
Beck legt 2026 eine Sammlung vor, die wie ein vergessenes Bandbuch aus vielen Jahren wirkt. ´Everybody’s Gotta Learn Sometime´ sammelt Aufnahmen aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens und stellt sie in ein neues, stilles Licht. Kein Entwurf eines neuen Albums, eher ein spätes Ordnen von Momenten. Liebe, Abschied und leise Erinnerungen ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch eine zum Valentinstag kuratierte Auswahl.
Der Einstieg mit ´Everybody’s Gotta Learn Sometime´ von THE KORGIS kommt langsam in den Raum. Beck hält den Song nah, fast trocken, die Stimme direkt vor dem Mikrofon. Nichts wird ausgeweitet, alles bleibt eng zusammen. ´Can’t Help Falling In Love´ von Elvis Presley folgt ohne Bruch. Der bekannte Glanz verschwindet hinter einer ruhigeren, fast privaten Lesart.
´I Only Have Eyes For You´ von THE FLAMINGOS liegt wie ein altes Band im Halbdunkel eines Studios. Die Melodie bleibt, doch sie wirkt, als würde sie aus einer anderen Zeit zurückspielen. ´Ramona´ setzt einen anderen Akzent. Nigel Godrich führt den Klang in eine kontrollierte Bewegung zwischen Nähe und Abstand, klar, aber innerlich unruhig.
´Michelangelo Antonioni´ von Caetano Veloso kippt in ein leicht taumelndes Dub-Gefüge. Bass und Echo greifen ineinander, ohne sich festzusetzen. ´Your Cheatin’ Heart´ von Hank Williams bildet danach eine ernste, gerade Linie durch ein altes Stück Country.
´Love´ von John Lennon wird auf Stimme und Melodie reduziert. Mehr bleibt nicht. ´True Love Will Find You In The End´ von Daniel Johnston wirkt dagegen wie ein spontaner Moment im Studio. Direkt, fast beiläufig aufgenommen und gerade deshalb schwer zu fassen.

Das Album lebt von dieser Mischung aus bereits bekannten Aufnahmen und zwei neuen Studiofassungen. Besonders die neu eingespielten Versionen von ´Your Cheatin’ Heart´ und ´True Love Will Find You In The End´ setzen frische Akzente. Hinter den anderen Aufnahmen steht jedoch bereits eine lange Reihe von Geschichten: ´Ramona´ aus einer Menge an Versionen für Edgar Wright. ´Michelangelo Antonioni´ aus Becks Arbeit mit Caetano Veloso. ´I Only Have Eyes For You´ aus einer Zugfahrt quer durch die USA, aufgenommen unter wechselnden Bedingungen, und der Titeltrack selbst gehört zu jenen Stücken, die über Jahre immer wieder auftauchen und verschwinden.
Ursprünglich als „The Sad Love Song Project“ angedacht, wollte Beck eine Sammlung, die sich wie ein handgemachtes Mixtape aus den 90ern anfühlt. Musikalisch bewegt sich dennoch alles zwischen schmachtender Zurückhaltung und stiller Betrachtung. Einige Stücke wirken wie kleine Abschiede, andere wie kurze Wiederbegegnungen mit vertrauten Melodien. Gerade diese Spannung zwischen Bekanntem und Neuem hält das Album zusammen.
Audiophil bleibt die Veröffentlichung bewusst schlicht. Die Vinyl-Pressung wirkt sauber ausbalanciert, ohne technische Anmaßung. Im Vergleich zu früheren audiophilen Referenzpressungen im Beck-Katalog steht diese Ausgabe als bewusst zugänglicher Gegenentwurf. Die limitierte rote Vinyl-Edition mit Gravur im „Dead Wax“ und handgeritzten Zitaten bleibt ein Hinweis auf den Sammlercharakter, ohne den Charakter der Veröffentlichung zu dominieren.
Am Ende bleibt ´Everybody’s Gotta Learn Sometime´ eine Sammlung von Aufnahmen, die in einem späten Moment wieder zusammengefunden haben. Zeitlos, konzentriert, wie ein Raum nach dem letzten Take, wenn die Lichter schon fast aus sind und ein kurzer Kuss im Vorübergehen das Halbdunkel noch einmal aufhellt.



