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ANGINE DE POITRINE – Vol. 1

2024/2026 (Spectacles Bonzaï) - Stil: Mikrotonaler Math Rock

Manchmal tauchen Alben aus dem Nichts auf und erinnern daran, weshalb Rockmusik überhaupt einmal als Abenteuer galt. Lange bevor Streaming-Algorithmen Hörgewohnheiten berechneten und Genres in sauber beschriftete Schubladen sortiert wurden, lebte Rock von Überraschungen, von schrägen Visionären und von Musikern, die ihre eigenen Regeln erfanden. Genau dieses Gefühl beschwört ´Vol. 1´ von ANGINE DE POITRINE herauf.

Als Khn de Poitrine und Klek de Poitrine ihr Debüt 2024 zunächst im Eigenvertrieb veröffentlichten, ahnte außerhalb Québecs kaum jemand, welche bizarre kleine Sensation hier gerade geboren wurde. Zwei maskierte Gestalten, die sich als außerirdische Brüder ausgeben, in einer Fantasiesprache kommunizieren und ihre Songs nach Begriffen benennen, die wie kryptische Nachrichten aus einer anderen Galaxie wirken – das klingt zunächst nach Kunstprojekt. Doch sobald ´Sherpa´ aus den Lautsprechern kriecht, wird klar, dass hinter dem dadaistischen Theater außergewöhnliche Musiker stecken.

Der Opener entfaltet sich wie eine nächtliche Fahrt durch unbekanntes Terrain. Khn de Poitrine schichtet über seine mikrotonale Doppelhals-Gitarre Loop um Loop übereinander, während Klek de Poitrine einen hypnotischen Groove etabliert, der sich tief ins Unterbewusstsein frisst. Irgendwo zwischen KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD, den meditativen Momenten von EL TEN ELEVEN und den endlosen Autobahnen des Krautrock entsteht eine Spannung, die sich erst ganz am Ende entlädt.

´Tohogd´ öffnet anschließend die Fenster weit. Die anatolischen Einflüsse treten deutlich hervor, Vierteltöne tanzen durch die Melodien, als hätten ALTIN GÜN und HORSE LORDS gemeinsam beschlossen, eine ausgelassene Straßensession in einer Parallelwelt zu veranstalten. Trotz aller rhythmischen Raffinesse besitzt das Stück eine beinahe ansteckende Leichtigkeit. Man ertappt sich dabei, wie der Fuß mitwippt, obwohl der Verstand längst den Überblick über die Taktwechsel verloren hat.

Mit ´Tamebsz´ erreicht das Album seinen progressiven Höhepunkt. Die Komposition wirkt wie ein Fiebertraum zwischen HELLA, FRANK ZAPPA und LIGHTNING BOLT. Plötzliche Brüche, verschobene Akzente und scheinbar chaotische Wendungen jagen durch den Song, der dennoch niemals seine innere Logik verliert. Denn hinter aller Verrücktheit steckt bemerkenswerte Kontrolle.

Die zweite Albumhälfte besitzt ihren ganz eigenen Reiz. ´Ababa Hotel´ verbindet die stoische Motorik von CAN und NEU! mit funkigen Unterströmungen, die gelegentlich sogar an die schrägsten Momente von PRIMUS erinnern. Das Ergebnis entwickelt einen tranceartigen Sog, der sich mit jedem Durchlauf stärker entfaltet.

Noch faszinierender gerät ´Sahardnieh´. Die Polyrhythmik wirkt zunächst wie ein kompliziertes mathematisches Rätsel, verwandelt sich jedoch zunehmend in reine Emotion. Hier zeigt sich, wie viel Herzblut in dieser Musik steckt. Die komplexen Strukturen dienen niemals der Selbstdarstellung, sondern erzeugen Spannung und Atmosphäre.

Das Finale ´L’Aberek´ verabschiedet den Hörer schließlich mit voller Wucht. Ein altes Blues-Riff, scheinbar von Angus Young, mikrotonale Melodien, abrupte Dynamikwechsel und eine bewusst unberechenbare Dramaturgie kulminieren in einem rauschhaften Noise-Ausbruch. Die letzten Minuten erinnern daran, wie aufregend Rockmusik sein kann, wenn sie sich jeder Erwartung verweigert.

Besonders bemerkenswert bleibt die Klangsprache des Albums. Die Mikrotonalität ist hier kein akademisches Experiment, sondern ein natürlicher Bestandteil des Songwritings. Viele Passagen besitzen dadurch eine fremdartige Schönheit, die an anatolischen Psychedelic Rock erinnert, gleichzeitig aber vollkommen eigenständig wirkt. Wo andere Avantgarde-Projekte oft verkopft erscheinen, bewahrt sich ´Vol. 1´ eine fast kindliche Spielfreude.

Auch die rohe Produktion trägt erheblich zur Faszination bei. Nichts klingt überpoliert, nichts steril. Die Aufnahmen atmen und leben. Man fühlt sich an jene Zeit erinnert, als außergewöhnliche Underground-Bands ihre Meisterwerke fernab jeder Marktforschung erschufen und Originalität wichtiger war als Perfektion.

Dass dieses Album nach dem viralen Durchbruch der Band 2026 weltweit entdeckt wurde, erscheint im Rückblick beinahe unvermeidlich. Die Musik besitzt jene seltene Qualität, die sich jeder Mode entzieht. Sie klingt weder nach Vergangenheit noch nach Zukunft, sondern ausschließlich nach ANGINE DE POITRINE.

´Vol. 1´ ist ein Album für Entdecker. Für Menschen, die Musik noch als Reise begreifen. Für Hörer, die sich gern überraschen lassen. Vor allem aber ist es eine Erinnerung daran, dass Rock auch im 21. Jahrhundert noch Geheimnisse bereithält.

Wer die Magie jener legendären Underground-Platten liebt, die man früher Freunden mit leuchtenden Augen weiterempfohlen hat, sollte dieses außergewöhnliche Werk unbedingt erleben.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/angine.poitrine/

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