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GRENZER – Sturmfrei

2025 (Independent) - Stil: Punk

Meine Einstellung zu deutscher Punkmusik ist nicht gerade positiv. Champagnersozialisten mit Moralkomplex und Selbsthass, jüngere Pseudorebellen, gern aus Mecklenburg Vorpommern, die sich in ÖRR Sendungen in stabiler Haltung zeigen, Ihr kennt die ganze Grütze.

Provokante Assis mit Niveau wie die alten OHL oder coole Truppen wie TOLLWUT aus Bochum fehlen mir. Musikalisch ist alles gebügelt. Nichts tut mehr weh. Moralisch überhöhte leichte Unterhaltung für die ganze Familie hat übernommen. Wo ist der Irrsinn geblieben?

Und dann treffe ich einen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenen Kameraden aus den frühen 2000ern, den Norbert, den ich aus meinen Zeiten bei Plattenbörsen kannte, da er im „Undercover Records“-Orbit agierte. Und von dem Thema Schwarz-Metall kam man dann auf Ostpunk. Was für ein Sprung. Damit mich die feinen Herrschaften aus Mecklenburg Vorpommern nicht mehr länger den Förster rocken schicken, hatte ich ein paar Tage drauf ein Packerl im Hause. Norbert hat die Kapelle GRENZER aus Jena auf meine Spur gebracht und so nahm das Unheil seinen Lauf für mich.

Spaß beiseite, ich bin schon ein Punkbär und freue mich an alten Finnen wie APPENDIX und TREBLINKA oder oben erwähnten OHL und ähnlich wüst derbem Stoff, roh wie der aufgeschrammte Arsch in der Lederhose nach einem Abrutscher beim Moped fahren.

Also, GRENZER, Album ´Sturmfrei´ von 2025. Ihr Zweitwerk ist es. Ein Trio, Gitarrist und Sänger HerkulesFritz, Bassist und Brüller Anorakh und im Wechsel Schlagzeuger AndiTheke und Hartmuth. Und sie klingen irgendwie original, authentisch, 1984, sind ein schmutziger Bastard aus Heavy Rock’n’Roll, Streetpunk und speedigen metallischen Elementen. Ursprünglich und urwüchsig mit einer Liebe zu den alten Riffs und Melodien, die aber über 40 Jahre nach der zweiten Welle Punk und HC Punk mit eigener Seele erfrischt wurden. So entstehen Hymnen, die dieses Album in Deine Seele flexen.

Die kochende Intensität von Riffs und Leads über tosenden Rhythmen und die zuweilen durchdringende Atmosphäre haben, bilden den Charakter der Scheibe, den ich nur als „infernalisch“ bezeichnen kann. Das ist 80er Feeling, wo metallische und punkige Elemente sich auflösen und ihre Atome etwas Unfassbares bilden. Die ONKELZ oder RUMBLE MILITIA fallen mir von ganz lang her ein. Auch wenn GRENZER deren Stile eher im Vorbeidonnern touchieren. Das eine Deutschrock mit hart rockender Kante, das andere räudig stumpfer Metal mit Punkattitüde, GRENZER halt Punkrock pur mit metallischer Kante, dem Genre in seinen Grenzen gerecht werdend. Aber alle haben diese Schwere und rostige Wucht in den Gitarren. Wow, ich bin begeistert. Dem Norbert sei dank kenne ich nun diese Gruppe und hab auch schon so meine Favoriten auf dem Album.

Da ist gleich der räudig hymnische Superhit ´Powermusik´ mit packend einfachen Melodien zu äußerst derben Riffs und anpeitschenden Rhythmen. Da ist ´Baikonur´ mit zurückhaltend rockender Strophe, die fast nachdenkliche NDW Postpunk Atmosphäre aufbaut, nur um für den Kehrreim in einen ab- und aufsteigenden Melodienlauf mit frechem Rotzgesang zu verfallen, der so typisch Punkrock ist. Große Liebe. Alles spricht hier von Rebellion gegen die Gesellschaft. Lieber besoffen und asozial, aber mit tiefer Leidenschaft und Wut gesegnet, anstatt sich dem toten Materialhedonismus im goldenen Käfig anzupassen, der für all den momentanen Irrsinn in der Gesellschaft sorgt. Ihr wisst, was ich meine.

Bei ´Powermusik´ mit seinen durchdringenden metallischen Riffs ist es die Musik, die einem die Seele rettet. Und von ´Baikonur´ aus startet man mit dem russischen Raumschiff in die fernen Dimensionen, weg von dem schnöden Nichts und der Trostlosigkeit der BRD-Überreste.

Norbert sagte mir im Vertrauen, dass er die erste CD noch geiler findet, weil hier schon sehr viel Metal drauf ist, aber für mich ist das gerade geil. Ich hab sowas lange nicht gehört. Epic-, True- und Retrometal, vom Europowermetal reden wir gar nicht, das ist so trostlos wie die Flutschutzmauer in Brake / Unterweser am Deich, wie Systemkomödiant Bjarne Mädel einmal sagte. Hier steckt die Seele drin und brennt.

Sound ist gut, wuchtig, lebendig, echt. Spieltechnik ist präzise, mehr Speedmetal als Punk, weil schon sehr präzise. Aber geil. Und die Texte, ach, die sind herrlich bodenständig und beziehen klar Stellung. Für das Leben, den Rock’n’Roll und die Leidenschaft. Perfekte Musik für alle Lagen, sogar für jetzt beim Training in der Beinpresse mit 200 kg.

(9 Punkte)

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Cover-Artwork: „Sturmfrei“ von Grenzer
(Cover-Design & Artwork: Grenzer /
© 2025 Grenzer [Self-Released])

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