
WINTERGARDEN – Wintergarden / The Land Of Milk And Honey
1979/1980/2026 (MiG Music) - Stil:
Als sich NINE DAYS WONDER 1979 auflösten, veränderten Walter Seyffer und Bernd Unger ihre musikalische Ausrichtung. Statt improvisationslastigem Krautrock entstand mit WINTERGARDEN ein deutlich songorientierteres Projekt zwischen Westcoast-Rock, melodischem Art-Rock und amerikanisch beeinflusstem AOR. Der Vertrag mit “Harvest Records”, einem Sub-Label von “EMI Electrola”, ermöglichte aufwendige Studioproduktionen ohne größere Budgetbegrenzung. Produzent Walter Quintus setzte auf detailreiche Mehrspur-Arrangements, breite Keyboardflächen und eine für deutsche Produktionen dieser Zeit ungewöhnlich transparente Klangabstimmung. Beide “Harvest”-Alben zeigen eine Übergangsphase zwischen dem Progressive Rock der Siebzigerjahre und dem stärker radioorientierten Melodic Rock der frühen Achtziger, behalten aber komplexe Arrangements, mehrstimmige Gesänge und progressive Songstrukturen bei.
´Judy’s Blue Monday Cafe´ eröffnet das Debüt als melodischer Westcoast-Track mit deutlicher Orientierung an STEELY DAN und frühen THE ALAN PARSONS PROJECT. Bernd Unger kombiniert Akustikgitarre, E-Gitarre und Claves mit den Hammond- und Polymoog-Schichten von Rainer Herzog. Charles Esposito ergänzt Marimbafon und Triangel. Besonders auffällig sind die dichten Satzgesänge von Walter Seyffer, Bernd Unger und Ian Cussick.
´Up And Down The Road´ ist ein treibender Rocker mit härteren Gitarrenriffs, Oktavgitarren und orchestralen Keyboardflächen. Peter French verstärkt die Refrains mit zusätzlichem Chorgesang. ´Blame It On These Endless Nights´ ist die Ballade des Albums. Bernd Unger übernimmt den Leadgesang zu Piano, Akustikgitarre und weichen Moog-Flächen.
´The Lady On The One Pound Note´ entwickelt sich als komplexer Prog-Track mit deutlichen GENESIS- und CAMEL-Referenzen. Die 12-saitige Rickenbacker-Gitarre von Bernd Unger bestimmt das Hauptthema. Die mehrstimmigen Chöre gehören zu den dichtesten Arrangements der Platte. ´Josephine´ ist ein Melodic-Rock-Song. Christian Schimanskis Pedal-Steel-Gitarre erweitert den Song in Richtung amerikanischer Westcoast-Produktionen.
Der über sechs Minuten lange Track ´Khaki Eyes´ arbeitet mit langen Instrumentalpassagen, jazzigen Akkordwechseln und permanenten Synthesizer-Schichtungen von Rainer Herzog. Der Song kombiniert symphonischen Prog mit deutlich filmischer Studioproduktion. ´The Way We Were´ beendet das erste Album mit groß angelegten Chören, Violine und Glockenspiel von Walter Quintus. Besonders die Kombination aus Duettgesang von Walter Seyffer und Bernd Unger sowie den breiten Keyboardflächen verleiht dem Stück seine klare Art Rock-Ausrichtung.
´Anything Left To Share´ eröffnet das zweite Album als druckvoller Midtempo-Rocker mit deutlich modernerer Produktion. Die Produktion wirkt stärker auf den amerikanischen Albumrock-Markt ausgerichtet. ´Au Pair Girl´ funktioniert als geradliniger Melodic-Rock-Track mit deutlicher Nähe zu TOTO oder FOREIGNER. ´Gun That Motor, Boy´ ist der härteste Rocker beider Alben. Der Song bewegt sich stellenweise nah am Hard Rock, behält aber die typischen Keyboards der Band bei.
´Swan Song´ gehört zu den wichtigsten Tracks der gesamten WINTERGARDEN-Phase. Das zehnminütige Prog-Epos kombiniert akustische Einleitung, orchestrale Synthesizer-Wellen und lange instrumentale Steigerungen. Rainer Herzogs Piano- und Streicherarrangements strukturieren den gesamten Aufbau, bevor der Song in einem massiven Rockfinale aufgeht. Innerhalb der deutschen Art Rock-Szene der frühen Achtziger gilt das Stück als eines der stärksten Beispiele für die Verbindung aus symphonischem Prog und amerikanisiertem Studioklang.
´Sweet Rollin’ Train´ arbeitet als groovender Country-Prog-Track mit starkem Satzgesang. ´Face To Face´ ist der komplexeste Art Rock-Track des zweiten Albums. Mehrere Rhythmuswechsel, breite Synthesizerflächen und harte Kontraste zwischen ruhigen Strophen und schweren Refrains bestimmen den Aufbau. ´And Your Bird Can Sing´ transformiert den BEATLES-Song in einen druckvollen Rocktrack mit deutlich modernerem Arrangement, erweitert durch breitere Distortion-Sounds und zusätzliche Synthesizerflächen.
´The Land Of Milk And Honey Part I´ funktioniert als atmosphärischer Siebenminüter mit hypnotischem Rhythmus, schwebenden Synthesizer-Flächen und stark zurückgenommenem Gesang. ´The Land Of Milk And Honey Part II´ greift das Hauptthema als kürzeres akustisches Finale wieder auf und beendet das Album deutlich reduziert.
Musikalisch gehören beide WINTERGARDEN-Alben zu den interessantesten deutschen Übergangsproduktionen zwischen Krautrock, symphonischem Prog und frühem Achtziger-Melodic-Rock. Die aktuelle Do-CD-Wiederveröffentlichung macht diese Produktionen erstmals vollständig wieder zugänglich und ergänzt die Originalalben sinnvoll durch Demos, Outtakes und Archivmaterial aus der “Harvest”-Phase. Gerade ´The Land Of Milk And Honey´ gilt heute als Kultalbum des späten deutschen Progressive Rock und als eine der stärksten Verbindungen aus amerikanischem Westcoast-Sound und europäischem Art-Rock jener Übergangszeit um 1980.



