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TŌRU TAKEMITSU – Quatrain / A Flock Descends Into The Pentagonal Garden

1975/1977/2026 (Deutsche Grammophon) - Stil: Post-Modern

TŌRU TAKEMITSU (1930–1996) wächst in Tokio auf und kommt erst nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch mit westlicher Musik in Berührung. Während der Kriegsjahre sind es vor allem zufällige, technisch begrenzte Hörerfahrungen über Radiogeräte, darunter französisches Chanson, später Jazz sowie vereinzelte Begegnungen mit Debussy, Strawinsky und Schönberg. Diese Eindrücke bleiben zunächst fragmentarisch und werden erst im Rückblick zu einem zusammenhängenden musikalischen Horizont. In der frühen Nachkriegszeit positioniert sich Tōru Takemitsu bewusst gegen die traditionelle japanische Musik, die er zunächst mit der kulturellen Aufladung der Kriegszeit verbindet, bevor er sie im Verlauf der Sechzigerjahre wieder als ästhetische Ressource in sein kompositorisches Denken integriert.

Ein entscheidender Wendepunkt ergibt sich durch die Begegnung mit John Cage. Von diesem Moment an verschiebt sich Tōru Takemitsus Fokus weg von linearer Entwicklung und funktionaler Dramaturgie hin zu Klangdauer, Klangfarbe und dem eigenständigen Status von Klangzuständen. Stille wird nicht als Pause innerhalb der Dramaturgie verstanden, sondern als gleichwertiges kompositorisches Material. In den Orchesterwerken der Siebzigerjahre manifestiert sich diese Haltung in einer konsequenten Abkehr von klassischer Spannungslogik zugunsten von Klangräumen, in denen Zeit nicht als Richtung, sondern als Zustand erfahrbar wird.

´Quatrain´ (1975) zählt zu den wegweisenden Orchesterwerken TŌRU TAKEMITSUs und markiert einen entscheidenden Schritt in seiner Hinwendung zu einer ausgereiften, farborientierten Klangsprache. Das Werk ist als Schlüsselkomposition seiner mittleren Schaffensphase etabliert und gilt als ein Werk, in dem sich seine Abkehr von klassisch-dramatischer Entwicklung endgültig ausformt.

Ausgangspunkt ist die ungewöhnliche Besetzung für Orchester und Solistenquartett mit Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier, die auf ein Gespräch mit Olivier Messiaen zurückgeht, bei dem Tōru Takemitsu die Besetzung von Olivier Messiaens ´Messiaens Quatuor Pour La Fin Du Temps´ als strukturelle Referenz aufnimmt. Diese Bezugnahme ist nicht nur eine Frage der Besetzung, sondern markiert eine bewusste konzeptionelle Annäherung an Messiaens Verständnis von Zeit und Klang als nicht-lineare, spirituell aufgeladene Struktur.

Das Werk entfaltet sich nicht über eine thematische Entwicklung im traditionellen Sinn, sondern über klar voneinander abgegrenzte Klangflächen, die in ihrer Erscheinung stabil bleiben und sich in ihrer Farbe und Dichte verschieben. Die Soloinstrumente treten dabei nicht als Gegengewicht zum Orchester auf, sondern als eigenständige Klangschichten innerhalb eines gemeinsamen Raums. Die Wahrnehmung entsteht aus der Überlagerung dieser Schichten, nicht aus einem Dialog im sinfonischen Sinn.

Zentral ist das kompositorische Denken in Zuständen statt in Verläufen. Tōru Takemitsu organisiert das Material so, dass kein Zielpunkt innerhalb einer dramatischen Entwicklung erreicht wird, sondern eine Folge von Momenten entsteht, die nebeneinander bestehen und ineinander übergehen. Der Bezug zur japanischen Ästhetik des “Ma” ist dabei entscheidend, verstanden als bewusste Gestaltung von Zwischenräumen und Übergängen, die nicht gefüllt, sondern hörbar gemacht werden.

Die formale Wahrnehmung folgt dem Bild einer sich entfaltenden Schriftrolle. Klangereignisse erscheinen nicht als Entwicklungslinie, sondern als Abfolge von Ansichten, die jeweils für sich stehen und dennoch Teil eines kontinuierlichen Wahrnehmungsfeldes sind. In mehreren Passagen lösen sich die rhythmischen Bindungen zwischen Solisten und Orchester bewusst, sodass Einzelstimmen unabhängig voneinander verlaufen, bevor sie sich wieder in gemeinsame Klangfelder zurückbegeben.

´Quatrain´ ist als eines der Schlüsselwerke jener Phase etabliert, in der Tōru Takemitsu seine individuelle Klangsprache vollständig ausbildet. Die besondere Besetzung mit dem “Ensemble Tashi” spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie die kammermusikalische Durchhörbarkeit mit orchestraler Dichte verbindet, ohne in klassische Solist-Orchester-Hierarchien zurückzufallen.

´A Flock Descends Into The Pentagonal Garden´ (1977) zählt zu den zentralen Orchesterwerken TŌRU TAKEMITSUs und markiert einen festen Bezugspunkt seiner späten Klangsprache. Das Werk ist als Schlüsselkomposition seines internationalen Durchbruchs etabliert und gehört zum Standardrepertoire der modernen Orchesterliteratur.

Ausgangspunkt ist ein markantes Oboenmotiv, die sogenannte „Flock“-Figur, die in ein dichtes, statisches Streicherfeld übergeht, das Tōru Takemitsu als „Garden“ konzipiert. Beide Ebenen bleiben über große Strecken gleichzeitig präsent und bestimmen die Wahrnehmung des Werks als schwebende Klangarchitektur.

Die kompositorische Struktur löst sich von klassischer Entwicklung im europäischen Sinn. Statt linearer Fortschreibung entsteht eine Abfolge klar abgegrenzter Klangzustände, die nicht aufeinander zulaufen, sondern ineinander übergehen und sich überlagern. Zeit wird dabei nicht als Richtung organisiert, sondern als räumliche Ausdehnung erfahrbar gemacht. Der Einfluss von John Cage zeigt sich in Passagen, in denen rhythmische Synchronität bewusst aufgeweicht wird und das Orchester in kontrollierte Unschärfe kippt, bevor der Dirigent wieder bündelt.

Der Titelbegriff „Pentagonal“ verweist auf die zentrale Rolle der Zahl fünf als strukturelles und klangliches Ordnungsprinzip. Tōru Takemitsu arbeitet mit pentatonischem Material, insbesondere mit der japanischen Yo-Skala, die ohne funktionale Harmonik auskommt und die gesamte Klangsprache des Werks prägt. Die Zahl fünf erscheint dabei nicht als starres System, sondern als wiederkehrender Bezugsrahmen innerhalb einer offenen Form.

Tōru Takemitsu beschreibt seine Musik selbst im Bild eines Gartens. Diese Vorstellung bestimmt auch die Hörwahrnehmung: keine Entwicklung in Richtung eines Ziels, sondern Bewegung innerhalb eines stabilen Raums, in dem sich Perspektiven verschieben, während das Material selbst in seiner Grundgestalt bleibt.

Die Aufnahme mit dem “Boston Symphony Orchestra” unter Seiji Ozawa und dem “Ensemble Tashi” entstand 1980 für “Deutsche Grammophon” und gilt als Referenzdokument dieser beiden Werke. Sie dokumentiert jene Phase, in der sich TŌRU TAKEMITSUs reifer Orchesterstil endgültig international kanonisiert. In diesen Werken tritt jene Balance zwischen westlicher Orchestertradition und japanisch geprägter Klangästhetik deutlich hervor, die später als sein künstlerisches Signaturfeld beschrieben wird und seine weltweite Rezeption bestimmt.

Die Konstellation aus “Boston Symphony Orchestra”, “Ensemble Tashi” und Seiji Ozawa wird als außergewöhnlich geschlossenes Interpretationsdreieck bewertet. Ozawa, selbst eng mit dem Komponisten verbunden, realisiert die Partituren mit einer Durchhörbarkeit, die insbesondere die feinen Schichtungen zwischen Orchestergruppen und Solisten hervorhebt. Die Originalaufnahme der “Deutschen Grammophon” setzte bereits 1980 klangtechnisch Maßstäbe, weil sie die innere Struktur der Werke mit ungewöhnlicher Klarheit abbildet und damit einen Referenzpunkt für spätere Einspielungen bildet.

Die Werke selbst stehen als Ausnahme innerhalb der Orchesteravantgarde der Siebzigerjahre. Während viele Kompositionen dieser Zeit eine stärker akademische oder konstruktiv verdichtete Klangsprache verfolgen, wird diese Aufnahme als seltene Verbindung aus struktureller Komplexität und unmittelbarer klanglicher Zugänglichkeit beschrieben. Gerade daraus ergibt sich ihre anhaltende Präsenz im Repertoire internationaler Spitzenorchester, die diese Stücke bis heute regelmäßig aufführen.

Die aktuelle Wiederveröffentlichung innerhalb der neuen „Avantgarde Vinyl Series“ basiert auf den originalen analogen 1-Zoll-8-Spur-Masterbändern und wurde in den “Emil Berliner Studios” durch Rainer Maillard und Sidney Claire Meyer bearbeitet. Die 180g-Vinylpressung bei “Pallas” ist auf eine stabile Abbildung der dynamischen Verläufe und der inneren räumlichen Staffelung des Orchesters ausgelegt. Besonders deutlich wird dabei die Trennung der Klanggruppen zwischen Holz, Streicherflächen und den solistisch hervortretenden Stimmen des “Ensembles Tashi”, einschließlich der räumlich differenziert positionierten Harfe und Celesta.

Die Edition erscheint limitiert und nummeriert, mit neu gestaltetem Sammlercover unter Beibehaltung des historischen Originalartworks, ergänzt durch neue Liner Notes von Bradford Bailey, die die Werke in ihren historischen und ästhetischen Kontext einordnen.

Ein unumstößliches Monument der modernen Klassik.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/deutschegrammophon

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