
KOKO TAYLOR – Koko Taylor
1969/2026 (Chess Records/Acoustic Sounds) - Stil: Chicago Blues / Electric Blues
Die Frau, die man später die „Queen of the Blues“ nennen sollte, verdiente ihr Geld lange Zeit mit dem Putzen fremder Wohnungen. Tagsüber schrubbte Koko Taylor in Chicago Böden, abends stand sie in den Clubs der Stadt und sang mit einer Stimme, die jede Wand zum Wackeln brachte. Wer heute die Nadel auf diese Platte senkt, hört, was damals in ihr brodelte. Und es brodelt gewaltig.
Geboren wurde sie 1928 als Cora Ann Walton auf einer Farm bei Memphis, als Tochter eines Pächters, der fremdes Land bewirtschaftete. 1952 zog sie mit ihrem Mann Robert „Pops“ Taylor, einem Lastwagenfahrer, nach Chicago, mitten hinein in jene Stadt, in der der Blues gerade elektrisch geworden war. Ende der Fünfziger sang sie in den ersten Clubs, und 1962 hörte sie dort ein Mann, der die Geschichte dieser Musik geprägt hat wie kaum ein anderer. Willie Dixon, Bassist, Songschreiber und Produzent bei „Chess Records“, erkannte sofort, was er vor sich hatte. Nach ersten Aufnahmen für kleine Labels brachte er sie 1964 zu „Checker“, dem Tochterlabel von „Chess“, und von da an war Koko Taylor nicht mehr aufzuhalten.
Das Album, das 1969 schlicht ihren Namen trug, ist eigentlich eine Ernte. Es sammelt Aufnahmen aus den Jahren 1965 bis 1969, mit Malcolm Chisholm und Ron Malo an den Reglern, arrangiert von Dixon und dem Saxofonisten Gene Barge und produziert von Dixon selbst. Acht der zwölf Songs stammen aus seiner Feder. Die Liste der Musiker liest sich wie ein Who’s who des Chicago Blues. Buddy Guy spielt Gitarre auf den meisten Stücken, und Lafayette Leake sitzt oft am Klavier. Dazu kommen Walter „Shakey“ Horton an der Mundharmonika und Clifton James am Schlagzeug, der mit jener Lässigkeit trommelt, die nur in dieser Stadt wachsen konnte.

Seite A beginnt mit ´Love You Like A Woman´, einem Song von Morris Dollison aus dem Oktober 1968, und schon nach wenigen Takten ist klar, dass hier keine Sängerin um Erlaubnis bittet. Koko Taylor packt die Melodie, schüttelt sie und gibt sie erst wieder frei, wenn sie mit ihr fertig ist. ´I Love A Lover Like You´, aufgenommen am 23. April 1969, schaltet einen Gang zurück. Dixon zupft hier den Bass, während Albert „Sunnyland Slim“ Luandrew am Klavier rollt und Horton seine Harp dazwischenschiebt. Das Ganze groovt so entspannt wie ein später Sonntagnachmittag in einer Kneipe, in der niemand nach Hause will.
Dann ´Don’t Mess With The Messer´, eingespielt am 20. Januar 1965, und hier zeigt Koko Taylor ihre Zähne. Matt Murphy und Buddy Guy teilen sich die Gitarren, Saxofone setzen Akzente, und über allem thront diese Stimme mit ihrem berühmten rauen Knurren, das klingt, als hätte sie Kies gefrühstückt. ´I Don’t Care Who Knows´ aus dem Oktober 1968 legt danach noch einmal Trotz nach, schon der Titel ist eine Kampfansage an alle, die mitreden wollen.
Und dann kommt er. ´Wang Dang Doodle´, aufgenommen am 7. Dezember 1965. Dixon hatte den Song ursprünglich für Howlin‘ Wolf geschrieben, mit bürgerlichem Namen Chester Burnett, der ihn um 1960 auch aufnahm, aber angeblich nie richtig warm mit ihm wurde. Bei Koko Taylor findet er endlich sein Zuhause. Buddy Guy und Johnny „Twist“ Williams spielen die Gitarren, Jack Meyers den Bass, Fred Below trommelt, Gene Barge und Donald Hankins blasen die Saxofone, und Dixon steuert die Begleitstimme bei. Darüber ruft Koko Taylor die schrägsten Gestalten der Stadt zur großen Party zusammen, und man glaubt jeder einzelnen Zeile. 1966 erreichte die Single Platz 4 der amerikanischen R&B‑Charts und Platz 58 der Popcharts, verkaufte sich über eine Million Mal und wurde zu ihrem Lebenslied. Ein Jahr später sang sie den Song beim „American Folk Blues Festival“, gemeinsam mit Little Walter und Hound Dog Taylor, und brachte ihn damit auch nach Europa. ´I’m A Little Mixed Up´, geschrieben von Betty James und Clarence Johnson, beschließt die Seite mit Barges Tenorsaxofon im Rücken und einem Augenzwinkern in der Stimme.
Seite B öffnet mit ´Nitty Gritty´, dem einzigen Song des Albums, den Koko Taylor selbst geschrieben hat. Horton bläst hier die Harp, Jack Meyers spielt Bass, und der Groove ist so erdig, wie der Titel verspricht. ´Fire´ aus dem August 1967 lodert dann hell. Leake wechselt zwischen Klavier und Orgel, Barge setzt sein Saxofon dagegen, und Koko Taylor singt mit einer Wucht, die einen förmlich in den Sessel drückt. ´Whatever I Am You Made Me´ stammt wie ´Don’t Mess With The Messer´ aus der Session vom Januar 1965. Hier klagt eine Frau einen Mann an, der sie zu dem gemacht hat, was sie ist, und man nimmt ihr jedes Wort ab.
´Twenty Nine Ways´ ist Dixon in Bestform, voller Witz und Doppeldeutigkeiten, mit Horton an der Harp und einer Sängerin, die jede Pointe genüsslich auskostet. Und dann ´Insane Asylum´, über vier Minuten lang und das unheimlichste Stück der Platte. Dixon selbst singt hier mit seiner tiefen, dunklen Stimme, Koko Taylor antwortet mit einer Verzweiflung, die einem die Nackenhaare aufstellt. Barges Saxofon und Leakes Orgel hüllen die beiden in einen Nebel, der eher an einen düsteren Traum erinnert als an einen gewöhnlichen Blues. Zum Abschied gibt es mit ´Yes, It’s Good For You´ noch einmal Lebensfreude, als wollte sie den Hörer nach diesem Abstieg ins Dunkle zurück ins Licht holen.

Dass dieses Album damals trotzdem nicht die Aufmerksamkeit bekam, die es verdient hätte, lag auch am Zeitpunkt. Ausgerechnet 1969 wurde „Chess“ an die Firma GRT verkauft, und in den Wirren jener Monate ging so manche Veröffentlichung unter. Umso wichtiger ist der Moment, den diese Platte festhält. Im elektrischen Chicago Blues hatten bis dahin vor allem Männer den Ton angegeben. Koko Taylor stellte sich in diese Welt und sang so laut, so rau und so selbstbewusst wie jeder von ihnen. Bonnie Raitt, Janis Joplin, Susan Tedeschi und Shemekia Copeland haben sich später auf sie berufen. Ihre große Zeit kam allerdings erst noch. Ab 1975 nahm sie neun Alben für „Alligator Records“ auf, gewann 1985 einen Grammy und sammelte im Lauf ihrer Karriere 29 Blues Music Awards. Doch hier, auf diesem Debüt, hört man den Anfang von allem.
Zum 75. Jubiläum von „Chess Records“ erscheint ´Koko Taylor´ in der „Chess Records Acoustic Sounds Series“. Matthew Lutthans hat die Platte in The Mastering Lab komplett analog von den originalen Masterbändern gemastert, gepresst wurde auf 180g schwerem Vinyl bei „Quality Record Pressings“, verpackt ist das Ganze in einem stabilen Tip‑on‑Klappcover. Die Ausgabe hält sich an die zwölf Songs der Erstpressung von 1969, die beiden Bonusstücke der CD von 2001 fehlen also. Wer diese Aufnahmen bisher nur von alten Pressungen oder digitalen Kopien kennt, darf sich auf eine Begegnung freuen, die ihn mitten in die „Chess“-Studios jener Jahre versetzt.
´Koko Taylor´ ist eine Platte, die man nicht einfach hört. Man spürt sie im Bauch und irgendwo tief in der Brust. Mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen hat diese Stimme nichts von ihrer Kraft verloren. Die Königin hat ihren Thron nie verlassen.