
KING CRIMSON – Islands (David Singleton Elemental Mixes)
1971/2026 (Panegyric Records/DGM) - Stil: Progressive Rock / Jazz Rock
Das Aufregendste an ´Islands´ im Jahr 2026 ist ein Klavier, wie man es auf dieser Platte nie zu hören bekam. Keith Tippett sitzt plötzlich ganz allein am Anfang des Albums und spielt, als wäre der Rest der Band längst nach Hause gegangen. Und mit einem Mal hört man eine der rätselhaftesten Platten von KING CRIMSON mit völlig neuen Ohren.
Um zu verstehen, was David Singleton hier gewagt hat, muss man kurz zurück ins Jahr 1971. KING CRIMSON hatten wieder einmal ihre Besetzung umgekrempelt. Von der ´Lizard´-Mannschaft waren neben Robert Fripp nur Texter Peter Sinfield und Saxofonist Mel Collins geblieben. Neu dazu kamen Schlagzeuger Ian Wallace und Raymond „Boz“ Burrell. Burrell war eigentlich als Sänger gekommen, den Bass brachte ihm Fripp erst bei, weil sich kein passender Bassist fand. Dazu holte man Gäste aus der britischen Jazzszene, allen voran den Pianisten Keith Tippett, den Kornettisten Mark Charig und den Kontrabassisten Harry Miller. Was dabei herauskam, war die vielleicht stillste und zugleich unheimlichste Platte, die diese Band je gemacht hat.
´Islands´ erschien am 3. Dezember 1971 bei „Island Records“, in Amerika einen Monat später bei „Atlantic Records“. Es blieb das einzige Studioalbum dieser Besetzung. Kurz darauf trennte sich Fripp von Sinfield, nach anderthalb Jahren wachsender Spannungen. Sinfield hätte die Band gern in eine weichere, jazzigere Richtung geführt und sprach später von „seinem“ ´Islands´. Fripp hielt dagegen, Sinfield habe auf der Platte weder komponiert noch gespielt. Als 1973 ´Larks‘ Tongues In Aspic´ erschien, war außer Fripp niemand mehr übrig.

David Singletons Ansatz ist ein anderer als der von Steven Wilson, der das Album 2010 gemeinsam mit Fripp für die Jubiläumsreihe neu gemischt hatte. Wilson wollte das Original so klar und räumlich wie möglich zeigen. Singleton dagegen, seit Jahrzehnten Fripps Partner bei ihrem Label „DGM“, hat die originalen Mehrspurbänder durchforstet und nach Teilen gesucht, die das vertraute Muster aufbrechen. Bei ´Lizard´ hatte er das schon einmal getan und gescherzt, das Ergebnis sei ´Lizard´ für Leute, die ´Lizard´ eigentlich nicht mögen. Bei ´Islands´ geht er noch einen Schritt weiter.
Am deutlichsten wird das gleich zu Beginn. ´Formentera Lady´, benannt nach der kleinen Baleareninsel, schleicht sich im Original mit Harry Millers gestrichenem Kontrabass heran, mit Flöte und leisen Glöckchen, als würde sich Dunst über das Meer legen. Singleton lässt stattdessen Tippett allein ans Klavier. Eine weit ausholende, frei schweifende Fantasie, die klingt, als hätte jemand nachts im leeren Studio noch ein bisschen weitergespielt. Erst danach kommt die Band. Auch später rücken Tippetts schwere Akkorde und die Perkussion weiter nach vorn. Die träumerische Insel bekommt dadurch festeren Boden unter die Füße, und Paulina Lucas‘ wortloser Sopran schwebt umso freier darüber.
´Sailor’s Tale´ war schon 1971 das wildeste Stück der Platte, ein Instrumental, in dem Fripps Gitarre klingt, als würde jemand Glas zerschlagen und die Scherben neu sortieren. Singleton nimmt Teile des Mellotrons zurück, und mit einem Mal steht die Rhythmusgruppe im grellen Licht. Wallace trommelt mit einer Wucht, die man früher eher erahnte als hörte, und Collins‘ Saxofon schneidet sich über Burrells grollendem Bass hindurch. Wer die rohe Crimson‑Phase ab 1973 liebt, hört hier, wo sie herkommt.

´The Letters´ erzählt im Original eine der finstersten Geschichten, die Sinfield je geschrieben hat. Eine Geliebte schickt der Ehefrau ihres Liebhabers einen vergifteten Brief und gesteht darin die Affäre. Die Ehefrau liest ihn, bricht innerlich zusammen und schreibt mit erschreckend ruhiger Hand zurück, dass sie aus dem Leben scheiden wird. Musikalisch hat Fripp das Stück aus einer alten Idee seiner Zeit bei GILES, GILES AND FRIPP entwickelt, der Mittelteil stammt aus ´Drop In´, das schon die erste Crimson‑Besetzung live spielte. Singleton wagt hier den vielleicht kühnsten Eingriff der ganzen Platte, denn in seiner Fassung singt niemand mehr. Burrells Stimme ist verschwunden, und das Drama muss sich allein durch die Instrumente erzählen. Das gelingt beklemmend gut. Wer den Text kennt, hört die Briefe trotzdem, im Zögern der Gitarre ebenso wie in Collins‘ Saxofonen. Mit gut vier Minuten ist diese Fassung außerdem eine knappe halbe Minute kürzer als das Original.
Die zweite Seite beginnt mit ´Ladies Of The Road´, Sinfields Groupie‑Song, den er später selbst als den sexistischsten Text aller Zeiten bezeichnete. Musikalisch ist er ein schmutziger Blues mit Satzgesängen, die ein bisschen an THE BEATLES erinnern, und Ian Wallace singt hier mit. Singleton lässt ihn über eine Minute länger laufen als im Original, dünnt die Harmonien aus und rückt Burrells Gesang nah heran. Collins‘ Saxofonfiguren schlängeln sich jetzt so deutlich durch den Mix, dass man jede einzelne verfolgen kann.

Danach kommt die größte Umstellung der Platte. Der Titelsong ´Islands´ rückt nach vorn, und ´Prelude: Song Of The Gulls´ beschließt nun das Album. Im Original folgte auf ´Islands´ eine Minute Stille und dann jener berühmte Studiomitschnitt, in dem Fripp ankündigt, man spiele die Nummer noch zweimal, einmal mit Oboe und einmal ohne. Seit 2014 dient dieser Moment bei Konzerten als Einlaufmusik. Singleton verzichtet auf beides. Tippetts Klavier und Fripps Pedalharmonium klingen noch zerbrechlicher, darunter atmet Harry Millers Kontrabass. Und wenn Mark Charigs Kornett schließlich seine sehnsüchtige Linie zieht, ist das einer der schönsten Augenblicke, die KING CRIMSON je aufgenommen haben.
´Prelude: Song Of The Gulls´ war schon im Original ein Ausreißer, ein kleines Kammerstück für Streicher und Robin Millers Oboe, ganz ohne Rockinstrumente. Auch diese Melodie geht auf GILES, GILES AND FRIPP zurück. In der neuen Fassung dauert es fast sechs Minuten statt gut vier. Als Schlusspunkt funktioniert das erstaunlich gut. Die Platte endet jetzt nicht mehr mit Studiogeplauder, sie verabschiedet sich mit einem leisen Lächeln.
Klanglich ist diese LP ein Fest. Jason Mitchell hat sie bei „Loud Mastering“ geschnitten, gepresst wurde auf 200g schwerem Vinyl in der „Vinyl Factory“ in London. Das Ergebnis hat Druck und Tiefe, die leisen Stellen von ´Islands´ bleiben wirklich still, und die vielen Details, die Singleton freigelegt hat, kommen sauber zur Geltung.
Ersetzen will diese Platte das Original nicht, und das sollte sie auch nicht. Wer ´Islands´ zum ersten Mal hört, ist mit der Fassung von 1971 oder dem Mix von Wilson und Fripp besser bedient. Wer das Album aber schon lange kennt, darf hier ein Ohr auf das neue Zwillingsalbum riskieren und bekommt zudem einen seltenen Blick in die Werkstatt einer Band, die 1971 eine Insel baute und kurz darauf auseinanderfiel. Und man merkt, wie viel himmlische Musik damals noch auf den Bändern schlummerte.



