
ALAN REED – Grey Sky Thinking
2026 (White Knight Records) – Stil: Progressive Rock, Neo-Prog
Glasgow, ausgerechnet. Zu den letzten Stationen seiner Abschiedstournee durch Großbritannien gehörte für ALAN REED die Stadt, in der einst alles begann. Parkinson hat ihm Gitarre und Bass bereits aus der Hand genommen, und bevor auch die Stimme nachgibt, wollte er den Zeitpunkt seines Abgangs lieber selbst bestimmen. Sinngemäß sagt er, es sei hart, das aufzugeben, was er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr am besten kann, härter noch wäre es aber, über eine Bühne zu laufen, als gehöre sie noch ihm. Wer bei dieser Vorgeschichte ein leises, wehmütiges Abschiedsalbum erwartet, wird von ´Grey Sky Thinking´ eines Besseren belehrt. Reed schaut hier weniger auf sich selbst als auf die Welt, und was er sieht, gefällt ihm gar nicht.
Für die meisten von uns bleibt er die Stimme von PALLAS. Vorher hatte er bei ABEL GANZ in Glasgow gesungen, Mitte der Achtziger stieg er bei den Schotten aus Aberdeen ein, war auf der ´Knightmoves´-EP und auf ´The Wedge´ zu hören, ging 1988 und kehrte 1993 zurück. Alben wie ´Beat The Drum´ und ´The Dreams Of Men´ trugen danach seine Handschrift, bis sich die Band 2010 von ihm trennte. Reed hat damals lange überlegt, ob er überhaupt weitermachen soll. Er tat es, erst mit der akustischen EP ´Dances With Ghosts´, dann mit seinen beiden Soloalben ´First In A Field Of One´ und ´Honey On The Razor’s Edge´. Inzwischen gehört er wieder zu PALLAS und ist auch auf deren neuem Album ´A Song For Tomorrow´ zu hören. Sein drittes Soloalbum dürfte dagegen sein letztes sein, wie er im Inlay des Silberlings selbst schreibt, weil er nicht weiß, wo er in sechs Monaten stehen wird.
Mit dem Titel nimmt er eine Floskel aus den Konferenzräumen aufs Korn. Wo beim “Blue Sky Thinking” der Himmel für frische Ideen offen stehen soll, zieht bei Reed eine dichte Wolkendecke auf, unter der sich die Menschen voneinander abschotten und sich lieber an bequeme Gewissheiten klammern, als dem ins Auge zu sehen, was um sie herum zerfällt. Den Journalisten in ihm hört man jeder Zeile an. Er hat über Prozesse gegen Dschihadisten berichtet und 2017 vier große Terroranschläge sowie den Brand im Londoner Grenfell Tower begleitet, und solche Bilder lassen einen nicht mehr los. Neil McChrystal hat dazu ein Cover gemalt, auf dem sich eine gewaltige Welle über einem kleinen Dorf mit Kirchturm aufbäumt, eine Idylle kurz vor dem Untergang, die auf das ganze Album hinweist.
Entstanden ist die Platte über einen sehr langen Zeitraum in England, Schottland, Frankreich und Kambodscha, wo Niall Mathewson sie auch abgemischt hat. Reed selbst übernahm Gesang, akustische und elektrische Gitarren, Bass, Programmierung und ganz gelegentlich die Tasten. Sein PALLAS-Kollege Niall Mathewson spielt E-Gitarre, singt und greift hin und wieder in die Keyboards, Mike Stobbie ist für die Tasten zuständig, Henry Rogers sitzt am Schlagzeug, und im Hintergrundgesang hört man Kim McLean und Laëtitia Chaudemanche von WEEND’Ô.
Den Auftakt macht ´Into The Void´, fast sieben Minuten lang und ein Blick aus der Zukunft. Knackige Gitarren geben den Ton an, die Keyboards stützen sie, statt sich in den Vordergrund zu spielen, und sobald die Saiten zu jaulen beginnen, ist man mitten im melodischen Neo Prog. Zwanzig Jahre später versucht jemand, den eigenen Kindern und sich selbst zu erklären, wie alles schiefgehen konnte und warum niemand auf die Zeichen achtete, solange noch Zeit war. Der breite Refrain setzt sich sofort fest und zeichnet ein verdorrtes, regenschweres Land, in dem nichts mehr wächst, am wenigsten die Hoffnung. Bei ´Camberwick Grey´ steckt das Wortspiel im Titel, denn “Camberwick Green” war jene Kinderserie, in der die britische Kleinstadtwelt noch heil war. Reed erzählt von seiner Jugend in North Ayrshire, von einer Gemeinde, die über Generationen von ihrer Industrie lebte, bis Anfang der Achtziger die Arbeit verschwand und mit ihr der Zusammenhalt. Seiner Ansicht nach hat sich dort in fast vierzig Jahren wenig geändert, und in dieser Hoffnungslosigkeit sieht er den Nährboden für das, was später in dem Brexit und vielem anderen mündete. Zusammengehalten wird das Lied von einer schlichten Gitarrenfigur, die sich unbeirrt wiederholt wie ein Herzschlag, bis der Song nach gut einem Drittel deutlich an Kraft zulegt und mit einem Rest trotziger Zuversicht ausklingt.
´Sons Of The Caliphate´ stellt zwei Seiten gegeneinander, die einander nichts schenken, die tödliche Technik am Himmel und die Gotteskrieger am Boden, und beide haben jedes Gespür für Gut und Böse verloren. Reed singt dazu mit heller Stimme eine orientalisch gefärbte Melodie, der Hintergrundgesang antwortet in entsprechenden Tonfolgen, und später nimmt ein Keyboardsolo den Faden auf. Ursprünglich wollte Reed tiefer in die Frage einsteigen, wie verletzliche junge Männer in den Extremismus geraten, er gibt aber offen zu, dass das zu viel Stoff für ein paar Strophen war. Danach folgt ´First Responder´, ein emotionales Zentrum der Platte, geschrieben mit Mike Stobbie, der Akkorde fand, die Reed übersehen hatte, und dem Mittelteil eine ordentliche Prog-Kur verpasste. Gewidmet ist es den Rettungskräften, die nach den Anschlägen von 2017 einfach weitermachen mussten, erschöpft und traumatisiert. Das Stück beginnt am Klavier und folgt einem Helfer, der den Tod aus nächster Nähe erlebt, und steigert sich mit leichter Dramatik bis zum Refrain, in dem er jedes Heldentum von sich weist. Die zweite Strophe blickt auf die Spätfolgen des Traumas, die manche in den Alkohol treiben und Familien zerbrechen lassen, ehe sich das Ende mit dicken Keyboardschichten und satten Rhythmen noch einmal mächtig auftürmt.
´The Unforgiving Truth´ ist als Protestsong in der Tradition Bob Dylans angelegt, gespickt mit Anspielungen auf ihn und die ROLLING STONES. Nur entpuppt sich der aufrechte Kämpfer für seine Wahrheit hier als selbstgerechter Eiferer im Netz, der seine Weltsicht allen aufzwingen will und Widerspruch mit einer derben Abfuhr quittiert. Musikalisch kommt diese Verballhornung ausgerechnet als fröhlicher, folkiger Songwriter-Song mit Orgelklang daher, was den Spott umso feiner schneidet. Das gut sechseinhalbminütige ´A Matter Of Trust´ dreht dieselbe Schraube weiter. Wie geht man mit einem guten Freund um, der in die Welt der Verschwörungstheorien abgetaucht ist, zumal künstliche Intelligenz die Wirklichkeit immer täuschender nachahmt? Der Erzähler sucht nach einem festen Boden der Wahrheit, findet ihn nicht und zieht am Ende die Konsequenz. Auch hier bleibt der Ton erstaunlich heiter, Akustikgitarren mischen sich ins Bild, bis eine schöne E-Gitarrenmelodie samt Solo das Kommando übernimmt und sich sogar eine zweite Gitarre dazugesellt.
´Fail Better´ gibt sich poppig, mit nervösem Beat und präsenten Keyboards, ein Lied über das Lernen aus Niederlagen und darüber, dass Stolpern immer noch besser ist als Stillstehen, und sein Titel lässt an Samuel Beckett denken. Die Idee zu ´First Against The Wall´ kam Reed auf der Heimfahrt von einem Konzert in Cardiff, bei dem er für MAGENTA eröffnet hatte. Das Stück beginnt mit Akustikgitarre und schwillt bald zu pompösem Keyboardglanz an, während der Text den Faschismus am Schicksal eines einzelnen Mannes greifbar macht. Er wartet vergeblich auf den Menschen, den er liebt, am nächsten Morgen klopft die Polizei an seine Tür, und er beschließt, zu fliehen und sich dem Widerstand anzuschließen. Ganz am Ende steht mit ´Bright Side Of The Blue´ das längste Stück und zugleich Reeds Scheidungslied. Es steht in Dur, man kann sogar dazu tanzen, und es richtet sich an die frühere Partnerin, mit der Erkenntnis, dass das Gefürchtete gar nicht so schlimm ist und man aus Zitronen eben Limonade machen muss. Gitarre und Orgel treiben die beschwingte Nummer voran, Keyboards füllen den Raum, im Hintergrund singt eine Frauenstimme mit, und so bricht zum Schluss doch noch ein Stück Himmel durch die Wolken.
Das letzte Konzert seiner Abschiedstournee durch Großbritannien wurde in Bild und Ton mitgeschnitten und soll im kommenden Frühjahr erscheinen, als Andenken an einen Abschied, den Reed nach eigenem Willen gestaltet hat. Ans Aufhören denkt der Mann im Übrigen nur auf der Bühne. Auf dem Inlay dankt er Anne, die sich um ihn kümmert, sowie seinen Kindern, stößt auf die nächsten zehn Jahre an und verabschiedet sich mit einem fröhlichen “Allons-y!”.
(8,5 Punkte)
https://www.facebook.com/AlanReedMusician
Cover-Artwork: „Grey Sky Thinking“ von Alan Reed
(Cover-Artwork: White Knight Records Creative Team /
© 2026 White Knight Records)
(VÖ: 6.11.2026)



