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STEVE HOGARTH – Ice Scream Genius

1997/2026 (earMUSIC / Edel / KNM) - Stil: Artrock/ Poprock

Eine herrlich verbrauchte Kippe im Mundwinkel, das Licht im Studio heruntergedimmt, der Geruch von feuchtem Holz und abgekühlten Röhrenverstärkern in der Luft. Wenn man die schwarze Doppel-LP aus dem schwergewichtigen Gatefold zieht und die Nadel sanft in die Rille gleiten lässt, dann atmen nicht nur die Menschen im Raum, sondern auch das Songmaterial. Es knistert nicht nur, es pulsiert. Zum 70. Geburtstag von Steve Hogarth beschert uns die 2026er-Neuauflage von ´Ice Cream Genius´ das wohl persönlichste, sperrigste und faszinierendste Stück Musik, das der MARILLION-Frontmann je verbrochen hat.

Als das Werk im Februar 1997 über “When! Recordings” auf die Welt losgelassen wurde, rieben sich viele die Augen. Kein opulentes Bombast-Epos, keine endlosen Rothery-Soli, keine seichten Stadion-Refrains. Steve Hogarth wollte schlicht eine Platte machen, die sich ausschließlich um seine eigene Seele dreht. Um das umzusetzen, scharte er Musiker um sich, die auf dem Papier wie eine gelungene Kneipen-Wette klangen: Richard Barbieri von JAPAN am Synthesizer-Fuhrpark, Dave Gregory von XTC an den Saiten, Schlagzeug-Mastermind Steve Jansen und Bass-Legende Chucho Merchan. Im “Racket Club” und Van Morrisons “Wool Hall Studio” herrschte ein eisernes Diktat: “Sobald es nach Marillion klingt, wird es gelöscht!”

Auf Seite A entfaltet sich direkt dieser völlig entstaubte, karge Charme. ´The Evening Shadows´ kommt leise auf Samtpfoten daher. Steve Hogarths Stimme steht völlig nackt im Raum, nur umspült von den melancholischen, analogen Synthesizer-Flächen aus Richard Barbieris Hand. Das ist kein Prog Rock, das ist vertonter Weltschmerz mit Kaminfeuer-Atmosphäre. ´Really Like´ bricht alsbald mit afro-funkigen Rhythmen von Luis Jardim aus der Lethargie aus, bevor mit ´You Dinosaur Thing´ das unbestrittene Highlight der ersten Scheibe durch die Lautsprecher kracht. Eine wunderbar rotzige, an die späten Beatles und 80er-New Wave erinnernde Abrechnung mit dem eigenen Älterwerden. Dave Gregory lässt dabei seine Rickenbacker schrammeln, dass es eine wahre Freude ist.

Seite B führt uns vollends in den Abgrund. ´The Deep Water´ beginnt wie ein düsteres Gedicht über den eigenen Tod, umspült von Chucho Merchans tiefen Bass-Vibrationen, ehe das Stück urplötzlich in orientalische, tranceartige Gefilde kippt. ´Cage´ legt nach mit einer hypnotischen, fast industriellen Kälte, die einem nicht nur im goldenen Käfig die Nackenhaare aufstellt.

Seite C schenkt mit ´Until You Fall´ eine wunderschöne, gebrochene Art Pop-Perle aus der Feder eines Künstlers, der weiß, dass man erst tief fallen muss, um zu wachsen. ´Better Dreams´ transportiert das fiebrige Flair eines nächtlichen Los Angeles direkt ins Wohnzimmer – nur Gesang, Streicher und verhallte Gitarrenspuren, die wie psychedelische Traumfetzen durch den Raum mäandern.

Das eigentliche Geschenk dieser schönen 2-LP-Edition wartet jedoch auf Seite D. Neben dem majestätischen Ambient-Epos ´Nothing To Declare´, das das Gefühl einer verregneten Landebahn in Heathrow perfekt einfängt, finden Sammler hier endlich ´The Last Thing´. Der Track, den Produzent Craig Leon – der Mann, der bei genialen Studio-Takes gerne “I scream genius!” durch den Regieraum brüllte – damals vom europäischen Release strich, setzt dem Album den perfekten, intimen Schlusspunkt auf. Nur Steve Hogarth, sein Klavier und schmerzhaft ehrliche Worte.

Diese Wiederveröffentlichung ist ein Triumph der analogen Ära. Es ist die ungeschminkte, unperfekte und gerade deshalb so unsterbliche Seele eines außergewöhnlichen Sängers. Ein zeitloses Werk des Art Pop, das auf zwei schwarzen Scheiben endlich den Raum bekommt, den es verdient.

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