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ARMORED SAINT – Emotion Factory Reset

2026 (Metal Blade Records) - Stil: US Power Metal

Sie gehören zu den Bands, die im Schatten der großen Namen oft als ewige Außenseiter geführt werden, und doch seit Jahrzehnten zu den stabilsten Größen im US Heavy Metal zählen: ARMORED SAINT. Sie gehören zu den Bands, die nie Trends hinterherliefen, sondern immer ihren eigenen Stil spielten. Seit den frühen Achtzigern zieht sich diese Linie durch Klassiker wie ´March Of The Saint´, ´Delirious Nomad´ und ´Raising Fear´, bevor mit ´Symbol Of Salvation´ ein Werk entstand, das bis heute als Fixpunkt gilt, nicht zuletzt durch den Verlust von Dave Prichard. Spätere Mega-Alben wie ´Win Hands Down´ haben gezeigt, dass diese Band auch im höheren Lebensalter kein Nostalgie-Act ist.

John Bush, Joey Vera, Jeff Duncan, Phil Sandoval und Gonzo Sandoval zelebrieren mit ´Emotion Factory Reset´ ein weiteres Kapitel einer langen Geschichte. Produziert von Joey Vera und gemischt von Jay Ruston, der bereits für ANTHRAX und STONE SOUR gearbeitet hat, klingt die Platte trocken und souverän ausgearbeitet. Schließlich arbeiteten sie mit der Gelassenheit einer erfahrenen Band erst zwei Jahre an den Songs, ehe überhaupt ein Studio betreten wurde. Der Titel ´Emotion Factory Reset´ entstammt einem Gedanken von Gitarrist Phil Sandoval, der diesen Begriff als innere Neuausrichtung beschreibt. Diese Idee zieht sich durch das gesamte Album, auch wenn ARMORED SAINT sie nie plakativ vor sich hertragen.

Mit einem druckvollen Hard Rock-/Heavy Metal-Riff in bester ´Reign Of Fire´-Tradition eröffnet ´Close To The Bone´ das Album. Tief verwurzelt in jener klassischen NWoBHM-Schule, die Joey Vera seit Jahrzehnten prägt, marschiert die Nummer gnadenlos nach vorne. Währenddessen trägt John Bush den Konflikt eines Menschen aus, der mit Leuten zusammenarbeiten muss, bei denen jede Verständigung ins Leere läuft und selbst einfache Gespräche unterschwellige Aggression freilegen.

Seinen schweren Midtempo-Groove baut ´Every Man-Any Man´ zunächst komplett auf Joey Veras Basslauf auf, ehe die Gitarren Stück für Stück hinzustoßen. Der Refrain erinnert mit seiner direkten Eingängigkeit durchaus an ´Dropping Like Flies´. Inhaltlich kreist der Song um menschliche Schwächen, Gier und die unangenehme Erkenntnis, dass sich Hoffnungen, Ängste und Abgründe bei allen Menschen letztlich kaum unterscheiden.

Als klassischer US Power Metal-Track mit aggressivem, geradlinigem Riffing und treibendem Double-Bass-Fundament tritt ´Not On Your Life´ ohne Umwege hervor. John Bush setzt den Gesang hart an, was wie eine klare Absage an jegliche Fremdbestimmung wirkt. Es geht um das harte, kompromisslose Festhalten an der eigenen Unabhängigkeit.

´Hit A Moonshot´ ist ein treibender, leicht überdrehter Rocksong, der die Brücke zwischen Tradition und der Moderne schlägt. Joey Vera verbindet das großartige Stück mit Erinnerungen an frühe Proberäume in Los Angeles; besonders das Intro-Riff trägt diesen Garagenband-Ursprung noch in sich. Inhaltlich geht es um das Ungleichgewicht von Glück und Ausgangslagen: John Bush beschreibt Menschen, die scheinbar mühelos Treffer landen, während andere hängen bleiben.

Mit über sechs Minuten Spielzeit setzt sich ´Buckeye´ als die längste Nummer des Albums ab und ist als bittersüße, epische Halbballade angelegt. Jeff Duncan setzt hier mehrfach eine filigrane Slide-Gitarre ein, ohne den Song aus dem klassischen Rahmen der Band zu lösen. John Bush singt hier einen seiner persönlichsten Texte über den Moment, in dem seine Tochter das Elternhaus verlässt, um in Ohio aufs College zu gehen. Das Stück reiht sich nahtlos in die Liga von Balladen-Klassikern wie ´Aftermath´ oder ´Isolation´ ein.

In dem rifforientierten Song ´Compromise´ liefern sich Phil Sandoval und Jeff Duncan ein packendes, zweistimmiges Duell an den Lead-Gitarren, das an die besten Zeiten von ´Symbol Of Salvation´ erinnert. Inhaltlich kreist die Nummer um das Prinzip des Kompromisses – im gemeinsamen Arbeiten, in Beziehungen und letztlich auch innerhalb einer Band, die seit Jahrzehnten mit nahezu unveränderter Besetzung existiert.

Mit einer dreckigen, rotzigen Punk-Attitüde und harten, abgehackten Riffs bricht ´It’s A Buzzkill´ aus dem klassischen Metal-Muster aus. John Bush richtet den Blick hier auf eine Gegenwart, in der ständige Negativität und Dauerempörung jede Form von Spontaneität im Keim ersticken. Der Text bewegt sich dabei sehr treffend zwischen bissigem Humor und zynischer Beobachtung.

Der geradlinige Up-Tempo-Headbanger ´Throwing Caution To The Wind´ marschiert im klassischen Metal-Blade-Geist der frühen 80er-Jahre. Denn der Song erinnert in seiner rauen Energie und den packenden Twin-Guitar-Soli an die ganz frühe Phase der Band. Inhaltlich geht es um den Moment, in dem man aufhört, alles abzusichern, und stattdessen einfach mutig handelt.

´Ladders And Slides´ ist ein rhythmisch extrem stark geprägter Song, bei dem Joey Vera und Gonzo Sandoval mit einer unerbittlichen Rhythmus-Sektion den Takt vorgeben. Der Song greift dabei das Kinderspiel „Ladders and Snakes“ als Bild auf und überträgt es auf Lebens- und Karrierewege. John Bush beschreibt ohne Verklärung, dass Aufstieg und Rückfall eng beieinander liegen, oft rein durch Zufall entschieden.

Als schwerer, aber dennoch erstaunlich leichtfüßiger Groove-Metal-Track rollt ´Bottom Feeder´ heran. Joey Vera und Gonzo Sandoval legen ein unerschütterliches Fundament und bleiben konsequent auf dieser drückenden Linie, während John Bush ein klares Bild von Ausnutzung und emotionaler Abhängigkeit innerhalb sozialer und beruflicher Strukturen zeichnet.

Den endgültigen Schlusspunkt des Albums bildet schließlich ´Epilogue´ und setzt sich als sonniger, extrem heller Hard-Rock-Song deutlich von der vorherigen Schwere ab. Der Track löst die zuvor aufgebaute Spannung des Albums bewusst auf. Inhaltlich hakt der Song die eigenen Zweifel ab, macht Frieden mit der Vergangenheit und lässt die inneren Konflikte ein für alle Mal hinter sich.

´Emotion Factory Reset´ verweigert sich der Erwartungshaltung, einen ähnlichen Hit wie ´Win Hands Down´ abzuliefern. Stattdessen setzt das Album auf elf Songs, die sich erst nach ein paar Durchläufen tief im Gehörgang festbeißen. Es ist eine ehrliche, handgemachte Heavy Metal-Produktion, die den Hörer ohne langes Vorgeplänkel packt und mit einem erfrischend unbeschwerten Gefühl entlässt.

(8,5 Punkte)

Michael Haifl

ARMORED SAINT sind in der Regel ein Garant für nörgelfreie Alben. Zudem weiss man, was man von den Amis Qualitativ erwarten kann. Einen einzigartigen, unverwechselbaren, über Jahrzehnte gereiften Sound, geprägt von John Bushs eindringlichem Gesang, einer der fettesten Rhythmusektionen im Metal und einer Attitüde, die für trendfreien Metal steht.

Was also kann es Neues auf einem neuen ARMORED SAINT Album geben?

´Emotion Factory Reset´ liefert die hohe Kunst des Erwartbaren, sprich der klassische US Metal wird gut geschüttelt mit vielen hardrockigen Elementen kredenzt. Dass Hard Rock-Elemente auf diesem Album deutlich hörbarer auffallen, liegt wohl daran, dass man diesem Genre mehr Raum gegeben hat. Trotz der hohen Qualität habe ich für mich persönlich allerdings auch einen Stinker auf dem Album ausgemacht, leider. ´Bottom Feeder´ ist trotz einer netten Melodie für ARMORED SAINT-Verhältnisse eine eher langweilige, spannungsfreie Nummer. Das simple, mit einem fast schon AC/DC-artigen Beginn groovt zwar supernice, ist aber auch eher eindimmensional ausgefallen. Bush singt großartig, aber irgendwie fehlt der Nummer eine eindringliche Kraft, die den Track zum “Hit” macht. Wenn das “negativ” klingen sollte, ist das, was die Amis hier bieten, immer noch weit über Mittelklasse, das steht zweifelsfrei fest.

Die wahren Highlights des Albums sind allerdings die Stücke, wo die metallische Faust regiert. ´Hit A Moonshot´, ´It´s A Buzzkill´, ´Compromise´, ´Buckeye´ (was für eine grandiose Slide-Gitarre in der zweiten Hälfte des Tracks!!!) oder der gewaltigen Opener ´Close To The Bone´. Mit ihm setzt man die Messlatte hoch an, liefert das Highlight des Albums gleich zu Beginn und erreicht leider nicht mehr ganz dieses Niveau.

´Emotion Factory Reset´ ist ein gutes, solides ARMORED SAINT-Album, das für meine Begriffe etwas zuviel Hard Rock inspiriert ausgefallen ist. Was jedoch nichts mit der generellen Qualität, dem Gebotenen, zu tun hat, nur, die metallische Schlagseite hätte etwas intensiver sein können und mehr Stücke auf dem Level des Openers hätte das metallische Herz in Rasung versetzt. So gesehen gibt es für sein Geld ein solides ARMORED SAINT-Album, das allerdings in der Gesamt-Discografie eher im hinteren Drittel zu plazieren ist.

(7,5 Punkte)

Jürgen Tschamler

´Emotion Factory Reset´, das neunte Studioalbum von ARMORED SAINT, zeigt eine Band, die auch nach über vier Jahrzehnten mit bemerkenswerter Klarheit und Entschlossenheit agiert. Die Kalifornier verlassen sich nicht auf vergangene Meriten, sondern setzen auf Konzentration und Substanz – elf Songs, die gleichermaßen geerdet wie lebendig wirken.

Schon der Opener ´Close To The Bone´ bündelt die Stärken der Band: ein markantes Riff, stilistisch in der New Wave of British Heavy Metal verwurzelt, getragen von einer druckvollen Rhythmussektion und dem unverwechselbaren Gesang von John Bush, der nach wie vor zu den ausdrucksstärksten Stimmen des Genres zählt.

Auch ´Hit A Moonshot“ überzeugt als zentrales Stück des Albums – mit dynamischen Tempowechseln, großem Refrain und einer Mischung aus Bitterkeit und Ironie im Text.

ARMORED SAINT beweisen zudem ein Gespür für Nuancen. ´Every Man – Any Man´ lebt von seiner offenen Struktur und einem markanten Bassgroove, während ´Buckeye´ als emotionaler Höhepunkt herausragt: ein atmosphärisch dichter Song, der persönliche Themen in eine universelle Form übersetzt und dabei stellenweise eine Anmutung der Grunge-Ära trägt – klanglich zwischen SOUNDGARDEN und PEARL JAM verortbar. Slide-Gitarren und eine zurückgenommene Dynamik erweitern hier das Klangspektrum spürbar.

Songs wie ´Ladders And Slides´ und ´Bottom Feeder´ setzen hingegen gezielt auf mehr Schwere und Tiefe, während ´Throwing Caution To The Wind´ mit spürbarer Spontaneität punktet. Die Produktion von Joey Vera sorgt dabei für einen klaren, kraftvollen Sound, der die Band organisch und unverfälscht abbildet.

Inhaltlich kreist das Album um Reibung, Selbstbehauptung und Veränderung, und bleibt dabei stets differenziert. ARMORED SAINT verstehen es, Haltung zu zeigen, ohne sich festzulegen.

Das Ergebnis ist ein Werk, das auf Überzeugungskraft setzt und dabei eine bemerkenswerte Souveränität ausstrahlt. ´Emotion Factory Reset´ fügt sich nahtlos in das Spätwerk der Band ein und unterstreicht ihre anhaltende Relevanz.

(9 Punkte)

Marcus Köhler

https://www.facebook.com/thearmoredsaint


(VÖ: 22.05.2026)

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