
DESOLAT – People As Idiots & Idiots As Leaders
2026 (minoRobscuR, Reptilian Records, Exotic Fever Records, Grazil Records, Bloodshed666 Records) - Stil: Noise Rock / Hardcore Punk / Sludge
Die bösartigste Platte, die in diesem Herbst aus Wien herüberdröhnt, ist im Kern ein verzweifeltes Plädoyer für die Demokratie. Geschrieben von Anarchisten.
Kurz zur Orientierung, bevor jemand falsch abbiegt. Gemeint sind nicht die Indie-Grunger gleichen Namens aus Gelsenkirchen, sondern das Wiener Trio, das seit 2018 Noise Rock, Sludge und Hardcore zu einem einzigen hässlichen Klumpen verschweißt. Mentl trommelt, Klaus bedient den Bass, Alfred Satani greift zur Gitarre, singt und schreibt sämtliche Texte. Im Herzen sind DESOLAT Anarcho Punks geblieben.
Ihr zweites Album ´Get Sick And Let Me Watch You Die´ erschien 2024 über „Reptilian Records“ und machte die Band einem breiteren Publikum bekannt. Jetzt treiben sie die Selbstorganisation auf die Spitze. Neun Labels aus sieben Ländern teilen sich diese Veröffentlichung, von „Grazil Records“ in Österreich bis „Geertruida“ in den Niederlanden, und drei Vertriebe schieben das Ding in die Läden. Das Vinyl ist auf 500 Stück in marmoriertem Ochsenblutrot limitiert. Wer zögert, hat verloren.

Worum es geht? Um Autokraten, Populisten und religiöse Eiferer, die reihenweise an die Macht gewählt werden. Um Tech-Oligarchen, die mit ihren Plattformen die Stimmung der Massen lenken. Und um die bittere Erkenntnis, dass selbst Anarchisten plötzlich darum bangen, das bisschen Demokratie zu retten, das noch übrig ist.
Die meisten Songs folgen dieser Logik wie einem Krankheitsverlauf. ´Idiots As Leaders´ rechnet gnadenlos mit einem Wahlvolk ab, das sich die dümmsten Führer selbst ins Amt hievt, und endet doch mit einem Ruf nach Widerstand. ´Pig Race To The Apocalypse´ zeichnet den Retter, der Linderung verspricht und sich als Teufel entpuppt.
Dann kippt die Wut in Depression. In ´This Sadness Makes Me Rage´ zieht die Niederlage den Erzähler zu Boden, während die Sieger feiern. Da tritt JARBOE auf, Ikone von SWANS und Weggefährtin von NEUROSIS, und hält mit eigenen Zeilen dagegen, ein Weckruf aus der Lähmung zum Handeln. ´No Depression When Dead´ sehnt das Ende herbei, und Michael Masen von MOZO MOZO jagt sein Saxofon mitten durch diese Todessehnsucht.
In ´Wannabe V.I.P.´, dem kürzesten Stück, übernimmt Rebecca von ROLLTREPPE das Mikrofon und zerlegt Selbstdarsteller, die sich über Statussymbole definieren. ´Good People Keep Their Mouths Shut While The Assholes Believe The World Belongs To Them´ zeigt Großmäuler, die mit heißer Luft Bewunderung ernten, und einen Erzähler, der ihnen einfach den Rücken kehrt. Die Vorabveröffentlichung ´The Art Of Shit´ knöpft sich Mittelmaß vor, das mit hohlen Phrasen als große Kunst verkauft wird.
Am Ende bleiben Zynismus und Resignation. ´Cyberdyne Employment Application´ ist eine Bewerbung bei jener Firma, die in den Terminator-Filmen die Maschinen baut, ein Nihilismus, der sogar Maldoror, den finsteren Antihelden von Lautréamont, wachrüttelt. ´Humans Are Such Easy Prey´ macht das Licht aus. Hier marschieren Menschen wie eine Herde gegen ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder, während Tech-Milliardäre die Ernte einfahren.

Aufgenommen und gemischt hat Rainer Spänle zwischen März und November 2025 in den „Cosmix Studios“ in Wien. Das Mastering übernahm erneut Dan Swanö, Death Metal-Urgestein mit Stationen bei EDGE OF SANITY und BLOODBATH. Eine schöne Ironie. Ausgerechnet ein Metalveteran poliert die Waffen für einen anarchistischen Frontalangriff.
Erbaulich ist das alles nicht. Soll es auch nicht sein. Aber die Wut, die aus jeder Rille schießt, ist ehrlich, und Ehrlichkeit ist 2026 ein knappes Gut. Build your own fucking life, sagen DESOLAT. Man sollte auf sie hören.
(8 Punkte)



