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HANS HJELM – The Night Electronic

2026 (Kungens Ljud & Bild) - Stil: Art Rock

Man stellt sich Stockholm kurz nach Mitternacht vor. Nasser Asphalt reflektiert das Licht der Straßenlaternen. Die letzten U-Bahn-Züge verschwinden in der Dunkelheit. Hinter beschlagenen Fenstern laufen alte VHS-Kopien von David Lynch-Filmen, während irgendwo ein analoger Synthesizer langsam seine Kreise zieht. Genau dort beginnt die Welt von Hans Hjelm.

Wer die bisherigen Soloarbeiten des Schweden kennt, weiß, dass er sich stets zwischen Progressive Rock, Space Rock und nordischer Melancholie bewegte. Seine Instrumentalwerke wirkten wie Soundtracks für imaginäre Filme. Musik für lange Fahrten durch winterliche Landschaften. Musik, die Bilder erzeugte.

Bei ´The Night Electronic´ gibt es daher einige Überraschungen, die größte ist die Stimme. Plötzlich bekommen die Melodien Worte. Melodien, die auf seinem Album ´Into The Night´ noch von Gitarren erzählt wurden, werden jetzt durch die Stimmen von Hildur Ottilia und Viktor Westerlund zum Leben erweckt. Es entsteht sogar der Eindruck, als hätten diese Stücke seit ihrer Entstehung darauf gewartet, endlich mit Gesang versehen zu werden.

Hans Hjelm selbst beschrieb seine Kompositionen einmal als Melodien, die immer eher aus menschlichen Gesangsbögen als aus klassischen Gitarrenmustern entstanden seien. Auf ´The Night Electronic´ wird diese Theorie zur faszinierenden Realität.

Produziert gemeinsam mit Henrik Sunbring im “Helter Skelter Studio” verabschiedet sich Hjelm weitgehend von den gitarrenorientierten Klanglandschaften seiner Vergangenheit. Stattdessen dominieren Drum-Loops, Synth-Bässe, analoge Keyboards und elektronische Texturen. Doch wer nun kalte Elektronik erwartet, liegt völlig daneben.

Das Album besitzt Wärme. Es besitzt die elegante Melancholie von TALK TALK während ihrer Übergangsphase, die nächtliche Romantik von JAPAN und die cineastische Weite später DAVID SYLVIAN-Arbeiten. Gleichzeitig beinhaltet es moderne Referenzen wie AIR, THE BLUE NILE oder die verträumten Momente von PORCUPINE TREE.

Der Opener ´Mantra´ setzt sich mit einem hypnotischen Beat fest. Synthesizer pulsieren im Hintergrund wie entfernte Neonlichter. Die Musik bewegt sich mit jener selbstverständlichen Eleganz, die große Nacht-Alben auszeichnet. Noch beeindruckender gerät ´I Feel Like Fire´. Fast acht Minuten lang vereint Hans Hjelm seine beiden musikalischen Welten. Die prog-geprägte Vergangenheit schimmert noch immer durch jede Melodie, während der elektronische Unterbau einen völlig neuen Sog entwickelt. Die Stimmen von Hildur Ottilia und Viktor Westerlund verleihen dem Stück eine emotionale Tiefe, die auf den früheren Instrumentalversionen nur angedeutet wurde.

Die eigentliche Offenbarung des Albums heißt jedoch ´Aftersun´. Ein Stück, das wirkt wie der letzte Abend eines endlosen Sommers. Warme Synthesizer schweben durch den Raum. Die Rhythmik bleibt zurückhaltend. Hildur Ottilias Stimme scheint förmlich über dem Arrangement zu schweben. Es ist einer jener seltenen Songs, die gleichzeitig melancholisch und tröstlich wirken. Musik für den Moment zwischen Abschied und Hoffnung.

Auch ´Shores´ gehört zu den Höhepunkten. Gemeinsam mit Jesper Skarin, Mikael Tuominen und Per Wiberg entwickelt Hans Hjelm hier eine Atmosphäre, die an einen verlorenen Soundtrack erinnert. Psychedelische Farben treffen auf elektronische Präzision. Die Grenzen zwischen Art Rock und Ambient verschwimmen zusehends.

Das eigentliche Konzept des Albums offenbart sich schließlich in seinem Finale. ´Artnam´. Ein simples Wortspiel. Und doch weit mehr als das. Der Titel ist die Rückwärtsversion von ´Mantra´. Musikalisch geschieht exakt dasselbe. Stimmen laufen rückwärts. Drones verschieben die Wahrnehmung. Zeit scheint ihre Richtung zu verlieren. Der Kreis schließt sich. Es ist ein Ende, das keine Antworten liefert. Nur weitere Fragen.

Bemerkenswert bleibt die Entstehungsgeschichte von´The Night Electronic´. Zwischen 2023 und 2025 nahm Hans Hjelm diese Neuinterpretationen seiner älteren Kompositionen auf. Was zunächst wie ein klassisches Rework-Projekt klingt, entwickelt sich beim Hören zu etwas völlig anderem. ´The Night Electronic´ ist keine Remix-Platte. Kein Update. Keine elektronische Überarbeitung. Es ist die Wiedergeburt bereits existierender Musik. Ein zweites Leben.

Vielleicht werden manche Fans der psychedelischen Gitarrenlandschaften früherer Werke den raueren Charakter von ´Into The Night´ vermissen. Das ist nachvollziehbar. Doch gerade der Mut zur Veränderung macht dieses Album so spannend. Hans Hjelm hat sich nicht wiederholt. Er hat seine eigene Vergangenheit neu erfunden. Er hat Art Rock, Synth-Wave und skandinavische Melancholie zu einem Werk voller Atmosphäre, Tiefe und nächtlicher Schönheit zusammengefügt.

Ein Album für lange Autofahrten durch nächtliche Städte. Für Kopfhörer nach Mitternacht.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/hanshjelmmusic

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