
Wenn sich der samtene Vorhang der Geschichte hebt und aus den tiefsten Abgründen der menschlichen Seele ein markerschütternder, goldener Lövenschrei ertönt, dann schlägt die Geburtsstunde eines unsterblichen Denkmals! Nach dem kühnen, bluesgetränkten Hardrock-Ausflug auf ´Life Among The Ruins´ stand das Long-Island-Gespann um Ausnahmemusiker David DeFeis und Gitarrenvirtuos Edward Pursino im Winter 1994 vor den Trümmern einer veränderten Musiklandschaft. Während die weltweite Metal-Szene unter der erdrückenden Grunge-Welle stöhnte, Bands scharenweise entmutigt aufgaben oder ihre Seele an den Zeitgeist verkauften, zogen sich VIRGIN STEELE in die “Media Sound Studios” auf Long Island zurück. Sie kehrten keineswegs nur zu ihren Wurzeln zurück; sie erschufen mit dem im Dezember 1994 über das neu gegründete “Noise Records”-Sublabel “T&T Records” veröffentlichten Monumentalwerk ´The Marriage Of Heaven And Hell – Part One´ eine völlig neue, intellektuelle Stilistik – eine majestätische Kathedrale aus roher US Power Metal-Wucht und hochklassischer, barocker Ästhetik.
Man muss die entfesselte Magie dieser Tage spüren, um die schiere Tragweite dieser musikalischen Auferstehung zu erfassen. Nach zermürbenden Rechtsstreitigkeiten mit dem alten Management und dem Abschied von Bassist Rob DeMartino – der das Instrument nach der Einspielung der Vorab-Demos verließ, woraufhin David DeFeis und Edward Pursino die Tieftöner-Spuren kurzerhand selbst im Studio einspielten – stand die Truppe ohne gültigen Plattenvertrag da. Es war der legendäre deutsche Metal-Manager Charly Rinne, der beim Anhören der frischen Bänder augenblicklich das gigantische Potenzial erkannte und der Truppe einen Vertrag per Handschlag anbot. Die Band befand sich in einem schier unendlichen Schöpfungsrausch. Das Duo DeFeis und Pursino komponierte so viele unbegreifliche Sternstunden, dass ein einfaches Album die Flut der Ideen niemals hätte fassen können. Kurzentschlossen legten sie das Fundament für eine monumentale Trilogie, deren erster Teil die Szene im Mark erschüttern sollte.

Inhaltlich verließ David DeFeis das rein weltliche Schlachtfeld des Vor-Vorgängers ´Noble Savage´. Der feingeistige Poet wählte den englischen Mystiker William Blake und dessen bahnbrechendes Werk “The Marriage of Heaven and Hell” aus dem späten 18. Jahrhundert als spirituellen Paten. Daher ist das Album ist ein tiefschürfendes, philosophisches Manifest über die Dualität des Daseins: die unumgängliche Verschmelzung von Vernunft und Leidenschaft, Ordnung und Chaos, Himmel und Hölle. Verwoben mit antiken sumerischen und griechischen Mythologien rund um Ištar und Demeter, besang David DeFeis die Sehnsucht der Seele mit einer literarischen Strahlkraft, die im gesamten Heavy Metal ihresgleichen suchte.
Musikalisch brennt vom ersten Ton an eine heilige Flamme. Das Epos startet mit dem unsterblichen Opener ´I Will Come For You´, dessen marschierendes Keyboard-Intro von einem furchterregenden Schrei durchbrochen wird, ehe Edward Pursino eines der majestätischsten Riffs der Metal-Geschichte abfeuert. Das hochkomplexe, rhythmisch vertrackte ´Weeping Of The Spirits´ peitscht die Dramatik weiter an, bevor das spektakuläre ´Blood And Gasoline´ – jener 1992 geschriebene und trotzig zurückgehaltene Rohdiamant der Ruhephase – in einen chorbeladenen, heroischen Refrain von gigantischem Ausmaß explodiert. Die Band balanciert meisterhaft zwischen tonnenschwerer Düsterheit wie im schleppenden, schmerzverzerrten ´Self Crucifixion´ und rasender Power Metal-Besessenheit im mitreißenden ´Blood Of The Saints´. Zwischen einem unbändigen ´The Raven Song´, einem emotionalen ´Forever Will I Roam´ und einem epischen ´Life Among The Ruins´ ist schlichtweg alles möglich, während überirdische Glanzstücke wie ´Last Supper´ vollends aus hiesigen Sphären entführen.
David DeFeis liefert auf dieser Scheibe die am breitesten gefächerte Vokalperformance ab, die jemals auf einem Metal-Tonträger verewigt wurde. Vom samtigen, verletzlichen Flüstern in bittersüßen Balladen wie dem zerbrechlichen ´House Of Dust´ bis hin zu opernhaften, schneidenden High-Pitch-Screams, die selbst Rob Halford ehrfurchtsvoll erstarren lassen, zeigt der Meister auch im sagenhaften ´Trail Of Tears´ eine schier unbegrenzte Stimmgewalt. Edward Pursino beweist sich derweil als perfekter Partner. Seine messerscharfen Riffs und tränenreichen Gitarrensoli schmelzen nahtlos mit den klassischen Flügel-Arrangements und orchestralen Synthesizer-Teppichen zusammen, ohne die metallische Härte der Songs auch nur für eine Sekunde aufzuweichen. Das instrumentale Titelstück ´The Marriage Of Heaven And Hell´ krönt diese siebzigminütige Reise schließlich als dramaturgisch vollendete Metal-Oper.

Als Retter des traditionellen Heavy Metal erreichte dieses Meisterwerk Mitte der Neunziger vor allem die Herzen der europäischen und japanischen Fans. Es war der kompromisslose Beweis dafür, dass wahrhaftige Kunst keinen kurzlebigen Modewellen unterworfen ist. Nachdem die Originalpressungen auf dem Sammlermarkt jahrelang wie pures Gold gehandelt wurden, schließt die fantastische 2026er-Schallplatten-Wiederveröffentlichung über “Steamhammer / SPV” endlich eine klaffende Lücke. Als aufwendig gestaltete Doppel-LP im edlen Gatefold auf schwerem Vinyl gepresst, entfaltet das Album klanglich eine ungeahnte Räumlichkeit. Die sorgfältige Aufteilung der monumentalen Spielzeit auf vier Plattenseiten schenkt den komplexen Frequenzschichten die nötige Luft zum Atmen. David DeFeis’ fein nuancierte Klavierpassagen klingen seidig und intim, während Joey Ayvazians wuchtiges Schlagzeugspiel und Edward Pursinos schneidende Gitarrensäulen mit dynamischer Transparenz aus den Lautsprechern donnern. Ein zeitloses, erhabenes Tondokument für die Ewigkeit!
Klassiker.



