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VAN MORRISON – His Band & The Street Choir

1970/2026 (Warner Bros. Records / Analogue Productions) – Stil: R&B, Soul, Gospel, Folk Rock, Blues Rock

Als Van Morrison im Herbst 1970 ´His Band And The Street Choir´ veröffentlichte, befand er sich an einem ungewöhnlichen Punkt seines Lebens. Der Nordire hatte innerhalb von nur zwei Jahren mit ´Astral Weeks´ und ´Moondance´ zwei Werke geschaffen, die unterschiedlicher kaum hätten sein können und dennoch gemeinsam zu den großen Eckpfeilern moderner Rockmusik zählen. Das eine war ein beinahe spiritueller Bewusstseinsstrom zwischen Folk, Jazz und Poesie. Das andere verband diese Vision mit perfekter Songstruktur und machte seinen Schöpfer zum Star. Anstatt diesen Triumph zu wiederholen, schlug Van Morrison einen anderen Weg ein.

Wo ´Moondance´ in mondbeschienenen Straßen wandelte und die Mystik der Nacht beschwor, öffnet ´His Band And The Street Choir´ die Fenster weit. Sonnenlicht fällt in den Raum. Freunde sitzen zusammen. Instrumente wechseln von Hand zu Hand. Jemand stimmt einen Gospelchor an. Irgendwo steht eine Flasche Wein auf dem Tisch. Musik entsteht aus Gemeinschaft und aus dem Vergnügen, gemeinsam zu spielen.

Heute wirkt die Platte wie ein fotografischer Schnappschuss einer seltenen Phase in Van Morrisons Leben. Er lebte mit seiner Familie im ländlichen Woodstock, war frischgebackener Vater, finanziell erstmals abgesichert und weit entfernt vom Erfolgsdruck, der die Entstehung seiner Vorgänger begleitet hatte. Vielleicht erklärt gerade diese Gelassenheit, warum ´His Band And The Street Choir´ trotz aller Qualität oft übersehen wird. Es steht zwischen zwei Monumenten. Doch wer genauer hinhört, entdeckt eines der herzlichsten und menschlichsten Alben seiner gesamten Karriere.

Die Aufnahmen begannen Anfang 1970 in einer kleinen Kirche in Woodstock. Dort entstanden erste Demos unter denkbar einfachen Bedingungen. Schlagzeuger Dahaud Shaar stellte ein paar Mikrofone auf, die Musiker spielten die Songs ein, während die Bänder liefen. Vieles wirkte improvisiert, manches beinahe zufällig.

Die eigentlichen Sessions fanden in den berühmten “A&R Studios” in New York statt. Van Morrison übernahm erneut die Produktion selbst und versammelte große Teile jener Band um sich, die bereits ´Moondance´ veredelt hatte. Gitarrist John Platania, Saxophonist Jack Schroer und Bassist John Klingberg gehörten weiterhin zum Kern der Formation. Hinzu kamen Alan Hand an den Keyboards, Keith Johnson an Trompete und Hammond-Orgel sowie eine lose Gemeinschaft von Freunden, Partnerinnen und Weggefährten, die Morrison unter dem Namen STREET CHOIR zusammenführte.

Ironischerweise wurde gerade dieser Chor später zum Streitpunkt. Morrison hatte ursprünglich geplant, ein nahezu vollständiges A-cappella-Album aufzunehmen. Die Stimmen sollten das Zentrum bilden. Als weitere Sängerinnen hinzukamen und “Warner Bros.” später sogar den ursprünglich vorgesehenen Albumtitel ´Virgo’s Fool´ eigenmächtig verwarf, blieb bei Morrison ein Gefühl der Entfremdung zurück. Über Jahrzehnte sprach er erstaunlich kritisch über eine Platte, die von Fans und Kritikern längst als Klassiker gefeiert wurde.

Musikalisch markiert das Album einen bewussten Richtungswechsel. Die jazzigen Konturen von ´Moondance´ treten deutlich zurück. Stattdessen dominieren Soul, Gospel, Rhythm & Blues und ein kräftiger Schuss New-Orleans-Groove. Folk bleibt präsent, fungiert jedoch eher als Fundament denn als bestimmende Kraft.

Der Opener ´Domino´ explodiert förmlich vor Lebensfreude. Die Bläser treiben den Song voran, während Van Morrison zwischen den Zeilen improvisiert, anfeuert und die Band durch den Song dirigiert. Die Verbeugung vor Fats Domino ist unverkennbar, doch die Aufnahme entwickelt eine eigene Dynamik. Kaum ein anderer Titel seiner Karriere strahlt eine derartige Begeisterung aus. Dass ausgerechnet dieser Song zur erfolgreichsten Single seiner Sololaufbahn wurde, erscheint rückblickend nur logisch.

Mit ´Crazy Face´ schlägt die Stimmung plötzlich um. Ein sanftes Klavier eröffnet den Song, akustische Gitarren legen sich darüber wie Morgentau auf Gras. Die Melodie wirkt verträumt, beinahe pastoral. Erst später öffnet sich das Arrangement und lässt Raum für jazzige Farbtupfer und feine harmonische Verschiebungen. Es ist einer jener Songs, die ihre Schönheit erst nach mehreren Durchläufen vollständig preisgeben.

´Give Me A Kiss´ gehört zu den leichtfüßigsten Momenten des Albums. Ein kurzer Liebesbrief, warmherzig und direkt, getragen von jener entspannten Atmosphäre, die das gesamte Werk prägt. Morrison klingt hier so gelöst wie selten zuvor.

Den nächsten großen Höhepunkt bildet ´I’ve Been Working´. Bereits auf früheren Sessions erprobt, findet der Song hier seine endgültige Form. Die Rhythmusgruppe entwickelt einen hypnotischen Groove, der unüberhörbar von James Brown beeinflusst ist. Morrison steigert sich Zeile für Zeile in einen fast tranceartigen Zustand hinein. Wenn Stimme und Bläsersektion schließlich gemeinsam explodieren, entsteht einer jener magischen Augenblicke, die man nicht komponieren kann. Sie passieren einfach.

Das Gospel-Herz des Albums schlägt in ´Call Me Up In Dreamland´. Hier tritt der namensgebende STREET CHOIR erstmals richtig ins Zentrum. Die Stimmen antworten Morrison, tragen den Refrain und verwandeln das Stück in eine euphorische Feier des Unterwegsseins. Die Aufnahme besitzt jene spontane Wärme, die viele große Soul-Platten der späten Sechziger auszeichnete.

Ganz anders wirkt ´I’ll Be Your Lover, Too´. Fast schüchtern entfaltet sich diese akustische Ballade. Die Instrumentierung bleibt minimal, wodurch jede Nuance von Morrisons Gesang umso stärker wirkt. Der Song erinnert in seiner Intimität an die zärtlichsten Momente von ´Astral Weeks´ und gehört zu den emotionalsten Aufnahmen seiner frühen Karriere.

Auf dem zweiten Vinyl setzt sich die stilistische Vielfalt fort. ´Blue Money´ verbindet augenzwinkernden Humor mit federndem R&B. Der Song swingt mühelos dahin und zeigt Van Morrison als charmanten Geschichtenerzähler. Die Bläser setzen pointierte Akzente, während die Rhythmusgruppe einen unwiderstehlichen Groove erzeugt.

´Virgo Clowns´ gehört zu den unterschätzten Perlen des Albums. Akustische Gitarren, pastorale Melodien und ein Hauch Woodstock-Romantik verschmelzen zu einem Stück voller stiller Melancholie. Man spürt förmlich die grünen Hügel und die entspannte Gegenkultur jener Jahre.

Mit ´Gypsy Queen´ huldigt Morrison offen seinen Soul-Helden. Besonders Curtis Mayfield und THE IMPRESSIONS schweben über dieser Aufnahme. Sein ungewöhnlicher Falsettgesang verleiht dem Song eine fast schwerelose Qualität.

´Sweet Jannie´ führt zurück zu den Wurzeln des Blues. Der klassische Zwölf-Takt-Aufbau bildet das Fundament für eine leidenschaftliche Liebeserklärung. Hier zeigt sich erneut, wie tief der Rhythm & Blues in Van Morrisons musikalischer DNA verankert war.

Die Ballade ´If I Ever Needed Someone´ zählt zu den bewegendsten Stücken des Albums. Gospel, Soul und tiefe emotionale Ehrlichkeit verbinden sich zu einer Darbietung, die an die großen Aufnahmen von Sam Cooke erinnert. Die Hammond-Orgel schwebt sanft im Hintergrund, während Morrison jede Zeile mit spürbarer Hingabe singt.

Den Abschluss bildet schließlich ´Street Choir´. Die Mundharmonika eröffnet den Song wie ein Ruf über weite Felder. Nach und nach wächst das Arrangement zu einer hymnischen Feier von Gemeinschaft, Musik und Zusammenhalt. Die Energie dieser Aufnahme besitzt etwas Ansteckendes. Sie wirkt wie das musikalische Manifest eines Albums, das nie Perfektion anstrebte.

Im direkten Vergleich zu ´Moondance´ werden die Unterschiede besonders deutlich. Wo der Vorgänger bis ins kleinste Detail ausgearbeitet war, lebt ´His Band And The Street Choir´ von seiner Spontaneität. Wo ´Moondance´ nachts leuchtet, strahlt diese Platte im hellen Tageslicht. Wo dort die individuelle Stimme des Künstlers dominierte, steht hier das kollektive Erlebnis im Mittelpunkt.

Gerade deshalb bildet das Album den dritten Teil jener legendären Trilogie, die viele Kritiker als Van Morrisons kreative „Heilige Dreifaltigkeit“ betrachten. ´Astral Weeks´ erforschte die Seele. ´Moondance´ perfektionierte die Form. ´His Band And The Street Choir´ feierte die Freude am Leben und Musizieren.

Dass Van Morrison selbst lange ein schwieriges Verhältnis zu diesem Werk hatte, änderte nichts an seiner Wirkungsgeschichte. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Album zu einem festen Bestandteil des Classic-Rock-Kanons. Songs wie ´Domino´, ´Blue Money´ oder ´I’ve Been Working´ gehören bis heute zu den beliebtesten Stücken seines Katalogs.

Audiophiler Hochgenuss

Mit der aktuellen 45-RPM-Neuauflage aus der gefeierten “Acoustic Sounds 40”-Series erhält das Album eine Wiederveröffentlichung, die seinem Rang endlich gerecht wird.

“Analogue Productions” präsentiert ´His Band And The Street Choir´ als luxuriöses Doppelalbum auf 180g-Vinyl. Gepresst wurde die Edition bei “Quality Record Pressings”, deren Ruf für makellose Oberflächen und höchste Fertigungsqualität seit Jahren unangefochten ist. Die Musik verteilt sich nun auf vier Plattenseiten mit 45 Umdrehungen pro Minute, wodurch deutlich mehr Raum für Dynamik, Detailtreue und Klangtiefe entsteht.

Das schwere Tip-On-Gatefold von Stoughton Printing entspricht dem hohen Standard der gesamten Serie und vermittelt jene Wertigkeit, die man von klassischen High-End-Veröffentlichungen erwartet.

Klanglich gehört diese Ausgabe zweifellos zu den besten Versionen, die jemals von diesem Album erschienen sind. Die Wärme der Originalaufnahme bleibt vollständig erhalten, während Transparenz, Dynamik und Räumlichkeit auf ein neues Niveau gehoben werden. Es ist eine jener seltenen Wiederveröffentlichungen, bei denen man bereits nach wenigen Minuten versteht, warum Vinyl-Enthusiasten von Referenzpressungen sprechen.

Über fünf Jahrzehnte nach seiner Entstehung hat ´His Band And The Street Choir´ nichts von seiner Frische verloren. Es ist das Zeugnis eines glücklichen Moments. Ein Album voller Wärme, Freundschaft, Soul und Lebensfreude. Kein mystisches Meisterwerk wie ´Astral Weeks´. Kein makellos geschliffenes Monument wie ´Moondance´. Dafür etwas ebenso Wertvolles: Die hörbare Freude eines großen Künstlers am gemeinsamen Musizieren. Und manchmal ist genau das die schönste Form von Magie.

https://www.facebook.com/vanmorrisonofficial

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