am Altsaxofon, Omar Hakim, Al Foster und Ricky Wellman an den Drums, Joe Sample am Flügel, dazu Percussion von Don Alias, Mino Cinelu und Paulinho Da Costa. Die Maschinen sind zwar noch da, aber zwischen ihnen lebendige Musiker.

Stilistisch fischte Miles Davis in allen möglichen Gewässern. Aus der Karibik kam der Zouk, für den er sich von der Band KASSAV’ begeistern ließ, aus Washington der Go-Go, und für den sorgte mit Ricky Wellman ausgerechnet der Schlagzeuger, der diesen Groove einst bei CHUCK BROWN & THE SOUL SEARCHERS mitgeprägt hatte. Darüber legten sich Funk und hin und wieder ein Hauch Hip-Hop, und Miles selbst spielte oft gedämpft und sparsam, mit viel Platz zwischen den Tönen. Den Gegenpol lieferte Kenny Garrett, dessen Alt mit hellem Feuer immer wieder dort nachhakte, wo die Trompete schwieg.
Ursprünglich bei „Warner Bros.“ erschienen, dreht sich ´Amandla´ nun dank „Rhino“ wieder auf schwarzem Vinyl, und zwar in der Reihe “Rhino Reserve”. Die Lackfolien schnitt Matthew Lutthans in “The Mastering Lab” direkt von den analogen Bändern, gepresst wurde auf 180g bei “Fidelity Record Pressing”. Bei einer Produktion aus jener Zeit, als alle Welt auf die CD schielte, ist das keine Nebensache, zumal schon das Original mit Bill Schnee am Mischpult und Doug Sax beim Mastering in besten Händen lag. Millers Slap-Bass federt satt, die Percussion bekommt Raum, und die gedämpfte Trompete steht plastisch und luftig im Raum. Die Platte läuft plan und ruhig, und gerade in den leisen Momenten zeigt sich, wie sauber hier gearbeitet wurde.
Den Anfang macht ´Catémbe´, benannt nach einem Mischgetränk aus Rotwein und Cola, das in Mosambik und Angola gern getrunken wird, und so beschwingt klingt das Stück auch. George Duke steuerte das geschmeidige ´Cobra´ bei, inklusive eigener Produktion und Michael Landau an der Gitarre. Bei ´Big Time´ peitscht Ricky Wellman den Go-Go nach vorn, ´Hannibal´ schwankt zwischen kühler Elektronik und einer Melodie, die einem warm ums Herz macht, und in ´Jo-Jo´ fetzen Jean-Paul Bourellys Gitarre und Rick Margitzas Tenor durch einen knochentrockenen Funk. Der Titelsong ist eine Ballade von ruhiger Eleganz, bei der Joe Sample am Flügel und Kenny Garrett mit einem seiner schönsten Soli glänzen. ´Jilli´ stammt von John Bigham, der Keyboards, Gitarren und Drumprogramming gleich selbst übernahm, und groovt mit Billy “Spaceman” Patterson an der Wah-Wah-Gitarre in Richtung Hip-Hop. Am Ende steht ´Mr. Pastorius´, Millers Verbeugung vor dem 1987 verstorbenen Bassisten Jaco Pastorius, mit Al Foster am Schlagzeug fast ein klassisches Jazzstück, und Miles bläst darin so lyrisch, dass man für ein paar Minuten vergisst, in welchem Jahrzehnt man sich befindet.

Den Puristen war das damals natürlich wieder zu poppig, zu sehr Achtziger. Mit dem Abstand der Jahre sieht man ´Amandla´ heute oft als das rundere, menschlichere Pendant von ´Tutu´. Gut zwei Jahre nach Erscheinen war Miles Davis tot, und so bleibt dieses Album auch das Zeugnis eines Musikers, der bis zum Schluss neugierig blieb und sich weigerte, kreativ stillzustehen.
Amandla, rief er der Welt zu. Und wer diese Platte heute auflegt, möchte immer noch antworten, Awethu.
https://www.facebook.com/MilesDavis
(Gemälde & Cover-Artwork: Miles Davis & Jo Gelbard /
© 1989, 2026 Warner Bros. Records Inc. / Rhino Entertainment)
Bildzitat: Edles, hochglänzendes Rhino-Hi-Fi-Jacket
und audiophiles, schweres Premium-Vinyl der 2026er
Rhino-Sonderpressung von Miles Davis – Amandla
(© 2026 Warner Bros. Records Inc. / Rhino Entertainment)



