
EXIT STAGE LEFT – Gentle Otherworld
2026 (XPRNC Sweden AB/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock
Ein Bandname als Liebeserklärung. EXIT STAGE LEFT verneigen sich schon auf dem Briefkopf vor dem RUSH-Livealbum von 1981, und das ist bei diesen vier Schweden aus Borås kein Etikettenschwindel, sondern ehrliche Herkunftsangabe. Seit 2019 spielen sie zusammen, die Kanadier stecken ihnen tief in den Fingern, und auch GENESIS und DEEP PURPLE haben deutliche Spuren hinterlassen.
Diesmal haben sie sich richtig was vorgenommen. Über 82 Minuten Musik in fünfzehn Kapiteln, wieder eingespielt im “033-Recording Studio” in ihrer Heimatstadt, wo schon das Debüt ´Appleberry Trees´ entstand. Erzählt wird von einer Menschheit, die ihre Erde ausgebeutet hat und aufbricht, um anderswo neu anzufangen. Ein Flug, der länger dauert als ein Menschenleben, so dass erst spätere Generationen das Ziel erreichen. Die komplette Geschichte steht im 20-seitigen Booklet der CD. Ob der Mensch dort drüben klüger wird? Der Titel des großen Epos kurz vor Schluss lässt Böses ahnen.
Auf dem Cover, wo ein Kind und eine riesige Schildkröte hoch über den Häuserschluchten in den Vollmond blicken, scheint schon die Frage zu stehen, ob es nach der Stadt noch einen Ort gibt, an dem man langsam leben darf.
Die Triebwerke zündet ´Losing It Again´, sechseinhalb Minuten lang, ein Aufbruch, der sich Zeit lässt. ´Swallowtail´ folgt, danach huscht ´Space Wedding´ in zwei Minuten vorbei wie ein kurzer Blick durchs Bullauge. ´Easiest Choice´ und das knappe ´Morning Warmth´ führen weiter durch die lange Nacht im All, bevor ´Maybe I’m The Martian´ mit einem Augenzwinkern daran erinnert, dass auch Raumfahrer irgendwann am eigenen Spiegelbild zweifeln.
Der Titelsong trägt seinen sanften Namen nicht zufällig in der Mitte der Platte, und danach lässt ´Kippie Lake´ mit achteinhalb Minuten zum ersten Mal die Segel ganz weit aufgehen. Arvid Wilhelmsson an Gitarre und Mikrofon, Daniel Lygsa Larsson an den Tasten, Robin Hellsing am Bass und Jimmy Svahn am Schlagzeug verstehen sich hier wie eine Crew, die seit Jahren dasselbe Schiff steuert. Eine Gastgeigerin bringt zwischendurch Farben ins Spiel, die man im Prog viel zu selten hört.
´The New Thing´, ´Harriet’s Heart´ und das siebeneinhalbminütige ´Nighttime Florist´ tragen die Geschichte in die neue Welt hinein, ´Impossible Dance´ gönnt sich knapp vier Minuten Tanz auf dem Drahtseil. Mit ´The Rise And Fall Of Dionysus Alpha´ folgt der längste Brocken, fast zehn Minuten Aufstieg und Untergang in einem einzigen Bogen. ´Burning Out´ fängt die Asche auf, und ´Codex´ zieht nach knapp drei Minuten den Vorhang zu, still wie ein letzter Logbucheintrag.
Natürlich darf man sich fragen, ob es nicht auch ein paar Minuten weniger getan hätten, denn 82 Minuten sind ein Marathon, und mancher Abschnitt verlangt mehr Sitzfleisch, als man an einem gewöhnlichen Abend aufbringt. Aber Prog war nie Fast Food, und wer Konzeptalben liebt, liebt sie ja gerade für diese Ausdauer.
Was bleibt, ist ein Album, das seine Vorbilder ehrt, ohne sie zu kopieren, und das trotz aller kosmischen Weite eine warme, menschliche Mitte hat. Die Schweden haben sich einen Namen geborgt, ihre Welt aber haben sie selbst gebaut, und die ist sanfter und schöner, als es der Titel vermuten lässt.
(7,5 Punkte)
https://www.facebook.com/ExitStageLeftofficial
Cover-Artwork: „Gentle Otherworld“ von Exit Stage Left
(Cover-Gemälde: Mattias Kvick / Artwork-Layout: Anders Kolbrandt /
© 2026 XPRNC Sweden AB)



