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SATOKO FUJII ORCHESTRA TOKYO – Kappa Ondo

2026 (Libra Records) - Stil: Jazz/Avantgarde

Am Morgen des Konzerttages hallt ein entsetzter Schrei durchs Haus. Satoko Fujii hat die Partitur, an der sie bis tief in die Nacht gefeilt hat, versehentlich gelöscht, und sie ist nirgends mehr aufzufinden. Natsuki Tamura schlägt vor, einfach auf die ältere Fassung zurückzugreifen, doch so etwas kommt für seine Frau nicht in Frage. Anderthalb Stunden bleiben noch, bis die beiden aufbrechen müssen, und in dieser Zeit tippt sie das komplette Arrangement noch einmal in den Rechner. Ihr Mann erzählt, sie habe dabei ausgesehen wie Fudo Myo-o, der von Flammen umloderte, unerschütterliche Weisheitskönig des japanischen Buddhismus, weshalb er vorsichtshalber lieber kein falsches Wort sagte. Gerade noch rechtzeitig spuckt der Drucker die Noten aus.

Begonnen hatte alles mit einem Anruf. Natsuki Tamuras älterer Bruder plante ein Buch zum 30. Todestag ihres Vaters Ichiji Tamura und wollte darin ein Lied abdrucken, zu dem der Vater Text und Musik geschrieben hatte. Er sang es kurzerhand in ein kleines Aufnahmegerät, und Satoko Fujii und Natsuki Tamura brachten es anhand dieser Aufnahme zu Papier. Ichiji Tamura hatte sein Berufsleben der Sonderpädagogik gewidmet, war ursprünglich jedoch Maler und daneben Romancier und Multiinstrumentalist, der auch Lieder schrieb und Tänze erfand. Sein ´Kappa Ondo´ rührte Satoko Fujii so sehr, dass sie es unbedingt für ihr Orchester arrangieren wollte. Hinzu kamen Stücke über jene Motive, die der Vater besonders gern gemalt hatte, Füchse und streunende Katzen sowie die steinernen Jizo-Figuren. Ein Bild aus seiner Hand ziert nun auch das Cover und schlägt so die Brücke zwischen Malerei und Klang.

Mit ´Kappa Ondo´ endet zugleich die Serie aus fünf neuen Orchesteralben, an denen insgesamt 75 Musiker beteiligt waren. Mitgeschnitten hat Takanori Terabe das Konzert Ende Juli 2026 im Tokioter “Buddy”, gemischt und gemastert wurde es von Mike Marciano in den “Systems Two” Studios in New York. Satoko Fujii, nach der das Orchester benannt ist, greift hier selbst zu keinem Instrument. Ihre Handschrift steckt in den Kompositionen und Arrangements. Natsuki Tamura sitzt in der Trompetenreihe und dirigiert, was ihm in diesem Saal nach eigenen Worten große Freude bereitete. An den Saxofonen spielen Sachi Hayasaka am Alt und Sopran, Kunihiro Izumi am Alt, Kenichi Matsumoto und Daisuke Fujiwara am Tenor sowie Ryuichi Yoshida am Bariton. Neben Natsuki Tamura blasen Yoshihito Fukumoto, Takao Watanabe und Yusaku Shirotani die Trompeten, Yasuyuki Takahashi und Toshihiro Koike die Posaunen. Toshiki Nagata spielt den Bass, und Akira Horikoshi sitzt am Schlagzeug.

Der Saal ist riesig, fast zu groß für eine Formation wie diese, und Natsuki Tamura fürchtet beim Einlass schon, vor leeren Stühlen spielen zu müssen. Doch kurz nach Öffnung der Türen strömen die Leute herein, darunter erfreulich viele unbekannte Gesichter, und wenige Minuten vor Beginn sind die Reihen gut gefüllt. ´Kitsune´ aus der Feder von Natsuki Tamura eröffnet den Abend, gewidmet dem Fuchs, der in japanischen Legenden als listiger Gestaltwandler umherstreift, und die Band findet sofort in einen herrlichen Groove. Eigentlich sollte nun Satoko Fujiis ´Karasu´ folgen, die Krähe. Ausgerechnet Trompeter Yoshihito Fukumoto, der das Stück mit einem Solo eröffnen soll, bekommt jedoch Nasenbluten, offenbar vor lauter Aufregung. Also stellt man kurzerhand erst einmal die Band vor. Sobald die Blutung gestillt ist, hebt die Krähe ab, und mit fast neunzehn Minuten wird sie zum längsten Stück der ganzen Platte. ´Jizo´, wieder von Natsuki Tamura, ist den Schutzpatronen der Kinder und Reisenden gewidmet und beschließt die erste Hälfte.

Nach diesen drei Stücken sind bereits fast fünfzig Minuten verstrichen. Geplant war eigentlich, im ersten Set alles zu spielen und missglückte Stücke im zweiten zu wiederholen. In den Proben hatte jedoch niemand die Gesamtzeit gestoppt, weil die Soli dort bewusst kurz blieben. Natsuki Tamura ahnt in diesem Moment bereits, dass daraus wohl ein Doppelalbum werden muss.

Nach einer Viertelstunde Pause geht es mit ´Oni´ weiter, Satoko Fujiis Hommage an die gehörnten Dämonen, die in Japan als ungestüm und furchterregend gelten. Natsuki Tamuras ´Noraneko´ schickt anschließend eine streunende Katze durchs Revier, ein Geschöpf, das sich keinem Herrn unterordnet. Den krönenden Abschluss bildet das hart erkämpfte Titelstück in Satoko Fujiis Arrangement. Nach der letzten Probe am Vorabend hatte sie ihre eigenen Ergänzungen plötzlich nicht mehr ertragen und kurzerhand beschlossen, sie neu zu schreiben, mit den bekannten Folgen. Ein Ondo ist ein traditionelles japanisches Volkslied, wie man es zu den sommerlichen Tänzen des Bon-Fests singt, und aus dieser Tradition schöpft auch die Melodie des Vaters. Eine klare Trompete stimmt sie an, ehe das Orchester sie Welle um Welle zu einem gewaltigen Höhepunkt auftürmt und schließlich friedlich ausklingen lässt. Musiker wie Komponisten sind am Ende hellauf begeistert, und auch die Aufnahme ist ohne Pannen im Kasten.

Natsuki Tamura gibt jedem, der diese Musik hört, noch einen Gedanken mit auf den Weg. Man solle sich bei ´Kappa Ondo´ einfach Satoko Fujii vorstellen, wie sie sich, von Flammen umhüllt, in Fudo Myo-o verwandelt und wütend Noten in ihren Computer hämmert. Ein schöneres Bild für diesen Abschluss eines unermüdlichen Jahres lässt sich kaum finden. Hier begegnen sich das Lied des Vaters und die Musik von Sohn und Schwiegertochter in einem einzigen großen Werk.

(9,5 Punkte)

https://www.facebook.com/satokofujiipage


Cover-Artwork: „Kappa Ondo“ von Satoko Fujii Orchestra Tokyo
(Gemälde & Artwork: Ichiji Tamura /
Layout: Libra Records / © 2026 Libra Records)

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