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MICHEL ST-PERE – Like Father Like Son

2026 (Unicorn/Just For Kicks Music) - Stil: Instrumental Rock, Progressive Rock

Jeder Gitarrist hat diesen einen Moment im Kopf, die tauben Fingerkuppen und die Saiten, die viel zu hoch über dem Griffbrett liegen. Michel St-Père war ein Knirps von neun, als sein Vater ihm zeigte, wohin die Finger gehören. Gut ein halbes Jahrhundert ist das her, und nun legt der Gründer von MYSTERY, der auch bei HUIS die Saiten zupft, sein allererstes Soloalbum vor, eine Verbeugung vor diesem Anfang.

Eigene Songs gibt es diesmal keine. Stattdessen fünfzehn Instrumentalstücke, die wie Wegmarken an seinem Lebensweg stehen. Etliche davon kursierten zuerst als Demo-Videos im Netz, und die Fans ließen nicht locker, bis er sie endlich ordentlich aufnahm. Dafür hat er sich eine Rhythmusgruppe geholt, bei der jeder Proggie kurz schlucken muss. Jimmy Keegan von SPOCK’S BEARD und PATTERN-SEEKING ANIMALS sitzt am Schlagzeug, Jonas Reingold von THE FLOWER KINGS und KARMAKANIC, der außerdem in Steve Hacketts Band spielt, greift in die bundierten und bundlosen Bässe.

Schon das Cover, auf dem St-Père mit seiner E-Gitarre im Scheinwerferlicht steht, umhüllt von Bühnennebel in rauchigem Grau und Schwarz, zeigt einen Mann, der ganz in seinem Instrument versunken ist und die Welt drumherum vergessen hat.

Den Startschuss gibt das Thema aus ´Star Trek´, keine anderthalb Minuten lang, ein Gruß an all die Abende vor dem Familienfernseher. Henry Mancinis ´Peter Gunn´ bekommt anschließend einen Tritt in den Hintern und rollt mit tiefgelegtem Bass durch die Boxen. Bei ´Apache´ hört man, wie sehr THE SHADOWS eine ganze Generation an die Gitarre gelockt haben, und Santo & Johnnys ´Sleep Walk´ gleitet so samtweich dahin, dass man unwillkürlich langsamer atmet.

Dann reitet Ennio Morricone ein. Drei Stücke aus ´Spiel mir das Lied vom Tod´, ´A Man With A Harmonica´, ´Farewell To Cheyenne´ und das Titelthema ´Once Upon A Time In The West´. Wo im Film die Mundharmonika das Blut gefrieren lässt, übernimmt hier die Gitarre das Duell, und das Titelthema flimmert wie Mittagshitze über der Prärie.

THE CHANTAYS mit ´Pipeline´ bekommen deutlich mehr Muskeln, ´Ebb Tide´ schaukelt gemächlich wie ein Kahn im Abendlicht, und ´Hawaii Five-O´ fegt danach in knapp zwei Minuten vorbei wie ein Streifenwagen mit Blaulicht.

Für alle Proggies schlägt das Herz bei ´Shadow Of The Hierophant´, Steve Hacketts Klassiker von seinem Soloalbum ´Voyage Of The Acolyte´. Über neun Minuten, und wo bei Hackett gesungen wird, spricht hier allein die Gitarre. Ein Stück, das langsam Fahrt aufnimmt und am Ende wie eine Lawine niedergeht. Joe Satrianis ´Always With Me, Always With You´ ist danach Saitenarbeit zum Niederknien, zärtlich und präzise zugleich.

Mit dem Titelsong aus ´Grease´ wagt St-Père einen Abstecher in die Pomadenwelt, und die Gitarre trällert die Melodie mit einem breiten Grinsen. Barry Grays ´Space: 1999´ darf kurz die Brust rausstrecken, bevor Gustav Holsts ´Mars, The Bringer Of War´ aus ´The Planets´ zum Schluss siebeneinhalb Minuten lang wie eine Panzerdivision anrollt, ein Schlachtengemälde, bei dem Keegan und Reingold keine Gefangenen machen.

Neben elektrischen und akustischen Gitarren hat St-Père übrigens auch Banjo, Ukulele und Keyboards eingespielt, ein Ein-Mann-Orchester mit zwei Freunden im Rücken. Die Auswahl springt munter zwischen Western, Fernsehserie, Surf und Konzertsaal hin und her, und mancher Sprung fühlt sich eher nach Plattensammlung als nach Album an. Auch das hat seinen Charme. Prog-Epen in Serie bietet ´Like Father Like Son´ nicht, es ist ein Fotoalbum in Tönen, mit Eselsohren und Kaffeeflecken, ehrlich und warm.

Ein Vater zeigt seinem Sohn die ersten Griffe, und Jahrzehnte später antwortet der Sohn mit fünfzehn Liedern. Schöner kann man Danke kaum sagen.

https://www.facebook.com/michel.stpere


Cover-Artwork: „Like Father Like Son“ von Michel St-Père
(Cover-Artwork: John Damen / Backcover-Foto: Léon Van Hulst /
© 2026 Unicorn Digital)

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