
NIRVANA – MTV Unplugged In New York
1994/2019 (DGC/Universal Music Group) - Stil: Alternative Rock / Acoustic Rock
Das berühmteste Akustikkonzert der Rockgeschichte war gar nicht ganz akustisch. Vor Kurt Cobains Füßen stand ein Gitarrenverstärker, notdürftig verkleidet als Bühnenmonitor, und durch ihn lief seine Martin‑Akustikgitarre samt Effektpedalen. Es war sein Rettungsanker an einem Abend, an dem ihm sonst kaum etwas Halt gab. Und doch entstand dort, im Herbst 1993 in einem New Yorker Fernsehstudio, die vielleicht ehrlichste Stunde Musik, die NIRVANA je aufgenommen haben.
Die Vorzeichen waren alles andere als gut. Die Band hatte sich frühere Folgen der MTV‑Reihe Unplugged angesehen und fand die meisten davon öde. Da spielten Rockbands einfach ihre Hits nach, nur eben mit Akustikgitarren, als stünden sie im Madison Square Garden. So wollte Dave Grohl nicht klingen, und Kurt Cobain erst recht nicht. Als Vorbild diente stattdessen ´The Winding Sheet´, das stille Soloalbum von Mark Lanegan, auf dem Cobain selbst mitgespielt hatte. Zwei Tage probte die Band in Weehawken, New Jersey, und es lief zäh. Manche Songs wollten einfach nicht zünden, und die Stimmung wurde zusehends gereizter. Auch MTV war unzufrieden. Der Sender hätte gern die großen Hits gehört, allen voran ´Smells Like Teen Spirit´, und dazu prominente Gäste wie Eddie Vedder oder Tori Amos. NIRVANA verzichteten bewusst auf ihren größten Song und brachten stattdessen die Brüder Curt und Cris Kirkwood von den MEAT PUPPETS mit, einer Band, die abseits des Undergrounds kaum jemand kannte.
Am Tag vor der Aufzeichnung wollte Kurt Cobain gar nicht mehr spielen. Er war nervös, litt unter Entzugserscheinungen, und wer ihn an diesem Tag erlebte, erinnert sich an einen Mann ohne jedes Lächeln. Am Nachmittag des 18. November 1993 stand er dann doch in den „Sony Music Studios“ in Manhattan, in jener ausgeleierten grünen Strickjacke, die seitdem zu den bekanntesten Kleidungsstücken der Popgeschichte zählt. Die Bühne hatte er sich selbst gewünscht. Weiße Stargazer‑Lilien und schwarze Kerzen sollten sie schmücken, darüber ein Kristallleuchter. Als Produzent Alex Coletti nachfragte, ob das nach einer Beerdigung aussehen solle, bejahte Cobain ohne Umschweife.
Neben dem Kerntrio aus Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl standen Tourgitarrist Pat Smear und Cellistin Lori Goldston auf der Bühne. Gespielt wurde in einem einzigen Durchgang, vierzehn Songs ohne Unterbrechung. Darunter war ein Stück aus ´Bleach´, vier aus ´Nevermind´, drei aus dem gerade erschienenen ´In Utero´ und sechs Coverversionen. Der einzige echte Hit des Abends hieß ´Come As You Are´.

Eröffnet wird der Abend mit ´About A Girl´, und schon diese Wahl ist eine kleine Kampfansage. Der Song stammt vom Debüt ´Bleach´ aus dem Jahr 1989, einer Platte, die viele der neuen Fans gar nicht kannten. Cobain soll ihn geschrieben haben, nachdem er stundenlang ´Meet The Beatles!´ gehört hatte, und in dieser Fassung tritt die Popmelodie so klar hervor, dass man ahnt, wie viel von den Fab Four in diesem jungen Mann aus Aberdeen steckte. Die Plattenfirma veröffentlichte genau diese Version im Oktober 1994 als einzige Single des Albums.
Mit ´Come As You Are´ folgt der einzige echte Hit des Abends. Ohne die Wucht der ´Nevermind´‑Fassung bekommt er etwas Hölzernes und Verletzliches, als würde man das Riff zum ersten Mal hören. Danach wird es eigenwillig. ´Jesus Doesn’t Want Me For A Sunbeam´ stammt von der schottischen Band THE VASELINES, die damit ein altes christliches Kinderlied ins Gegenteil verkehrt hatten. Novoselic greift dafür zum Akkordeon, Grohl wechselt an den akustischen Bass, und Goldstons Cello verleiht dem Ganzen die Würde eines Trauerchorals.
Dann ´The Man Who Sold The World´, ein Song, den David Bowie 1970 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht hatte. Hier verrät sich der versteckte Verstärker am deutlichsten. Sobald Cobain zum Solo ansetzt, knurrt seine Akustikgitarre leicht verzerrt, während das Cello wie ein Schatten darunter entlangzieht. Bowies Original war kühl und rätselhaft, Cobain verwandelt es in ein müdes, beinahe gespenstisches Selbstgespräch. Die Version wurde so populär, dass viele junge Hörer sie für ein NIRVANA‑Original hielten, sehr zum Missvergnügen ihres eigentlichen Schöpfers.
Seite B beginnt mit dem vielleicht mutigsten Moment des Abends. Vor ´Pennyroyal Tea´ fragt Cobain die anderen, ob er den Song allein spielen soll, und dann sitzt er da, nur mit Gitarre und Stimme. Auf ´In Utero´ entlädt sich dieses Stück im Refrain in einem Sturm aus verzerrten Gitarren. Hier bleibt der Sturm aus, und übrig bleibt eine Stimme, die immer wieder zu brechen droht und sich doch hält. ´Dumb´ lebt vom Cello, das im Studio Kera Schaley gespielt hatte und das Goldston nun so innig übernimmt, dass die bittersüße Melodie fast zu schweben beginnt. ´Polly´ erzählt aus der Sicht eines Täters von einem realen Verbrechen aus dem Jahr 1987 und war schon auf ´Nevermind´ eines der leisesten Stücke. In der gedämpften Atmosphäre des Studios wirkt es noch beklemmender. ´On A Plain´ legt seine Wucht ab und klingt plötzlich beinahe heiter, getragen von Grohls hellen Harmonien, ehe ´Something In The Way´ die Seite beschließt. Für ´Nevermind´ hatte Cobain diesen Song einst auf einem Sofa im Regieraum eingesungen, weil ihm die Band zu laut war. Hier genügen zwei schwere Akkorde, das Cello und eine Stimme, die so leise ist, dass man jeden Atemzug hört.
Seite C gehört zunächst den MEAT PUPPETS. ´Plateau´, ´Oh Me´ und ´Lake Of Fire´ stammen alle von ´Meat Puppets II´ aus dem Jahr 1984 und wurden von Curt Kirkwood geschrieben. Cobain glaubte, dass diese Songs perfekt zum akustischen Rahmen passen würden, und sang sie bewusst in der Originaltonart, auch wenn ihn das stimmlich an seine Grenzen brachte. Curt Kirkwood übernimmt die Gitarre, sein Bruder Cris den Bass samt Begleitgesang, und Novoselic wechselt an die Rhythmusgitarre. Man spürt, wie viel Respekt in diesem Block steckt. NIRVANA treten einen Schritt zurück und rücken ihre eigenen Helden ins Licht. Bei ´Lake Of Fire´ überschlägt sich Cobains Stimme schließlich, und für einen Moment flackert der alte Punk wieder auf.
´All Apologies´, der Schlusspunkt von ´In Utero´, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal als Single erschienen. Hier entfaltet er eine fast hypnotische Ruhe. Das kreisende Riff trägt den Song, Goldstons Cello zieht eine tiefe Spur darunter, und am Ende wiederholen Cobain und Grohl dieselbe Zeile so lange, bis sie sich anfühlt wie ein Gebet. Dann kommt ´Where Did You Sleep Last Night?´, ein traditionelles Lied, das auch als ´In The Pines´ bekannt ist. Cobain orientierte sich an der Aufnahme von 1944 seines Lieblingsmusikers Lead Belly, mit bürgerlichem Namen Huddie Ledbetter, und hatte den Song schon 1990 auf Mark Lanegans ´The Winding Sheet´ an der Gitarre begleitet. Es beginnt ruhig und wird mit jeder Strophe dunkler, bis sich die Band in der letzten fast ganz zurückzieht und Cobain seine Stimme mit einer Wucht in den Raum wirft, die bis heute niemanden kalt lässt. Danach wünschten sich die Produzenten eine Zugabe. Cobain lehnte ab, weil er wusste, dass er diesen Moment nicht mehr übertreffen konnte. Er hatte recht.

Ausgestrahlt wurde das Konzert am 16. Dezember 1993. Ein geplantes Doppelalbum namens ´Verse Chorus Verse´, das laute Liveaufnahmen mit diesem Abend kombinieren sollte, wurde wieder verworfen. Am 1. November 1994 erschien ´MTV Unplugged In New York´ schließlich als eigenständiges Album. Es stieg in den USA auf Platz 1 ein, wurde vielfach mit Platin ausgezeichnet und brachte der Band 1996 ihren einzigen Grammy.
Zum 25. Jubiläum erschien das Album 2019 erstmals als Doppel‑LP auf 180g schwerem Vinyl. Das Original von 1994 kam noch in einer schlichten Hülle, nun steckt alles in einem Klappcover mit glänzender Silberfolie auf Vorder‑ und Rückseite. Das eigentliche Konzert verteilt sich über drei Seiten, was den Rillen mehr Raum gibt. Der Klang ist sauber, ruhig und angenehm luftig, die Stille zwischen den Songs bleibt wirklich still, und gerade leise Stücke profitieren davon. Den eigentlichen Schatz der Doppel‑LP birgt Seite D. Dort finden sich fünf Probenaufnahmen von ´Come As You Are´, ´Polly´, ´Plateau´, ´Pennyroyal Tea´ und ´The Man Who Sold The World´, die bisher nur auf der DVD zu hören waren. Man hört eine Band, die noch sucht, Arrangements ausprobiert und miteinander redet. Wer das fertige Konzert kennt, versteht danach noch besser, wie zerbrechlich dieser Abend war und wie knapp er am Scheitern vorbeischrammte.
Über dreißig Jahre später hat ´MTV Unplugged In New York´ nichts von seiner Kraft verloren. Es ist das Zeugnis einer Band, die sich weigerte, sich selbst zu kopieren, und dabei etwas fand, das größer war als jeder Hit. Und es ist das Porträt eines Sängers, der an diesem Abend so verletzlich war wie nie und gerade dadurch unvergesslich wurde.
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