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RAMONES – Ramones

1976/2026 (Analogue Productions) – Stil: Punk

Vier Kerle aus Queens tragen denselben Nachnamen, obwohl keiner mit dem anderen verwandt ist, und das ist schon der erste gute Witz dieser Geschichte. New York steht Mitte der Siebziger kurz vor der Pleite, im Radio regieren Zehnminutensoli und Bands, die zum Konzert lieber fliegen als fahren. Unten an der Bowery, im “CBGB” und im “Max’s Kansas City”, stehen seit gut anderthalb Jahren die RAMONES auf der Bühne. Lederjacken über zerrissenen Jeans, Pilzköpfe bis über die Augen. Keiner lächelt. Einer zählt vor, schon geht’s los, so laut und so schnell, dass die Leute in der ersten Reihe nicht wissen, ob sie lachen oder davonlaufen sollen.

Joey singt, als hätte er sich mit dem Mikrofon verlobt. Johnny hämmert seine Abwärtsschläge wie eine Maschine, die niemand abschalten kann. Dee Dee brüllt die Einzähler und schreibt den Großteil der Songs, Tommy trommelt, als ginge es um sein Leben. Lisa Robinson, Redakteurin bei “Hit Parader”, sieht die Band im “CBGB” und schreibt sich die Finger wund. Danny Fields, der einst die STOOGES gemanagt hatte, übernimmt das Management. Der Produzent Craig Leon schleppt eine Demo zu Seymour Stein, und plötzlich hat das Label „Sire“, das bis dahin vor allem europäische Progrockbands im Programm führte, vier Ledertypen aus Queens unter Vertrag.

Im Januar 1976 geht’s ins Studio. “Plaza Sound” liegt im achten Stock der “Radio City Music Hall”, ausgerechnet dort, wo sonst die Revuegirls die Beine schwingen. Eine Woche und 6.400 Dollar, mehr brauchte es nicht. Drei Tage für die Instrumente, vier für den Gesang. Leon und Toningenieur Rob Freeman trennen den Klang radikal, der Bass liegt links, die Rhythmusgitarre rechts, Gesang und Schlagzeug knallen aus der Mitte. Wie eine überdrehte BEATLES-Platte, nur eben mit dem Gaspedal am Bodenblech. Gemastert hat damals Greg Calbi. Joeys Bruder Mickey Leigh singt im Hintergrund mit, Freeman ebenfalls, aber in den Credits taucht keiner von beiden auf. Johnny wollte nicht, dass jemand durcheinanderkommt, wer zur Band gehört und wer nicht. Die Bruderschaft der RAMONES duldete keine Gäste auf dem Cover.

Und was für ein Cover. Roberta Bayley, damals Fotografin beim “Punk”-Magazin, hatte die vier gegen eine Backsteinmauer am “Albert’s Garden” an der Bowery gelehnt fotografiert, und das Label kaufte das Bild für ganze 125 Dollar, nachdem ein Shooting im Stil von ´Meet The Beatles!´ niemanden überzeugt hatte, sodass heute ein Schnappschuss für Kleingeld zur Sammlung des “Museum of Modern Art” gehört und als eines der meistkopierten Plattencover der Welt gilt. Auf der Rückseite prangt eine Gürtelschnalle mit Adler, fotografiert von Arturo Vega in einem Fotoautomaten.

Vierzehn Songs in neunundzwanzig Minuten, und kein Gitarrensolo, das den Namen verdient.

´Blitzkrieg Bop´ eröffnet, und nach rund zwanzig Sekunden ertönt der berühmte Schlachtruf, der längst zum Allgemeingut der Rockmusik geworden ist. Tommy hatte den Song ursprünglich ´Animal Hop´ genannt, eine harmlose Nummer über Kids, die zum Konzert gehen und Spaß haben, bevor Dee Dee den Text umschrieb. ´Beat On The Brat´ entstand, als Joey in seiner Wohnsiedlung in Forest Hills verzogene Bälger und ihre Mütter beobachtete. Schwarzer Humor, so trocken, dass er staubt. ´Judy Is A Punk´ ist mit anderthalb Minuten der kürzeste Song der Platte und erzählt die erfundene Geschichte zweier junger Rabauken, die irgendwo zwischen Berlin und San Francisco ein trauriges Ende nehmen könnten.

Mittendrin, völlig unerwartet, ´I Wanna Be Your Boyfriend´. Das langsamste Stück der Platte, von Tommy allein geschrieben, eine Verneigung vor den Liebesliedern der Sechziger, mit zwölfsaitiger Gitarre, Glockenspiel und Röhrenglocken. Wer glaubte, diese Lederjacken hätten kein Herz, wurde hier eines Besseren belehrt. ´Chain Saw´ reißt einen danach mit dem Kreischen einer Kreissäge aus der Romantik, inspiriert vom Horrorfilm „The Texas Chain Saw Massacre“ und mit knapp 180 Schlägen pro Minute das schnellste Stück des Albums. Dee Dees ´Now I Wanna Sniff Some Glue´ kommt mit vier Zeilen über Vorstadtlangeweile und Klebstoffdämpfe aus und gab einem der ersten Punk-Fanzines Englands seinen Namen, Mark Perrys ´Sniffin’ Glue´. Scheibe eins der „Analogue Productions“-Pressung endet mit ´I Don’t Wanna Go Down To The Basement´, mit zweieinhalb Minuten der längste Song, ein kleiner Horrorfilm aus drei Zeilen und drei Akkorden, der den Gruselkeller der B-Movies in pures Getöse übersetzt.

Scheibe zwei. ´Loudmouth´ ist ein einziger Wutausbruch, harmonisch erstaunlich vertrackt für eine Band, der man nachsagte, nur drei Griffe zu können. ´Havana Affair´ verwandelt die Comicspione aus „Spy vs. Spy“ in eine absurde kleine Agentenposse und stürzt sich ohne Pause in ´Listen To My Heart´, den ersten von unzähligen RAMONES-Songs über eine Beziehung, die längst in Trümmern liegt. ´53rd & 3rd´ ist das dunkelste Stück der Platte. Dee Dee erzählt von einem jungen Stricher an jener berüchtigten Straßenecke in Midtown Manhattan, der sich auf grausige Weise beweisen will, und hat den Song selbst als autobiografisch bezeichnet. Im Mittelteil bellt er seine Zeilen selbst ins Mikrofon, und plötzlich ist da kein Comic mehr, nur noch die kalte Straße.

Mit ´Let’s Dance´ von Chris Montez gibt’s die einzige Coverversion der Platte, und Craig Leon setzt sich dafür an die riesige Wurlitzer-Orgel der “Radio City Music Hall”. Kinopalast-Pathos mitten im Punkgewitter, herrlich bescheuert. ´I Don’t Wanna Walk Around With You´ gehört zu den allerersten Songs der Band, Anfang 1974 geschrieben, zwei Zeilen und drei Akkorde, und keine Sekunde zu viel. Daraus springt die Platte ohne Atempause in ´Today Your Love, Tomorrow The World´, Dee Dees provokante Nummer über einen Hitlerjungen, deren ursprüngliche Textzeile Seymour Stein so übel aufstieß, dass er mit der Streichung drohte, bis die Band einen entschärften Vers nachlieferte. Aus. Man sitzt da, die Ohren klingeln, und fragt sich, was da gerade passiert ist.

Kommerziell war das ein Desaster. Platz 111 in den amerikanischen Charts, zwei Singles, die nirgendwo landeten. Doch in England schlug das Album ein, und am 4. Juli 1976 standen die RAMONES im Londoner “Roundhouse” im Vorprogramm der FLAMIN’ GROOVIES auf der Bühne. Der Funke sprang über, und zwar gewaltig. Was die vier aus Queens da vormachten, wirkte auf die junge britische Szene wie ein Weckruf, denn plötzlich war klar, dass man weder Virtuose noch Superstar sein musste, um eine Band zu gründen. Die jungen Bands der Insel drehten von heute auf morgen das Tempo hoch und schrumpften ihre Songs auf zwei Minuten zusammen. THE DAMNED, THE CLASH, später BLACK FLAG, die MISFITS und Jahrzehnte danach GREEN DAY standen alle in der Schuld dieser vier. 2012 wurde das Debüt der RAMONES in das amerikanische „National Recording Registry“ aufgenommen, als bewahrenswertes Kulturgut der Nation, und inzwischen hat es in den USA Platin erreicht. Fünfzig Jahre hat das gedauert. Punk war eben nie besonders gut im Pünktlichsein.

Den Iro, die Nieten und die Stiefel bastelte sich die Szene später dazu, in London und überall sonst. Angefangen hat alles mit vier Typen aus Queens in Lederjacke, die beschlossen, dass Rock ’n’ Roll wieder schnell, kurz und laut zu sein hat.

Zum 50. Geburtstag des Albums haben „Analogue Productions“ die Platte 2026 in der „Acoustic Sounds 40“-Reihe neu aufgelegt, und zwar als richtig dickes Brett. Zwei LPs aus 180g, gepresst bei „Quality Record Pressings“ in Salina, Kansas, von Matthew Lutthans bei „The Mastering Lab“ vom originalen Masterband gemastert und mit 45 Umdrehungen geschnitten. Für ein Album von neunundzwanzig Minuten ist das fast schon Luxus, denn auf jeder Seite bleibt so viel Platz, dass die Rillen breit ausfallen dürfen. Das Klappcover stammt von Stoughton Printing, im alten Tip-on-Stil mit zwei Taschen, schwer und edel, und Bayleys Backsteinmauer wirkt darauf wuchtiger denn je. Die bedruckte Innenhülle von damals ist erstmals als Innenseite des Klappcovers gestaltet, ein Detail, über das sich jeder Sammler freuen dürfte.

Das radikale Stereobild der Platte, Bass links, Gitarre rechts, profitiert von der breiten Rille, die Kanäle stehen sauber getrennt, und das Fundament bekommt Luft. Der Preis dafür ist, dass man nach drei oder vier Songs schon wieder zum Plattenspieler laufen muss. Für eine Band, deren Songs selten länger als zwei Minuten dauern, ist das zugegebenermaßen ein kurioses Ritual, aber irgendwie auch ein punkiges.

Neunundzwanzig Minuten, die die Rockmusik in ein Vorher und ein Nachher teilten, und fünfzig Jahre später klingen sie immer noch, als hätte jemand gerade die Tür zum Proberaum aufgetreten.

Jahrhundertplatte.

https://www.facebook.com/theramones


Cover-Artwork: „Ramones“ von Ramones
(Fotografie: Roberta Bayley /
Backcover-Design & Logo: Arturo Vega /
© 1976, 2026 Sire Records / Analogue Productions)

LP-Fotos: SaitenKult, Michael Haifl –
Bildzitat: Massives Stoughton-Gatefold-Jacket
und audiophiles 45-RPM-Doppel-Vinyl der
2026er Analogue Productions-Edition von Ramones – Ramones
(© 2026 Analogue Productions / Sire Records)

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