
KEVIN SUN – Kevin Sun, II
2026 (Endectomorph Music) – Stil: Modern Jazz, Post-Bop
Während der erste Teil im Labor reifte, entstand ´Kevin Sun, II´ im Kern an einem einzigen Nachmittag im April 2025 im “Terrarium” in Minneapolis. Hinter der Band lag eine Woche auf amerikanischen Straßen, die Sun selbst rückblickend als Höllentour bezeichnet. Walter Stinson, der Faden zwischen beiden Platten, steht wieder am Bass, hinzu kommen Christian Li am Klavier und Kayvon Gordon am Schlagzeug. Diesmal wollte Sun so klingen wie auf der Bühne, nahezu ohne Schnitte. Das dunkler gehaltene Cover zeigt ihn mit dem Instrument in der Hand, und zum Artwork gehört ein Kupferstich Luzifers von Michael Burghers aus der ersten illustrierten Ausgabe von “Paradise Lost” aus dem Jahr 1688. Das passt zu einer Platte, die gleich zweimal in die finsteren Welten von „FromSoftware“ hinabsteigt.
Am Anfang steht ´Unformed, Shrouded By Fog (Souls Prologue)´, gewidmet der malaysischen Schauspielerin Lim Pik-Sen, deren Stimme die Erzählungen der “Dark Souls” Trilogie trägt und die kurz nach der Aufnahme mit 85 Jahren starb. Sun hat ihren gesprochenen Prolog zum ersten Spiel von 2011 als Melodie transkribiert und harmonisiert, bis sich die tonale Begleitung auf halber Strecke in eine Erkundung des Klaviertrios auflöst. Für Shunsuke Kidas ´Souls Of Mist´ aus “Demon’s Souls” hatte Sun beim Arrangieren Coltranes ´Crescent´ im Ohr. ´Song No. 2´ stellt eine knappe, sangliche Melodie gegen kontrastierende Harmonien und erreicht über eine improvisierte Kadenz einen zweideutigen Schlussakkord.
´Laura Palmer’s Theme´ aus “Twin Peaks” hatte Sun schon zu Studienzeiten um 2013 arrangiert. Nachdem Angelo Badalamenti und im Januar 2025 auch David Lynch gestorben waren, holte er die Bearbeitung hervor, als Verbeugung vor einem Regisseur, der seiner Vision ohne Rücksicht auf den Markt treu blieb. Hinter ´Belong, Sonny´ verbirgt sich ein Anagramm von Benny Golson, dessen ´Stablemates´ das Rohmaterial liefert. Der Tod des Saxofonkolosses Sonny Rollins verlieh dem Stück nachträglich einen ernsteren Unterton, und so wurde es zur Hommage an zwei Giganten, die beide nicht mehr leben.
´Forest Corridors III´, entstanden während Suns Lektüre über die Sonatenform, rückt das Trio aus Li, Gordon und Stinson ins Licht, mit dem Klavier als treibender Kraft. Den Schlusspunkt setzt ´Chanson´, Sakamotos zarter Walzer aus dem Soloklavieralbum ´BTTB´ von 1999, den das Quartett mit einem klassischen Arrangeurgriff in beschwingten Swing im Viervierteltakt verwandelt. Lis Solo-Einleitung und sein Solo, ein Kabinettstück harmonischer Fantasie mit widerborstiger Phrasierung, zählen zu den Glanzlichtern dieses Nachmittags.
Wer den ersten Teil als Reise durch den Kopf erlebt hat, findet hier das schlagende Herz dazu. Diese Platte atmet, und ihre Kraft schöpft sie aus dem Vertrauen einer Band, die sich auf der Straße gefunden hat.
(8,5 Punkte)
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