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ANGINE DE POITRINE – Vol. 2

2026 (Spectacles Bonzaï) - Stil: Mikrotonaler Math Rock

Es gibt diese seltenen Momente in der Rockgeschichte, in denen plötzlich eine Band auftaucht, die sämtliche Regeln ignoriert und genau dadurch einen Nerv trifft. Man erinnert sich an die ersten Begegnungen mit VOIVOD, an die frühen Ausbrüche von PRIMUS oder an jene Phase, als THE MARS VOLTA scheinbar aus dem Nichts kamen und vertraute Hörgewohnheiten auf den Kopf stellten. 2026 gehört dieser Moment ANGINE DE POITRINE.

Was mit einigen kuriosen Videos, gepunkteten Alien-Kostümen und einer spektakulären KEXP-Session begann, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einem weltweiten Phänomen. Doch hinter dem viralen Wahnsinn steckt etwas viel Wertvolleres als ein cleveres Konzept. ´Vol. II´ beweist eindrucksvoll, dass Khn de Poitrine und Klek de Poitrine zu den originellsten Rockmusikern ihrer Generation gehören.

Schon die ersten Sekunden von ´Fabienk´ entfalten eine Energie, die man kaum beschreiben kann, ohne dabei ins Schwärmen zu geraten. Der Song springt förmlich aus den Lautsprechern. Ein treibender Beat, hektisch tanzende Mikrotonal-Riffs und eine Spielfreude, die ansteckender wirkt als jede Marketingkampagne. Irgendwo zwischen BATTLES, JUSTICE und mikrotonalen Experimenten entsteht ein Groove, der gleichzeitig komplex und unmittelbar wirkt.

Wo viele Math Rock-Bands ihre technischen Fähigkeiten wie Trophäen vor sich hertragen, verwandeln ANGINE DE POITRINE selbst die kompliziertesten rhythmischen Konstruktionen in pure Bewegung. Die Musik fordert Aufmerksamkeit, verliert dabei jedoch nie ihre körperliche Wirkung.

´Mata Zyklek´ führt tiefer in das bizarre Universum des Duos. Mikrotonale Läufe schlängeln sich durch die Komposition wie flimmernde Luft über heißem Wüstensand. Die Atmosphäre erinnert stellenweise an die hypnotische Kraft von MDOU MOCTAR, während die Rhythmik eine rastlose Energie entwickelt, die den Hörer permanent in Bewegung hält.

Mit ´Sarniezz´ öffnet sich anschließend ein völlig anderer Raum. Die Komposition wirkt cineastischer, weitläufiger und atmosphärischer. Zwischen schwebenden Klangflächen und unerwarteten Wendungen entstehen Bilder im Kopf. Man sieht nächtliche Straßen, flackernde Neonlichter und bizarre Traumlandschaften, die irgendwo zwischen Dadaismus und Science-Fiction schweben.

In ´Utzp´ verdichtet sich schließlich alles, was ANGINE DE POITRINE so faszinierend macht. Krautrock, Avantgarde, Funk, Prog und Mikrotonalität verschmelzen zu einem taumelnden Tanz, der sich jeder eindeutigen Beschreibung entzieht. Der stoische Puls erinnert an CAN, während die rhythmische Präzision gelegentlich an GENTLE GIANT denken lässt. Trotzdem klingt keine Sekunde nach bloßer Referenz. Die Band hat längst ihre eigene Sprache entwickelt.

´Yor Zarad´ gehört zu jenen Stücken, die erst mit jedem weiteren Durchlauf wachsen. Anfangs wirkt alles verspielt und leichtfüßig. Nach und nach offenbaren sich jedoch immer neue Schichten. Kleine rhythmische Verschiebungen, überraschende Harmonien und Details im Zusammenspiel machen deutlich, wie viel Arbeit und Kreativität in diesen Kompositionen steckt.

Dann kommt ´Angor´. Ein Finale, das noch einmal sämtliche Türen aufstößt. Schwere Riffs rollen heran wie dunkle Gewitterfronten. Die Geister von BLACK SABBATH und LED ZEPPELIN scheinen kurz durch die Szenerie zu wandern, bevor ANGINE DE POITRINE die vertrauten Hardrock-Muster mit mikrotonalen Brüchen und eruptiven Noise-Passagen zerlegen. Der Song endet in einem kontrollierten Chaos aus Feedback, Percussion und außerirdischen Lauten. Es ist ein Ende, das lange nachhallt.

Bemerkenswert bleibt vor allem, wie organisch dieses Album trotz seiner enormen Komplexität wirkt. Die Produktion besitzt deutlich mehr Wucht und Tiefe als das Debüt. Der Wechsel zum Label “ATO Records” hat dem Duo hörbar größere Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig blieb jene rohe Energie erhalten, die bereits ´Vol. 1´ so besonders machte.

Die Musik klingt groß, ohne ihre Eigenwilligkeit zu verlieren. Sie klingt modern, ohne Trends hinterherzulaufen. Vor allem aber klingt sie nach echter Leidenschaft. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Millionen Menschen weltweit auf diese Band aufmerksam wurden. In einer Zeit, in der vieles kalkuliert und austauschbar erscheint, feiern Khn de Poitrine und Klek de Poitrine das Unvorhersehbare. Jede Komposition atmet Abenteuerlust. Jeder Song wirkt wie eine Einladung, vertraute Grenzen hinter sich zu lassen.

´Vol. II´ ist kein gewöhnliches Rockalbum. Es ist eine Feier der Fantasie, der Kreativität und der Freude am musikalischen Risiko. Ein Werk, das beweist, dass Rockmusik auch 2026 noch überraschen, irritieren und begeistern kann.

Die gepunkteten Masken mögen zunächst die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Am Ende bleibt jedoch die Musik. Und die gehört zum Spannendsten, was der moderne Rock derzeit zu bieten hat.

(9,5 Punkte)

https://www.facebook.com/angine.poitrine/

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