
DIASPRO – Diaspro
2026 (Guit-AL Records/Just For Kicks Music) - Stil: Rock Progressivo Italiano
Viele Retro-Prog-Alben der letzten Jahre arbeiten mit den bekannten Elementen des italienischen Progressive Rock der Siebzigerjahre: Mellotronflächen, analoge Keyboards, folkloristische Akustikgitarren und symphonische Arrangements. DIASPRO gehen deutlich präziser vor. Das Debütalbum der italienischen Band rekonstruiert nicht einfach den Klang des klassischen „Rock Progressivo Italiano“, sondern übernimmt konkrete kompositorische Verfahren aus der ersten Generation von PFM, BANCO DEL MUTUO SOCCORSO sowie MUSEO ROSENBACH und überführt sie in eine modern produzierte Studioplatte.
Die Entstehungsgeschichte des Albums reicht mehrere Jahre zurück. Gitarrist Marcello Chiaraluce plante ursprünglich ein Soloalbum im Umfeld von Mike Oldfields ´Tubular Bells´, bevor die Arbeit durch seine Zeit in der JETHRO TULL-Tribute-Band BEGGAR’S FARM und durch eine stärkere Orientierung an klassischem italienischem Prog erweitert wurde. Nach einer längeren Unterbrechung formierten sich DIASPRO im Jahre 2024 endgültig als vollständige Band. Das Debüt erschien schließlich Anfang 2026.
Inhaltlich basiert das Album auf einem wiederkehrenden Klartraum, den Marcello Chiaraluce während einer Phase massiven Liebeskummers entwickelte. Die Handlung fungiert dabei als struktureller Rahmen für die Musik: ein unterirdischer Bahnhof, ein nie eintreffender Zug, ein versteckter Aufzugsschacht, ein Aufstieg an die Oberfläche, Tierfiguren als verdrängte Instinkte und die Konfrontation mit einer schwarzen Hundegestalt namens Gelso. Anders als viele Konzeptalben verlieren sich DIASPRO dabei nicht in gesprochenen Abschnitten, die Handlung wird fast vollständig musikalisch dargestellt.
Bereits ´Introduzione´ definiert die ästhetische Richtung des Albums sehr klar. Cembalo, Orgel, Akustikgitarre, Kontrabass und Violine verweisen direkt auf PFMs ´Per Un Amico´ als bewusst gesetzte Referenz an die italienische Prog-Tradition der frühen Siebzigerjahre. In ´Piccola Stazione´ wechseln Hammond-Orgel, harte Gitarrenriffs und akustische Zwischenpassagen im Minutentakt ihre Funktion. Hinzu kommt eine Keyboardarbeit mit deutlichen Bezügen zu Tony Banks, ergänzt durch Übergänge mit kleinen Jazz-Fills und offenen Hi-Hat-Figuren.
´Verso La Città Grande´ bewegt sich im Spannungsfeld von New Prog und Prog Metal. Beide Gitarristen arbeiten mit kurzen, aggressiven Riff-Blöcken, die immer wieder von Pianofiguren unterbrochen werden. ´Salto In Alto´ verbindet eine kammermusikalisch gedachte Aufstellung mit Jazzharmonik. ´Per Salire Su´ kombiniert Samba-Rhythmik, Funk-Prog-Keyboards und harte Gitarrenarbeit in etwas mehr als drei Minuten Laufzeit, während Andrea Manuelli zusätzlich ein Keyboard-Solo mit klaren Bezügen zu BANCO DEL MUTUO SOCCORSO einbringt.
´Piano Rialzato´ integriert eine Slide-Gitarre in einen bluesbasierten Prog-Kontext. In dem instrumentalen ´Verso La Tana Di Gelso´ verfolgen sich die Instrumente in langen Fugato-Passagen gegenseitig, bevor das Klavier erneut Themen früherer Stücke aufgreift. Die kurzen Sequenzen aus ´Totem´, ´Gelso´ und ´Inferno´ arbeiten mit schweren Gitarrenakkorden und Chorfragmenten oder wechseln in eine akustische Balladenform. ´Senza Di Me´ beendet das Album ohne großes Finale. Marcello Chiaraluce spielt dabei ein Gitarrensolo mit klaren Bezügen zu Mark Knopfler.
Musikalisch zeigen DIASPRO eine der stärkeren modernen Ausprägungen des “Rock Progressivo Italiano” der letzten Jahre. Die Musik verbindet eine klare historische Verankerung im italienischen Progressive Rock mit einer eigenständigen kompositorischen Sprache. Im Vergleich zu vielen Retro-Prog-Produktionen wirkt das Material deutlich strukturierter und weniger auf nostalgische Reize ausgerichtet.
(8 Punkte)



