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ROXY MUSIC – For Your Pleasure

1973/2026 (Island EMI/Universal Music Recordings) – Stil: Art Rock, Glam Rock

Das erste Album hatte eingeschlagen, und plötzlich schaute ganz England auf diese fünf Paradiesvögel. Bryan Ferry zog sich Anfang 1973 zurück, weit weg von London, in ein karges Häuschen in den Derbyshire Dales, das ihm sein alter Studienfreund Nick de Ville überließ. Ein paar Tage, ein vollgepacktes Auto, ein Mann allein mit seinen Ideen. Aus dieser kurzen Klausur kamen die ersten Entwürfe für ´In Every Dream Home A Heartache´ und ´Editions Of You´, und mit ihnen das Gefühl, dass er nun für Leute schrieb, die aufmerksam zuhörten. Erwartungen also, aber die Sorte, die beflügelt statt lähmt.

Im Februar 1973 ging es in die “AIR Studios”. Ferry, Phil Manzanera, Andy Mackay, Brian Eno und Paul Thompson, ergänzt um John Porter als Gast am Bass, nahmen sich diesmal Zeit, viel mehr als beim Debüt, und produzierten gemeinsam mit Chris Thomas und John Anthony. Am Mischpult wurde mindestens so viel komponiert wie am Klavier. Zugleich knirschte es zwischen Ferry und Eno inzwischen hörbar. Was beim ersten Album noch fruchtbare Reibung gewesen war, ließ sich nun nicht mehr zusammenhalten, und Eno verließ die Band nach diesen Aufnahmen. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch, in Großbritannien kletterte die Platte bis auf Platz vier und damit höher, als es das Debüt geschafft hatte.

Das Cover, für das Karl Stoecker Ferrys damalige Freundin Amanda Lear im hautengen Leder mit einem schwarzen Panther an der Leine vor nächtlicher Großstadt fotografierte, gestylt von dem inzwischen verstorbenen Antony Price und von Ferry und de Ville ersonnen, verspricht Verführung und Gefahr in einem Atemzug, wobei ausgerechnet Eno es zu klischeehaft und prätentiös fand. Auf der Innenseite wartet Ferry als Chauffeur neben einer Limousine, ein kleines Rollenspiel in einem leeren Autosalon in Marylebone.

Den Auftakt macht ´Do The Strand´, ein Tanz, den es nie gab, beschworen mit einem Furor, als müsste er sofort in jede Disco der Welt. Rhythmisch steht er, wie später ´Editions Of You´, auf demselben unruhigen Fundament wie ´Virginia Plain´, jene erste Single der Band, die 1972 noch als Vorbote ganz für sich allein erschienen war. ´Beauty Queen´ schlägt danach einen sanften, sehnsüchtigen Ton an, ein Liebeslied, das zu wissen scheint, dass es zu spät kommt. ´Strictly Confidential´ senkt das Licht noch weiter, ein Bekenntnis hinter vorgehaltener Hand, in dem Mackays Oboe wie aus einem anderen Jahrhundert herüberweht.

Mit ´Editions Of You´ reißt die Band die Tür wieder auf, und Enos Synthesizer verzerrt sich dabei zu Klängen, die er selbst später genüsslich ungenießbar nannte. Bei ´In Every Dream Home A Heartache´ schwenkt das Album endgültig ins Unheimliche. Ein Mann in seinem makellosen Heim, umgeben von allem, was Geld kaufen kann, und seine einzige Gesellschaft ist eine aufblasbare Puppe. Kurz vor Schluss scheint das Stück zu verlöschen, nur um danach in einem schwindelerregend phasenden Nachspiel wiederaufzuerstehen. Ein Studiotrick, der sich bis heute wie ein Schock anfühlt.

Die zweite Plattenseite gehört den langen Schatten. ´The Bogus Man´ erzählt über mehr als neun Minuten von einem, der anderen nachstellt, getragen von einem Schlagzeug, das stoisch seine Bahnen zieht, während Mackay sein Saxofon absichtlich neben der Tonart spielt. ´Grey Lagoons´, schon 1971 entstanden, bringt mit Saxofon und Mundharmonika einen Hauch Rock ’n’ Roll zurück, bevor auch der Titelsong, ebenfalls ein Kind jener frühen Tage, das Album beschließt. Er verdämmert in einem Gespinst aus Bandschleifen, in das Eno Fragmente aus ´Chance Meeting´ vom Debüt einfließen lässt, bis am Ende ausgerechnet die Stimme von Judi Dench den letzten Satz spricht.

Zur Neuauflage erscheint ´For Your Pleasure´ in einer ganzen Reihe von Ausgaben, von der großen Super-Deluxe-Box bis zur Blu-ray mit neuen Atmos-, 5.1- und Stereomischungen. Die 2CD liegt dazwischen, gebunden in einem festen Digibook mit neuem Essay und bisher unveröffentlichten Fotos. Die erste Scheibe trägt das Originalalbum, die zweite öffnet die Tür zur Werkstatt.

Auf ihr hört man ROXY MUSIC beim Suchen. Fast jedes Outtake aus den “AIR Studios” ist deutlich länger als die fertige Fassung. ´Beauty Queen´ und ´Strictly Confidential´ dehnen sich auf rund sechs Minuten, ´Grey Lagoons´ auf über sieben, und ´The Bogus Man´ kreist ganze zwölf Minuten lang, bevor die Band ihn auf Albumlänge stutzte. Ein zweiminütiges „Eno Tape“ zum Titelsong legt offen, aus welchen Bandschleifen das Finale gewebt wurde. Dazu kommt ´Pyjamarama´, die Single, die dem Album vorauseilte und in Großbritannien bis auf Platz zehn stieg, samt ihrer B-Seite ´The Pride And The Pain´ und einem kurzen Studio-Outtake. Den Abschluss bilden Radioaufnahmen für die BBC, ´Grey Lagoons´ aus dem “Paris Theatre” sowie ´Pyjamarama´, ´Do The Strand´, ´Editions Of You´ und der Titelsong aus den Peel Sessions.

Ein Panther an der Leine, eine Puppe im Penthouse, und dazwischen fünf Männer, die damals schon wussten, wie die Zukunft klingt.

Klassiker.

https://www.facebook.com/roxymusic


(VÖ: 06.11.2026)

Cover-Artwork: „For Your Pleasure“ von Roxy Music
(Fotografie: Karl Stoecker /
Art-Direction & Konzept: Nicholas de Ville & Bryan Ferry /
© 1973, 2026 Virgin Records / Universal Music Recordings)

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