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PAUL McCARTNEY – The Boys Of Dungeon Lane

2026 (MPL/Capitol Records/Universal Music) - Stil: Pop/Rock

´The Boys Of Dungeon Lane´ legt sich wie ein langsam aufziehender Liverpooler Morgennebel über die Erinnerung. Doch was zuerst wie ein leiser Rückblick erscheint, entpuppt sich nach wenigen Minuten als ein emotionaler Strom aus Leben, Staub, Straßenlicht und jener unverwechselbaren Paul McCartney-Magie, die selbst nach Jahrzehnten noch klingt, als würde sie gerade erst entstehen.

Schon der erste Ton wirkt wie ein Wiedersehen mit einer Zeit, die längst verloren geglaubt war. Paul McCartney betritt dieses Album daher als Chronist seiner eigenen Anfänge. ´The Boys Of Dungeon Lane´ ist kein Spätwerk im klassischen Sinne, kein Abschied, kein dunkles Resümee. Es ist eher ein letzter Aufbruch – zurück in jene staubigen Straßen von Speke, wo alles begann, lange bevor die Welt „Beatlemania“ überhaupt buchstabieren konnte.

Produziert gemeinsam mit Andrew Watt, wirkt das Album bewusst unglatt, lebendig, fast trotzig analog. Kein Hochglanz, kein steriler Studio-Glanz. Stattdessen echte Instrumente, brüchige Stimmen, atmende Räume. Man hört Holz, Metall, Luft – und manchmal das leise Zittern von Erinnerung.

Musikalisch bewegt sich das Werk zwischen WINGS-artigem Rock, BEATLES-typischen Harmonien und einer fast kammermusikalischen Intimität.

´As You Lie There´ eröffnet das Album wie ein Fenster, das plötzlich aufgerissen wird. Ein Akkord, der noch unsicher wirkt, bis sich daraus eine klassische McCartney-Hymne entwickelt, irgendwo zwischen „Band on the Run“-Energie und der melodischen Wärme früher Beatles-Jahre.

´Lost Horizon´ öffnet jedoch sogleich eine andere Tür: psychedelisch, schwebend, mit subtilen Referenzen an die experimentellen Jahre – und mit einem dezenten Sitar-Sample von George Harrison aus den späten 60s.

´Days We Left Behind´ hingegen ist wie ein Foto, das leicht verblasst ist, aber genau deshalb so weh tut. Hier wird Dungeon Lane mehr als ein Ort, es wird ein Symbol. Für Nachmittage mit John Lennon in seinem Elternhaus, für solche am Mersey, für rauchige Bars, für Träume, die noch nicht wussten, dass sie Geschichte schreiben werden. McCartneys Stimme klingt dabei längst älter und brüchiger.

Und dann ´We Two´, ein Stück, das sich anfühlt wie ein verlorener Track aus der „Abbey Road“-Ära, bewusst aufgenommen auf klassischer Studiotechnik aus ´A Day In The Life´-Tagen, als würde jemand ein altes Tonband wieder ans Licht holen.

´Home To Us´ ist sogar ein historischer Moment. Ringo Starr tritt hier nicht nur als Schlagzeuger auf, sondern als stimmlicher Gegenpol. Zum ersten Mal in dieser Tiefe begegnen sich die beiden ehemaligen BEATLES wirklich als Duettpartner. Kein Mythos mehr, keine Legende, sondern zwei Stimmen, die wissen, wo sie herkommen.

´Salesman Saint´ wiederum zeigt McCartney als Geschichtenerzähler im großen Format. Der Song beginnt intim, fast zerbrechlich, und wächst dann in jene orchestrale Wucht hinein, die an die großen “Abbey-Road”-Momente erinnert.

´Momma Gets By´ trifft schließlich mit stiller Gewalt. Eine Klavierballade, reduziert bis auf das emotionale Minimum, getragen von dramatischen, bittersüßen Streichern. Kein Schutz. Nur Erinnerung. Nur Wärme, die noch kurz bleibt, bevor sie vergeht.

Aufgenommen über fünf Jahre zwischen Tourneen, zwischen Los Angeles und Sussex, entstand dieses Werk ohne Druck, ohne Deadline. Paul McCartney spielte viele Instrumente selbst ein, fast wie in seinen frühen Solojahren. Dieser Moment – ein Tee, eine Gitarre, ein unbekannter Akkord – wurde zum Ursprung eines Albums, das sich nicht wie ein Produkt anfühlt, sondern wie ein Gespräch mit der Vergangenheit.

Daher steht ´The Boys Of Dungeon Lane´ quer zu allem, was moderne Popproduktion oft ausmacht. Es ist kein Trendalbum, kein Versuch, relevant zu bleiben. Es ist vielmehr das Gegenteil: ein Album, das sich seine eigene Zeit erschafft. Während viele Spätwerke großer Künstler düster oder resigniert wirken, bleibt dieses Album erstaunlich lebensnah.

Paul McCartney blickt zurück, ohne zu verklären. Er erinnert sich, ohne sich selbst zu verlieren. Er versucht nicht, jung zu sein, sondern ehrlich. So bleibt am Ende das Gefühl, einem Künstler zu lauschen, der nichts mehr beweisen muss. ´The Boys Of Dungeon Lane´ ist kein Abschied. Es ist ein Kreis, der sich schließt.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/PaulMcCartney

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