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GOBLIN – The Singles Collection 1975-1979

2026 (Cinevox Records) - Stil: Horror Prog / Giallo Jazz

Manche Bands schreiben Soundtracks. GOBLIN erschufen Welten. Wer in den siebziger Jahren einen Film von Dario Argento sah, begegnete nicht bloß Bildern voller Schatten, Spiegel und plötzlicher Schrecken, sondern einer Musik, die sich tief ins Gedächtnis brannte. Zwischen Progressive Rock, elektronischer Experimentierfreude und italienischer Filmmusik entstand ein Klangkosmos, der bis heute unverwechselbar geblieben ist.

Mit ´The Singles Collection 1975–1979´ erscheint nun erstmals jene Reihe von 7-Inch-Veröffentlichungen auf einer einzigen Vinyl-Ausgabe, die den kometenhaften Aufstieg der Römer nachzeichnet. Was auf den ersten Blick wie eine Archivsammlung wirkt, entpuppt sich rasch als faszinierende Zeitreise durch eine der kreativsten Phasen europäischer Rockmusik.

Der Ausgangspunkt ist natürlich ´Profondo Rosso´. Die Geschichte dahinter gehört längst zur Rock- und Filmfolklore. Nachdem ursprünglich andere Musiker für Dario Argentos Thriller vorgesehen waren, landete der Auftrag schließlich bei einer jungen Band, die damals noch am Beginn ihrer Laufbahn stand. Das Ergebnis wurde zu einem kulturellen Phänomen. Die Single hielt sich über ein Jahr in den italienischen Charts und bewies eindrucksvoll, dass instrumentaler Progressive Rock ein Massenpublikum erreichen konnte. Noch heute besitzt das markante Zusammenspiel aus Orgel, Bass und Mellotron jene magnetische Kraft, die den Hörer sofort in ihren Bann zieht.

´Death Dies´ zeigt unmittelbar danach die andere Seite der Band: virtuoser, verspielter und deutlich stärker vom Jazz-Rock geprägt. Mit ´Roller´ folgt einer der großen Instrumentalklassiker des italienischen Prog. Ohne die Unterstützung eines Films entstand hier Musik, die ganz aus eigener Kraft bestehen musste. Claudio Simonetti, Massimo Morante, Fabio Pignatelli und Agostino Marangolo präsentieren sich als Ensemble von beeindruckender Geschlossenheit. Die Melodie entfaltet sich langsam, getragen von analogen Synthesizern und jener eleganten Melancholie, die viele große italienische Produktionen der Epoche auszeichnet.

Eine kleine Überraschung stellen die beiden Fassungen von ´Chi?´ dar. Ursprünglich als Titelmusik für eine RAI-Fernsehproduktion komponiert, verbinden sie den Suspense-Charakter klassischer Krimiserien mit dem Gespür der Band für eingängige Themen. Die Stücke zeigen, wie mühelos GOBLIN ihr Vokabular auch außerhalb des Horrorkinos einsetzen konnten.

Der Mittelpunkt dieser Sammlung bleibt dennoch ´Suspiria´. Kaum ein anderes Thema hat die Geschichte des europäischen Horrorfilms so nachhaltig geprägt. Die flüsternden Stimmen, die geheimnisvollen Percussionfiguren und die eigenwilligen Keyboardfarben erzeugen eine Stimmung, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Dario Argento ließ die Musik während der Dreharbeiten sogar am Set laufen, um seine Darsteller in die richtige psychologische Verfassung zu versetzen. Man hört diesem Stück an, dass hier Film und Musik eine seltene Einheit eingegangen sind.

Das düstere ´Blind Concert´ ergänzt diese Phase mit einer nervösen Spannung, die sich beständig steigert. Die Aufnahmen aus ´Il Fantastico Viaggio del Bagarozzo Mark´ zeigen anschließend eine Band, die sich von ihren bekannten Rollenbildern lösen wollte. ´Un Ragazzo D’Argento´ besitzt beinahe opernhafte Qualitäten und gehört zu den seltenen Momenten, in denen Gesang bei GOBLIN eine tragende Rolle übernimmt. ´Opera Magnifica´ dagegen feiert den klassischen italienischen Progressive Rock mit prachtvollen Keyboardpassagen und einer geradezu überschäumenden Spielfreude.

Zu den großen Wiederentdeckungen dieser Zusammenstellung zählt ´Yell´. Jahrzehntelang blieb die Single eher ein Geheimtipp unter Sammlern. Als Titelmusik der TV-Produktion “Sette storie per non dormire” verbindet sie den düsteren Charakter früherer Soundtracks mit elektronischen Ideen, die bereits den Weg in die kommende Dekade weisen.

Die letzten Stationen dieser Reise heißen ´Amo Non Amo´ und ´Funky Top´. Ende der siebziger Jahre veränderte sich die musikalische Landschaft spürbar. Disco, Funk und moderne Studiotechnik beeinflussten selbst etablierte Progressive Rock-Gruppen. GOBLIN reagierten darauf mit bemerkenswerter Offenheit. Besonders ´Funky Top´ besitzt eine Leichtigkeit und Tanzbarkeit, die man bei einer Band ihres Rufes vielleicht nicht erwarten würde.

Dennoch funktioniert diese Compilation ganz hervorragend. Sie konzentriert sich nicht ausschließlich auf die bekannten Klassiker, sondern zeigt Entwicklung, Wandel und Experimentierfreude. Die Singles erzählen eine Geschichte von fünf außergewöhnlich produktiven Jahren, in denen sich GOBLIN vom jungen Studio-Projekt zur internationalen Kultformation entwickelten.

Für Vinylfreunde besitzt diese Veröffentlichung einen zusätzlichen Reiz. Viele der enthaltenen Singles waren über Jahrzehnte nur mit erheblichem Aufwand aufzuspüren. Manche Originalpressungen wechselten unter Sammlern für beachtliche Summen den Besitzer. Dass dieses Material nun erstmals geschlossen auf einer LP vorliegt, macht ´The Singles Collection 1975–1979´ zu weit mehr als einer nostalgischen Rückschau.

Die weiße Vinyl-Edition zum “Record Store Day” 2026, das hochwertige Gatefold-Cover und die ausführlichen Liner Notes verleihen dem Ganzen schließlich jene Wertigkeit, die einer solchen Veröffentlichung gebührt. Klanglich überzeugt die Pressung mit einem offenen, ausgewogenen Mastering, das den warmen Charakter der analogen Originalaufnahmen bewahrt und zugleich erstaunlich detailreich ausfällt.

Wer die Entwicklung von GOBLIN zwischen Horror-Klassikern, Progressive Rock und den ersten elektronischen Experimenten nachvollziehen möchte, erhält hier einen der spannendsten Rückblicke des Jahres.

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