
Robert Reed – KOMPENDIUM: Beneath The Waves – The Director’s Cut
2012/2026 (Tigermoth Records/Just For Kicks Music) – Stil: Symphonic Prog, Celtic Prog
Vierzehn Jahre hat es gedauert, bis Robert Reed mit diesem Album seinen Frieden gemacht hat. ´Beneath The Waves´ war schon 2012 ein Brocken, ein Konzeptalbum im großen Stil der Siebziger, mit echtem Orchester, echtem Chor und einer Gästeliste, bei der jedem Prog-Freak die Kinnlade auf den Teppich knallt. Aber Reed, bekannt durch MAGENTA, CYAN, CHIMPAN A und seine ´Sanctuary´-Reihe, war nie ganz zufrieden. Jetzt also der Director’s Cut, komplett neu abgemischt und stellenweise umarrangiert, dazu drei zusätzliche Stücke, knapp 77 statt gut 67 Minuten. Reed selbst hält es für das beste Album seiner Laufbahn, und nach den ersten Durchgängen fällt es schwer, ihm zu widersprechen.
Mehr als drei Jahre steckte er damals in die Arbeit, das Vorbild hieß Jeff Waynes ´War Of The Worlds´. Erzählt wird von Verlust in seiner härtesten Form. Connor McGregor verliert erst seine Tochter, dann seine Frau, und die Trauer zieht ihn unaufhaltsam zum Meer. Schwere Kost, aber Reed erzählt sie mit so viel Zärtlichkeit, dass man nicht wegschauen kann. Auf dem Cover, das wie schon 2012 ein Gemälde von Geoff Taylor schmückt und nun um den Zusatz „The Director’s Cut“ ergänzt wurde, liegen Frau und Kind im Meer, während im Hintergrund das Gesicht eines Mannes mit den Wellen verschmilzt, und so ist die ganze Familie schon auf dem Bild vereint und doch durch das Wasser getrennt.
Die Besetzung liest sich wie die Aufstellung eines Prog-Allstarspiels. Reed selbst greift zu Bass, Gitarren, Keyboards, Blockflöten und Melodica. Steve Balsamo und Angharad Brinn tragen die Geschichte mit ihren Stimmen, Gavin Harrison von PORCUPINE TREE und THE PINEAPPLE THIEF sitzt am Schlagzeug, Nick Beggs zupft den Chapman Stick. An den Gitarren wechseln sich Steve Hackett, Nick Barrett, Jakko Jakszyk, Francis Dunnery, John Mitchell, Chris Fry, Neil Taylor und Hywel Maggs ab, dazu kommt BJ Cole an der Pedal Steel. Mel Collins bläst Saxofon, Troy Donockley lässt die Uilleann Pipes klagen, und Barry Kerr bringt mit Shanty-Gesang und Irish Whistle Hafenluft in die Kajüte. Neu dabei sind Peter Jones von CAMEL und TIGER MOTH TALES sowie Les Penning, der schon mit Mike Oldfield gearbeitet hat. Obendrauf kommen Synergy Vocals, das London Session Orchestra mit Arrangements von Dave Stewart, die Opernstimmen von Shan Cothi und Rhys Meirion sowie der English Chamber Choir unter Guy Protheroe, der schon auf Rick Wakemans ´Journey To The Centre Of The Earth´ sang. Aufgenommen wurde unter anderem in den “Abbey Road Studios” und den “Angel Studios”.
Die Ouvertüre ´Exordium´ breitet über neun Minuten die Leinwand aus, ´Lost´ und ´Lilly´ führen hinein in die Familie, deren Glück bald zerbricht. Mit ´My Soul Laid Bare´ taucht das erste neue Stück auf, anderthalb Minuten, ein kurzer Blick ins Innere des Erzählers. ´Mercy Of The Sea´ tanzt mit Pfeifen und Flöten über die Planken, danach folgt mit ´Stars´ der zweite Neuzugang. Mit ´The Storm´ steht das Monster der Platte im Raum, über elf Minuten Seegang, Chorgewalt und Gitarrengewitter.
Der Titelsong lässt den Sturm abklingen, ´The Calling´ ist mit unter einer Minute ein Flüstern zwischen den Kapiteln, und ´Sole Survivor´ samt ´Alone´ erzählen von der Einsamkeit dessen, der übrig bleibt. Für ´Il Tempo È Giunto´ tritt für drei Minuten ein Tenor ins Rampenlicht, und Rock weicht großer Arie. ´A Moment Of Clarity´ und ´One Small Step´ bringen wieder Rockboden unter die Füße, bevor ´Reunion´ alle Fäden zusammenknüpft. Das Finale ist gegenüber 2012 um fast zwei Minuten gewachsen und dauert nun siebeneinhalb, ´Lilly´ hat ebenfalls deutlich zugelegt, und so verraten schon die Spielzeiten, dass Reed nicht bloß drei Stücke angeklebt, sondern das ganze Werk von innen heraus umgebaut hat.
Kitsch lauert natürlich an jeder Ecke, denn Reed liebt die große Geste. Doch sobald der Pathos überzuschwappen droht, dreht er den Hahn zu und lässt die Geschichte für einen Moment ganz leise weitererzählen. Dieses Gespür für Ebbe und Flut ist die eigentliche Stärke der Platte.
Eine Kehrseite gibt es allerdings. Die Ausgabe von 2012 hatte noch eine DVD mit Surround-Mischungen und Videos dabei, der Director’s Cut verzichtet darauf, und die Texte gibt es nur zum Herunterladen. Die Deluxe-Ausgabe legt immerhin ein Buch und signierte Postkarten obendrauf.
Musikalisch aber ist das hier die Fassung, die Robert Reed immer im Kopf hatte. Ein Schiff, das nach vierzehn Jahren endlich mit vollen Segeln ausläuft.
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Cover-Artwork: „KOMPENDIUM: Beneath The Waves
– The Director’s Cut“ von Robert Reed
(Cover-Illustration: Geoff Taylor /
© 2026 Tigermoth Records)



