
Wenn sich das Rad des Schicksals nach zehntägiger, stürmischer Fahrt erneut dreht und die Pforten zum zweiten Akt dieser göttlichen Tragödie aufstoßen, dann gibt es kein Zurück mehr: Der Olymp gerät ins Wanken, und aus der Asche der alten Welt steigt ein Titan empor! Nur rund ein Jahr nach dem Erdbeben von ´Part One´ legten VIRGIN STEELE mit ´The Marriage Of Heaven And Hell – Part Two´ nach. Was andere Bands in ihrer gesamten Karriere nicht auf die Kette bringen, entfesselte das Gespann DeFeis/Pursino in einem schier unbegreiflichen, berauschenden Schöpfungsakt. Wer glaubte, die New Yorker hätten ihr Pulver im kalten Dezember 1994 bereits verschossen, wurde eines Besseren belehrt. Dieser zweite Streich ist nicht bloß eine Fortsetzung, er ist die kompromisslose, düstere und brachialere Eskalation der Saga. Der Heavy Metal legte den feinen Samtmantel ab, streifte den schimmernden Brustpanzer über und zog mit gezogenem Schwert in die Schlacht.
Man muss sich die Szenerie des Jahres 1995 ins Gedächtnis rufen. Die weltweite Heavy Metal-Landschaft lag nach wie vor in Schutt und Asche, beherrscht von melancholischem Zeitgeist und minimalistischer Einfachheit. Doch anstatt vor den Diktaten der Musikindustrie zu knien, schlossen sich David DeFeis und Edward Pursino erneut in den “Media Sound Studios” auf Long Island ein und schufen ein unumstößliches Monument für die Ewigkeit. Die Studio-Umstände waren von einer ungezähmten, fast besessenen Energie getrieben. Neben Joey Ayvazian wirbelte bei der Hälfte der Tracks erstmals der blutjunge Frank Gilchriest über die Kessel. Seine dynamischen, peitschenden Snares und rasenden Doublebass-Salven verliehen Nummern wie ´Rising Unchained´ eine bis dato unerreichte, fast schon thrashende Urgewalt.

Inhaltlich fackelte David DeFeis die alten Altäre endgültig ab. War der erste Teil eine hochromantische, philosophische Betrachtung der inneren Zerrissenheit im Sinne William Blakes, so brennt auf ´Part Two´ die Fackel der unerbittlichen Rebellion. DeFeis tauchte tiefer denn je in die griechische Mythologie und gnostische Geheimlehren ein. Die Figur des Prometheus – jener Titan, der den Göttern das Feuer stahl, um es der Menschheit zu schenken – wird zum ultimativen Manifest für Aufklärung, Selbstbestimmung und den Bruch mit tyrannischen Dogmen. Es geht nicht mehr nur um das Betrauern der Fesseln, sondern um das stolze, blutige Sprengen der Ketten.
Schon der Opener ist Kult. Legenden besagen, DeFeis habe das Riff zu ´A Symphony Of Steele´ ursprünglich als exklusiven Jingle für ein deutsches Underground-Fanzine entworfen – doch die Komposition besaß so viel majestätische Strahlkraft, dass sie als hymnischer Türöffner herhalten musste! Was folgt, ist eine Achterbahnfahrt der Superlative. Das hochkomplexe ´Crown Of Glory (Unscarred)´ meistert den Spagat zwischen schneidender Härte und herzzerreißenden Melodien, ehe das monumentale, knapp zehnminütige Epos ´Emalaith´ die Hörer in seinen Bann zieht. Hier verschmelzen DeFeis’ magische, barocke Flügel-Passagen mit den tragischen, messerscharfen Riffs von Edward Pursino zu einer Metal-Hymne von absoluter Weltklasse. Dazwischen blitzt im mitreißenden ´Devil/Angel´ feuriger Priest-Worship auf, während das triumphale ´Victory Is Mine´ als ewig leuchtende Live-Bastion den absoluten Höhepunkt markiert.

David DeFeis zeigte sich auf diesem Album vocal-technisch auf dem absoluten Zenit seines Lebenswerkes. Seine Spanne reicht von gutturalem, beschwörendem Grollen über seelenvolles, intimes Flüstern im akustischen Kleinod ´Strawgirl´ bis hin zu raubtierhaften Lövenschreien und schneidenden High-Pitches, die Mark und Bein erschüttern. Gitarrenmagier Edward Pursino wiederum lieferte ein Riff-Fundament ab, das an Vielseitigkeit, Härte und melodischer Eleganz in der gesamten Dekade seinesgleichen suchte. Jedes Solo hat Hand und Fuß, jede Note brennt vor purer Hingabe.
Mit der 2026er-Vinyl-Neuauflage über “SPV / Steamhammer” erfährt auch dieser Klassiker nun die audiophile Krönung, die ihm seit drei Jahrzehnten gebührt. Der Sound des Doppel-Vinyls im prachtvollen Gatefold ist atemberaubend: Die Bässe drücken mit einer urgewaltigen Dynamik, während die vielschichtigen Orchester-Teppiche und filigranen Klavierläufe maximale Luft zum Atmen bekommen. Wo die ursprüngliche CD-Pressung durch ihre enorme Spielzeit stellenweise dicht wirkte, entfaltet die analoge Rille nun eine Transparenz, die Pursinos Gitarrenwände förmlich aus den Boxen springen lässt. Ein zeitloses, göttliches Meisterwerk, das in keiner exquisit sortierten Sammlung fehlen darf!
Klassiker.



