
SATCHVAI – Sea Of Emotions
2026 (earMUSIC/ EDEL/ Kontor New Media) - Stil: Instrumental Rock, Gitarrenrock
Irgendwo auf einem uralten Tonband rauscht eine Gitarrenstunde vor sich hin, Lehrer und Schüler, beide noch halbe Kinder. Bis heute können die zwei nicht mit Sicherheit sagen, wer da eigentlich was spielt. Der Schüler heißt Steve Vai, der Lehrer Joe Satriani. 1973 stand der dreizehnjährige Anfänger zum ersten Mal mit seiner Gitarre bei dem vier Jahre älteren Satriani auf der Matte, der damals noch die „Carle Place High School“ auf Long Island besuchte, an die später auch Vai wechselte, und der während der Unterrichtsjahre am „Five Towns College“ Musik studierte.
Nach seinem Umzug nach Berkeley 1978 brachte Joe Satriani später auch Kirk Hammett von METALLICA und Alex Skolnick von TESTAMENT das Handwerk bei. Gut fünfzig Jahre nach den ersten Stunden eröffnet ausgerechnet jenes Band den letzten Track des ersten gemeinsamen Studioalbums von Lehrer und Schüler. Wer da keine Gänsehaut bekommt, hat nie eine Gitarre in der Hand gehalten.
Was dazwischen liegt, ist Rockgeschichte. Steve Vai ging durch die harte Schule bei Frank Zappa, schredderte an der Seite von David Lee Roth und bei WHITESNAKE und schrieb mit ´Passion And Warfare´ ein Lehrbuch für Generationen. Joe Satriani schickte mit ´Surfing With The Alien´ den Instrumentalrock in die Charts, rockte mit CHICKENFOOT und rief 1996 die G3-Tourneen ins Leben, auf denen sich die beiden unzählige Male die Bühne teilten. Labels und Fans bettelten seit Ewigkeiten um ein gemeinsames Album. Erzwingen ließ es sich nicht. Am Ende brauchte es eine Lücke im Terminkalender nach der G3-Reunion-Tour, und Steve Vai meint lachend, man habe das eigentlich seit 1973 geplant, nur eben unbewusst.

Angestoßen hat das Ganze das Management mit der Idee, einen einzigen Song aufzunehmen. Joe Satriani antwortete per Mail mit zwei fertigen Stücken namens ´The Sea Of Emotion, Part 1´ und ´Part 2´, und damit war der Damm gebrochen. Spannend ist, was die beiden dabei über sich gelernt haben. Sie kommen aus derselben Ecke und schwören auf ähnliche Werkzeuge, schreiben aber völlig unterschiedlich. Nach rund 35 Jahren, in denen jeder als Produzent über sein eigenes Universum regierte, galt deshalb eine simple Regel. Jeder darf die Spuren des anderen zerlegen und ergänzen, und was nicht beide packt, wandert in den Papierkorb, ohne dass jemand eingeschnappt ist. Steve Vai, der sonst selten mit anderen schreibt, schwärmt seither von Joe Satrianis Instinkt dafür, was aus einer Idee einen echten Song macht, und das Cover, auf dem die beiden Rücken an Rücken in einem Farbenmeer ineinanderfließen, während sich in ihren Körpern Landschaften bis hinaus in den Kosmos öffnen, fängt diese Verschmelzung treffend ein. Produziert haben die beiden gemeinsam mit ihrem Keyboarder Eric Caudieux, eingespielt wurde verteilt auf sechs Studios von den “Henson Studios” bis zum “Studio 606”, den Großteil gemischt und gemastert hat Greg Koller in den “Apex Studios” in Burbank. Hinter den Gitarren rotiert ein Who’s who der Rhythmusgruppen, von Mike Mangini bis Billy Sheehan.

Den Opener ´Mayhem´ zünden Gregg Bissonette und Billy Sheehan, und das ist mehr als eine Fußnote, denn die beiden bildeten schon Mitte der Achtziger mit Vai die Rhythmusmaschine von David Lee Roth. Nach gut dreieinhalb Minuten ist klar, dass hier zwei Jungs aufdrehen, die keinem mehr etwas beweisen müssen und es trotzdem tun. ´Bronco Freight Train´ wäre beinahe nie entstanden. Vai fand seine eigene Rhythmusspur zu gewöhnlich, Satriani hörte in der Grundidee dagegen etwas Königliches, zerschnitt das Ganze und baute das Fundament neu auf. Für Vai ging dabei ein Licht auf, weil Satrianis Rhythmusspiel die Töne auf eine ganz eigene Art sprechen lässt. Den Bass hat Satriani hier gleich selbst eingespielt, Jeremy Colson, seit Jahren Vais Mann an den Kesseln, sitzt am Schlagzeug.
Einen überraschenden Haken schlägt ´Dancing´, denn das Stück stammt aus der Feder des italienischen Cantautore Paolo Conte, eingespielt mit Matt Chamberlain und Marco Mendoza und gesondert gemischt von Cian Riordan. ´The Feeling I Know´ nimmt sich fast sechs Minuten Zeit, wieder mit Bissonette hinter dem Kit und mit Henrik Linder von DIRTY LOOPS, einem der aufregendsten Bassisten der jüngeren Generation.

Spätestens bei ´Zoot Suit Riot´ wird es herrlich verrückt. Vai hatte das Stück schon länger in der Schublade, ein freches Riff mit einem Swing, wie er ihn so noch nie benutzt hatte, also schickte er es an Satriani. Für die zweite Strophe drehte er dessen Melodie aus der ersten schlicht rückwärts, und an anderer Stelle grüßt ganz unverhohlen “West Side Story”, jenes Musical, dessen Soundtrack ihn schon als Kind zur Musik brachte. Mike Keneally, wie Vai ein Zappa-Absolvent, steuert die Keyboards bei, Mike Mangini und Philip Bynoe halten den Laden zusammen. ´Old Sins Have Long Shadows´ ist Satrianis Alleingang, gebaut auf einem Riff mit Hüftschwung und Gift im Blut, das sich in einen heldenhaften Refrain aufschwingt. Als Anker diente ihm das stoische Schlagzeug von Buddy Miles in Jimi Hendrix’ ´Machine Gun´, um das die Gitarren ihre Kreise ziehen.
Bei ´I Wanna Play My Guitar´ darf das einzige Mal eine Stimme erklingen, und zwar die von keinem Geringeren als Glenn Hughes. Der einstige DEEP PURPLE-Bassist und -Sänger hat den Song mitgeschrieben, Vai singt im Hintergrund mit, und Kenny Aronoff, zuletzt mit Satriani auf Tour, prügelt das Fundament ein. Ehrlicher kann ein Songtitel auf diesem Album kaum sein.

Das letzte Drittel gehört der Suite, die der Platte ihren Namen gibt, knapp achtzehn Minuten am Stück. Die ersten beiden Teile hat Satriani geschrieben, ´Part 1´ ist kraftvoll und virtuos zugleich, ´Part 2´ beginnt verträumt und zart auf einer Nylonsaitengitarre. ´Part 3´ mit dem Untertitel ´Reflections On A Year And A Half´ ist wieder Teamarbeit, ein temporeicher Ritt voller Glanzlichter, an dessen Anfang jenes Tonband aus den Anfangstagen steht. Satriani hört darauf zwei Kinder, die ihren Sound noch nicht gefunden haben, und sich zu RUSH-artigen Klängen einstimmen, aber vor Begeisterung brennen und entschlossen hinter etwas herjagen. Vai wiederum beschreibt beim Wiederhören dieses Finales ein stilles, tiefes Gefühl, es tatsächlich geschafft zu haben, ganz gleich, was der Rest der Welt davon hält.

So führt der Weg vom Unterricht der frühen Siebziger bis zu dieser Platte, und am Ende lauscht man wieder den beiden Teenagern von damals. ´The Sea Of Emotion´ ist das Album zweier Gitarrenhelden, die ihre Egos an der Studiotür abgegeben haben und dabei doch klingen wie sie selbst, laut, verspielt und unverschämt gut gelaunt. Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Gitarrenstunde finden sich der einstige Lehrer und sein Schüler von damals zu einem Gipfeltreffen der Meister zusammen, und man hört jedem Ton an, wie sehr sie das genießen.
(9 Punkte)
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Cover-Artwork: „The Sea Of Emotion“ von SatchVai
(Design & Cover-Visualisierung: earMUSIC Art-Department /
Foto: Larry DiMarzio /
© 2026 earMUSIC / Edel Music)
Bildzitat: Massives Gatefold-Jacket mit partieller UV-Glanzlackierung
und gepresstes Vinyl der 2026er Erstpressung von
SatchVai – The Sea Of Emotion (© 2026 earMUSIC / Edel Music)
(VÖ: 6.11.2026)



