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KRAAN – Aladin Tapes

2026 (36Music/Bassball Recordings) - Stil: Jazzrock Fusion

Es gibt Live-Aufnahmen, die nicht nur einen Moment festhalten, sondern eine ganze Phase einer Bandgeschichte wieder sichtbar machen. ´Aladin Tapes´ von KRAAN gehört genau in diese Kategorie. Das 2026 veröffentlichte Doppel-Vinyl führt zurück in den März 1980, in den Bremer “Club Aladin”, wo Toningenieur Günter Theis das Konzert auf einer Acht-Spur-Maschine aufgezeichnet hat. Das Material verschwand danach über Jahrzehnte im Archiv seines Nachlasses und tauchte erst nach seinem Tod wieder auf. Dabei stand es zeitweise sogar kurz davor, entsorgt zu werden, weil seine Bedeutung nicht mehr erkannt wurde. Erst im letzten Moment wurden die Bänder gesichert und gelangten über Umwege an Hellmut Hattler, die zentrale Figur der Bandgeschichte von KRAAN.

KRAAN befanden sich zu diesem Zeitpunkt in einer Besetzung, die ihren Live-Charakter entscheidend geprägt hat. Das virtuose, perkussive Bassspiel von Hellmut Hattler klang so präsent wie selten, das Gitarrenspiel von Peter Wolbrandt war sehr experimentell und mit Effekten versehen, zwischen Rock, Jazz und freieren Momenten. Das Spiel von Ingo Bischof an den Synthesizern und dem Fender Rhodes gab der Musik eine schwebende, fast orchestrale Tiefe, während Udo Dahmen einen sehr exakten, kraftvollen Studio-Drum-Stil einbrachte. Diese Konstellation prägte eine Bandphase, in der KRAAN den Übergang von ihren krautrockgeprägten Anfängen hin zu einer deutlich funk- und fusionorientierten Ausrichtung vollzogen hatten.

Der direkte Vergleich zu früheren Aufnahmen macht diesen Wandel besonders deutlich. Während ´Kraan Live´ aus dem Jahr 1975 noch stark vom Saxophon von Johannes Pappert und einer offeneren, krautrocknahen Spielweise geprägt ist, zeigt sich 1980 ein deutlich anderer Ansatz. Auf den ´Aladin Tapes´ ist das Saxophon verschwunden, während Keyboards, Bass und Schlagzeug eine kompaktere, rhythmisch fokussierte Struktur bilden. Der Sound ist stärker auf das Zusammenspiel ausgerichtet, ohne den improvisatorischen Kern aufzugeben.

Das ikonische ´Yaqui Yagua´ eröffnet das Konzert nach kurzer Einleitung mit einer kraftvollen, zugleich melodischen Vorstellung. Der Groove sitzt und wird vom funkigen Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug getragen. Bei ´Far West´ rückt die Gitarre stärker in den Mittelpunkt, das Stück entwickelt sich frei, und zeigt den typischen Jazzrock-Sound von KRAAN. Auch der KRAAN-Klassiker ´Borgward´ steht exemplarisch für diese Phase und entfaltet live seine volle Wirkung.

Mit ´Berg und Tal´ taucht ein lange verschollenes Stück wieder auf, das erst durch diese Veröffentlichung Teil der Diskografie wird. Ruhige Passagen gehen dabei in energische Steigerungen über. ´Nam Nam´ wächst hernach zu einem ausgedehnten Live-Epos, in dem sich Gitarre und Keyboard in langen Solopassagen abwechseln. ´She’s Gone´ gehört ebenfalls zu den Wiederentdeckungen dieses Mitschnitts.

Das Paradestück ´Hallo Ja Ja, I Don’t Know´ setzt auf rhythmische Variationen und belässt es diesmal bereits nach einem Drittel der sonst üblich zehn Minuten. ´You’re Right´ stammt aus derselben Phase wie ´Borgward´ sowie ´Yaqui Yagua´ und erscheint in einer druckvollen Fassung mit Gesang. Mit ´Almrausch´ folgt eine weitere unbekanntere Nummer, die allein auf dem Live-Album ´Tournee´ vertreten war und nun in einer zusätzlichen Live-Variante vorliegt.

´Let It Out´ zeigt die Spielfreude der 1980er-Besetzung mit deutlicher Rock-Ausrichtung. ´Vollgas Ahoi´ treibt diese Energie weiter voran. Einer der rockigsten sowie energetischsten Songs von KRAAN zeigt einen fast schon Hardrock-infizierten Fusion-Sound. Zum Abschluss nimmt ´Silky Way´ das Tempo zurück und führt den Abend mit einer ruhigen, getragenen Stimmung zu einem erinnerungswürdigen Ausklang.

Die Doppel-LP bringt dieses Material in klanglich sorgfältig restaurierter Form ans Tageslicht. Die Aufnahmen wurden behutsam aufgearbeitet, die Pressung auf 180g Vinyl verteilt die rund 80 Minuten auf vier Seiten und bewahrt die Dynamik des Konzerts.

´Aladin Tapes´ zeigt KRAAN in einer Phase, in der technische Präzision und spontane Interaktion selbstverständlich Einswerden. Die Veröffentlichung macht eine Momentaufnahme zugänglich, die nicht nur historisch relevant ist, sondern eine Band in herausragender Bühnenform zeigt.

Überragend.

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