
MYRA MELFORD – SATOKO FUJII – Katarahi
2026 (RogueArt) - Stil: Avantgarde Jazz
Wenn in den letzten Jahren überhaupt noch ein Album erschienen ist, das den alten Geist des freien Jazz atmet wie verrauchte Kellerclubs in New York, nächtliche Gespräche nach Konzerten und dieses fast vergessene Gefühl musikalischer Grenzauflösung, dann ist es ´Katarahi´. Nicht als kalkuliertes Avantgarde-Statement. Nicht als akademische Fingerübung für Jazz-Aristokraten. Sondern als zutiefst menschliches Zeugnis zweier Musikerinnen, die längst aufgehört haben, sich gegenseitig beeindrucken zu wollen, und stattdessen etwas viel Schwierigeres erreicht haben: völliges Vertrauen.
Schon der Titel verrät alles. ´Katarahi´ – ein japanisches Wort für ein intimes Gespräch von Herz zu Herz zwischen engen Freunden. Ein Begriff, den Satoko Fujii bewusst auswählte, weil sich das gemeinsame Spiel mit Myra Melford für sie genau so anfühlt. Und selten hat ein Album seinen eigenen Charakter so präzise beschrieben.
Denn was hier am 27. September 2024 beim Jazzfestival Leibnitz in Österreich eingefangen wurde, klingt nicht wie ein klassisches Piano-Duo. Es klingt wie zwei Biografien, die ineinanderfließen. Zwei musikalische Lebenswege, die sich seit Jahrzehnten kennen und irgendwann begonnen haben, dieselbe Sprache zu sprechen.
In einer Zeit, in der moderner Jazz oft zwischen sterilem Perfektionismus und digital geglätteter Atmosphäre verloren geht, wirkt ´Katarahi´ beinahe wie ein Relikt aus einer anderen Ära, jener goldenen Epoche, in der Labels wie “ECM”, “Black Saint” oder “hat ART” noch Aufnahmen veröffentlichten, die sich weniger wie Produkte anfühlten als wie eingefangene Magie. Man spürt hier dieselbe kompromisslose Offenheit, die einst Paul Bley, Cecil Taylor, Carla Bley oder frühe Anthony Braxton-Aufnahmen umwehte. Keine kalkulierte Virtuosität. Nur Instinkt, Risiko und Kommunikation.
Dass ausgerechnet der kanadische Jazzpianist Paul Bley einst die Verbindung zwischen Satoko Fujii und Myra Melford herstellte, erscheint heute fast schicksalhaft. 1994 begegneten sich beide erstmals über den legendären Pianisten am New England Conservatory. Jahrzehnte später hört man auf ´Katarahi´ förmlich, wie sich all diese Jahre gegenseitigen Zuhörens, Lernens und Vertrauens in Klang verwandelt haben.
Darin liegt auch die Größe dieses Albums. ´Katarahi´ ist kein Wettkampf zweier virtuoser Pianistinnen. Keine Jazz-Olympiade. Kein Ego-Konzert. Sondern ein vollständiges Auflösen individueller Grenzen.
Die beiden Flügel stehen in Leibnitz so eng nebeneinander wie zwei ineinandergeschobene Puzzle-Teile. Zeitweise sollen Fujii und Melford während des Konzerts sogar die Plätze getauscht haben – und tatsächlich verschwimmen ihre Klangidentitäten derart stark, dass selbst erfahrene Hörer oft kaum noch unterscheiden können, wer gerade welchen Impuls setzt. Das Resultat ist kein Dialog mehr. Es ist ein einziger atmender Organismus aus Holz, Stahl, Resonanz und Emotion.
´Interlude I´ eröffnet die Vorstellung mit Stille. Man hat das Gefühl, zwei Menschen beim vorsichtigen Wiederfinden zuzuhören, obwohl sie sich seit Jahrzehnten kennen.
In ´Signpost´ werfen sich die beiden Motive zu wie alte Freunde Insider-Witze. Es folgen schräge Monk-Anspielungen, rhythmische Stolpersteine und fast humorvolle Richtungswechsel. In diesem Moment beginnt das Album seine eigentliche Magie zu entfalten: Trotz aller Komplexität verliert die Musik niemals ihre Menschlichkeit.
Dagegen erweckt ´Pairs´ höchst spannungsvolle Momente. Die ineinandergreifenden rhythmischen Figuren erinnern stellenweise an frühe M-Base-Experimente, gleichzeitig aber auch an die nervöse Energie europäischer Free-Improvisation der 70er Jahre.
Dann kommt ´Chalk´, einer der emotional schönsten und aufwühlendsten Momente der gesamten Aufnahme. Erst hohe Töne, fragile Linien, und dann der Ausbruch. Für einige Minuten scheint die Zeit stillzustehen. Gerade in diesen leisen Momenten zeigt sich, wie unfassbar kontrolliert beide Musikerinnen mit Dynamik umgehen. Wo andere improvisieren, formen sie Atmosphäre.
Der Mittelpunkt des Albums ist ´Kaiwa´. Schon der Titel – japanisch für „Konversation“ – macht klar, worum es geht. Der Beginn explodiert beinahe in Cecil-Taylor-artiger Gewalt. Cluster krachen gegeneinander, die beiden hämmern perkussiv auf die Tasten ein, als wollten sie das Innere der Instrumente freilegen. Doch plötzlich öffnen sich melodische Fenster, kleine fragile Inseln inmitten des Chaos. Dieses Wechselspiel aus Angriff und Zärtlichkeit macht ´Katarahi´ so überwältigend.
Zu ´IV´ beginnt der Konzertsaal förmlich zu vibrieren. Man hört hier nicht nur Musik – man hört Holz arbeiten, Saiten schwingen, Luft zittern. Die Aufnahme fängt diese Körperlichkeit beeindruckend ein.
Und dann noch ´From Sometime´. Zehn Minuten völliger Grenzauflösung. Die beiden verlassen teilweise die Tastaturen, greifen direkt in die geöffneten Flügel, kratzen an Saiten und erzeugen metallische Geräuschflächen. Doch selbst im scheinbaren Chaos bleibt immer dieses tiefe gegenseitige Verständnis erhalten. Immer wieder tauchen kleine humorvolle Motive auf – musikalische Pointen, spontane Reaktionen. Man hört förmlich zwei Menschen lachen, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wird.
Auf diese ureigene Art und Weise unterscheidet sich ´Katarahi´ von vielen modernen Avantgarde-Veröffentlichungen. Dieses Album wirkt niemals verkopft. Niemals elitär. Die Improvisationen besitzen Tiefe, denn selbst in den abstraktesten Momenten bleibt das Menschliche spürbar.
Vielleicht wird das Album daher bereits jetzt als eines der wichtigsten Avantgarde-Jazz-Werke der letzten Jahre gefeiert. ´Katarahi´ ist die völlige Neudefinition des Piano-Duos. Nicht Konkurrenz, nicht Solist und Begleitung, sondern vollständige Verschmelzung.
Und tatsächlich erinnert ´Katarahi´ eher an jene legendären spirituellen Begegnungen des Jazz, bei denen Musik fast zu einer Form emotionaler Telepathie wurde. Man denkt an die intimsten Momente von Bill Evans und Jim Hall, an die Offenheit von Paul Bley oder an die eruptive Kommunikation der späten Cecil Taylor-Ensembles – nur dass Myra Melford und Satoko Fujii daraus ihre ganz eigene Sprache formen.
Besonders bemerkenswert ist außerdem die Produktion. Obwohl es sich um einen Live-Mitschnitt handelt, besitzt das Album eine enorme räumliche Tiefe. Die Aufnahme von Norbert Stadlhofer für ORF wirkt unglaublich organisch. Gerade über hochwertige Kopfhörer oder eine gute Vinyl-Anlage entfaltet sich die volle räumliche Dimension der beiden Flügel. Auch optisch transportiert die “RogueArt”-Veröffentlichung genau jene kunstvolle Zurückhaltung, die man von den großen europäischen Jazz-Produktionen kennt. Das minimalistische Coverdesign von Max Schoendorff oder die Fotografien von Michele Giotto wirken wie eine bewusste Hommage an jene Zeit, in der Jazz-Alben noch Gesamtkunstwerke waren.
Dieses Album versucht nicht, modern zu wirken. Es sucht keine Algorithmen. Stattdessen erinnert es daran, warum Jazz einst als die ehrlichste Form musikalischer Kommunikation galt: weil hier Menschen einander wirklich zuhören. Nicht oberflächlich. Nicht strategisch. Sondern mit offenem Herzen.
Wer somit die Bereitschaft mitbringt, sich auf ´Katarahi´ einzulassen, erlebt Musik, die in einem magischen Moment zwischen zwei Menschen entsteht. Und genau deshalb wird dieses Album auch in vielen Jahren noch Bedeutung haben. Nicht wegen technischer Perfektion, sondern wegen zwei Menschen.
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