
FAIRNIE & ADAMASCHEK – The Sicilian Suite
2026 (DMG Germany) - Stil: Singer-Songwriter
Manche Alben entstehen im Studio. Andere entstehen unterwegs. Sie wachsen aus Gesprächen, Landschaften, Erinnerungen und den Geschichten eines Ortes. ´The Sicilian Suite´ gehört zu letzterer Kategorie. Dieses Werk beginnt lange bevor der erste Ton erklingt. Es beginnt zwischen antiken Tempeln, staubigen Wegen und den schwarzen Lavafeldern einer Insel, die seit Jahrtausenden Brennpunkt von Kulturen, Religionen und Eroberungen ist. Sizilien ist kein bloßer Schauplatz dieser Musik. Die Insel wird selbst zur Hauptfigur.
Als sich Tom Fairnie und Klaus Adamaschek im Herbst 2024 dort trafen, um gemeinsam neue Lieder zu schreiben, entstand weit mehr als ein weiteres Kapitel ihrer inzwischen fest etablierten Zusammenarbeit. Nach den beiden gefeierten Alben ´Still Unbroken´ und ´Still Dreaming´ wagten die beiden Songwriter einen Schritt, der in einer Zeit schnell konsumierbarer Musik beinahe anachronistisch wirkt. Statt einzelner Songs schufen sie eine zusammenhängende Suite, deren acht Kapitel sich zu einer großen Erzählung verbinden.
Tom Fairnie gehört seit Jahrzehnten zu den angesehensten Stimmen der schottischen Songwriter-Szene. Klaus Adamaschek hat sich mit SHIREGREEN und seinen zahlreichen Soloveröffentlichungen als einer der profiliertesten deutschen Vertreter des modernen Folk etabliert. Beide eint die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, ohne in Klischees zu verfallen. Auf ´The Sicilian Suite´ verschmelzen ihre Handschriften so eng miteinander, dass man oft kaum noch unterscheiden kann, wer welchen Gedanken eingebracht hat.
Aufgenommen wurde das Album in Edinburgh. Dort versammelte sich ein bemerkenswert internationales Ensemble aus Schottland, Deutschland, Irland, den Niederlanden und Island. Die Besetzung liest sich beinahe wie ein kleines Folk-Orchester. Neben den Akustikgitarren von Tom Fairnie und Klaus Adamaschek prägen Wendy Weatherbys Cello, Frank Cassidys Bouzouki, Sandy Brechins Akkordeon, Pauline Vallances Clarsach und Flöten sowie Ben Watts Klavier und Kontrabass das Klangbild.
Der Auftakt ´This Flame (Part 1)´ öffnet die Tür zu dieser Welt. Über behutsam angeschlagenen Gitarren entfaltet sich ein nachdenklicher Song über Erinnerung, Vergänglichkeit und die Spuren, die Menschen hinterlassen. Das Motiv der Flamme zieht sich anschließend durch die gesamte Suite und kehrt in veränderter Gestalt immer wieder zurück. Es wird zum Symbol für Geschichte, Liebe, Verlust und Hoffnung.
In ´No Hitchhikers Anymore´ blickt Klaus Adamaschek auf eine Zeit zurück, als Reisen noch Vertrauen bedeutete und Fremde einander selbstverständlich halfen. Die Melodie besitzt den Charme klassischer Americana, während der Text weit über nostalgische Erinnerungen hinausgeht. Die verschwundenen Anhalter werden zu einem wehmütigen Bild für eine Gesellschaft, die sich zunehmend abschottet.
Tom Fairnie verbindet in ´Romans And Barbarians´ historische Betrachtung mit Gegenwartsanalyse und stellt Fragen, die heute aktueller wirken als viele politische Kommentare. Wer errichtete all diese Tempel und Theater? Wer zerstörte sie wieder? Und haben wir tatsächlich etwas gelernt? Die Mundharmonika setzt markante Akzente, während Fairnies Stimme den Text mit der Gelassenheit eines erfahrenen Geschichtenerzählers trägt. Die Verbindung von Antike und Gegenwart gelingt auf bemerkenswert natürliche Weise.
Noch tiefer in die Gedankenwelt der Suite führt ´The Empire Of The Ants´. Zwischen Olivenhainen, Ruinen und antiken Legenden entwickelt sich eine poetische Meditation über Zeit und Vergänglichkeit. Das Arrangement gehört zu den faszinierendsten und bedrückendsten des Albums. Kontrabass, Klavier und Chorpassagen erzeugen eine Atmosphäre, die an große Folk-Erzählungen britischer Prägung erinnert. Gleichzeitig bewahrt der Song seinen ganz eigenen Charakter.
Im überwältigenden ´Song Of Syracuse´ übernimmt Jane Fairnie den Gesang und verleiht dem Stück eine berührende Intensität. Die Geschichte der alten Hafenstadt Syrakus erscheint wie ein Spiegel menschlicher Schicksale. Verlust, Sehnsucht und Hoffnung durchziehen jede Zeile. Begleitet von Clarsach, dezenten Chorstimmen und einer sorgfältig aufgebauten Melodie entsteht einer jener seltenen Momente, in denen Musik und Inhalt vollkommen miteinander verschmelzen.
Mit ´Goodnight Syracusa´ erreicht das Album schließlich seinen versöhnlichen Kern. Nach Jahrhunderten von Kriegen, Eroberungen und Katastrophen bleibt die Hoffnung. Der Song besitzt die Wärme eines traditionellen Folk-Liedes und zugleich die Würde einer historischen Ballade. Wenn Fairnie und Adamaschek der Stadt gute Nacht wünschen, klingt darin die Überzeugung mit, dass selbst die dunkelsten Kapitel irgendwann überwunden werden können.
Den Rahmen schließt ´This Flame (Part 3)´. Das Leitmotiv kehrt zurück und verbindet die einzelnen Stationen der Reise zu einem Ganzen. Die wiederkehrenden Bilder von Asche, Stein, Erinnerung und Feuer erhalten hier ihre endgültige Bedeutung.
Musikalisch bewegt sich ´The Sicilian Suite´ zwischen Folk, Singer-Songwriter-Tradition, keltischen Einflüssen und behutsam eingesetzten orchestralen Farben. Wer Vergleiche sucht, könnte an die erzählerische Kraft von RUNRIG, die literarische Tiefe von DICK GAUGHAN oder die konzeptionelle Geschlossenheit früher Werke von THE WATERBOYS denken. Dennoch bleibt dieses Album unverkennbar FAIRNIE & ADAMASCHEK.
Besonders beeindruckend ist die Entscheidung, die komplette Suite als zusammenhängendes Werk von über 37 Minuten zu präsentieren. Im modernen Folk- und Singer-Songwriter-Genre sind 37 Minuten einer zusammenhängenden Suite eine historische Ausnahme. In einer Zeit permanenter Playlists wirkt dies beinahe wie ein künstlerisches Manifest. Die Musik verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch mit einer selten gewordenen Geschlossenheit. Dass die einzelnen Abschnitte der durchgehenden Suite auf dem Album gleichfalls als separate Single-Edits enthalten sind – allen voran das monumentale Kernstück ´This Flame´ mit einer Länge von über zwölf Minuten –, unterstreicht den Ausnahmecharakter dieses Werkes.
Mit ´The Sicilian Suite´ ist Tom Fairnie und Klaus Adamaschek ein Werk gelungen, das weit über die Grenzen eines klassischen Singer-Songwriter-Albums hinausgeht. Es erzählt von Geschichte und Gegenwart, von Erinnerung und Hoffnung, von Menschen, die unterwegs sind und nach Orientierung suchen. Vor allem aber erzählt es von der verbindenden Kraft der Musik. Die Reise endet in Syrakus. Der Eindruck, den sie hinterlässt, reicht weit darüber hinaus.
(9 Punkte)
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https://tomfairnie1.bandcamp.com/music
https://www.shiregreen.de/TheSicilianSuite
(VÖ: 24.07.2026)



