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ERIC BIBB – Dear America

~  2021 (Provogue Records/Mascot Label Group) – Stil: Blues ~


Eric Bibbs Vater war schon Bluesmusiker und obwohl es Eric früh nach Europa zog, ist er schwer im klassischen, US-amerikanischen Blues verortet, ohne antiquiert zu sein. Der gerade auch schon 70 Jahre alt gewordene trägt gerne einen Hut und erinnert bei einigen Songs nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund seines Gesangs, und des musikalischen Stils, hin und wieder entfernt an Blues Gott John Lee Hooker.

Erst in Schweden wurde die Grundlage für erste Erfolge vor über 20 Jahren in den USA gelegt. Endgültig gelang ihm der Durchbruch dann im neuen Jahrtausend. Auf den letzten Platten hat er den Blues mit afrikanischen Einflüssen und anderer „Weltmusik“ (blöder Begriff) gekreuzt. Ich gebe zu, obwohl ich ein starkes Faible für Blues habe (allerdings vor allem für die sieben Altmeister namens Freddie King, B.B. King, Albert King, Muddy Waters, John Lee Hooker, Buddy Guy oder Howlin‘ Wolf) war er mir noch nicht bekannt.

Umso schöner, dass ich diese Platte auf den Besprechungstisch gelegt bekommen habe (jaja, nur digital). Schon beim zweiten Song teilt sich Eric Bibb gekonnt den Gesang mit Sängerin Shaneeka Simon. Gäste sind sehr willkommen. Beim dritten Song ´Whole World´ darf Blues/Jazz-Legende Eric Gales (unvergessen sein Gitarrenspiel beim Dylan-Titel ´Catfish´ mit Joe Cocker, dessen Sternstunde) seinen unverwechselbaren Stil beisteuern. Der Gesang und das Gitarrenspiel zusammen sind großartig. Wirklich erstklassig! Der Titelsong huldigt Martin Luther King und John Lee Hooker, auch sehr stark. Und cool. Textlich setzt sich der Wahlskandinavier mit seiner amerikanischen Heimat auseinander, ihrer Zerrissenheit und der präsenten Gewalt.

Das klingt wie bei ´Tell Yourself´ aufgrund der Schönheit des Vortrags schon fast wie Musik aus einer anderen, fernen Welt. So einen reinen und feinen Blues habe ich schon lange nicht mehr gehört. Zeitlos. Bei Gesang und Gitarre kaum mehr zu toppen.

´White And Black´ sinniert über die Vorurteile auf den beiden Seiten, nimmt dabei musikalisch auch Soul-, Country- und klassische amerikanische Songwritertradition auf und auch der Text setzt auf eine friedliche Existenz in Vielfalt anstatt einer Manifestation einer weit überholten Trennung durch Konditionierung. ´Along The Way´ wandelt auf philosophischen Pfaden und beinhaltet wiederum diese Schönheit und Weisheit des gebildeten open-minded citizens. Ganz stark.

´Talkin‘ ‚Bout A Train´, zweiteilig, folgt im ersten Teil dem ´Talkin‘ Blues´ mit Mundharmonika und starker Rhythmisierung. Teil zwei gibt Funk- und Gospelelementen Raum, und erinnert an die großartigen WAR. ´Love’s Kingdom´ ist klassische und gleichzeitig moderne Black Music. Am Ende wird es ruhiger mit Streichern und der stimmgewaltigen Lisa Mills.

Insgesamt eine wirklich großartige Platte, die eine gelebte Bluestradition meisterhaft mit anderen und gegen Ende auch neueren, musikalischen Stilen verbindet.

(9 Punkte)

 

https://www.facebook.com/EricBibbMusic


(VÖ: 10.09.2021)