
DER ASSISTENT – Ultramarin
2026 (Ultramarin/The Pusher) - Stil: Balearic Noir Pop
Es ist kurz nach Mitternacht. Irgendwo zwischen einer verlassenen Marina, einem verrauchten Hotelzimmer an der Adria und dem bläulichen Flimmern eines Röhrenfernsehers klingelt ein Telefon. Niemand meldet sich. Draußen weht ein warmer Wind über das Meer, die Palmen bewegen sich kaum merklich, während die Neonreklame einer Strandbar im Rhythmus einer fernen Bassdrum pulsiert. Die Nacht scheint stillzustehen. Genau dort beginnt ´Ultramarin´.
Tom Hessler, besser bekannt als DER ASSISTENT, hat mit seinem dritten Album ein Werk geschaffen, das sich anfühlt wie ein vergessenes Artefakt aus einer alternativen Pop-Geschichte. Eine Platte, die klingt, als hätte jemand die letzten Stunden eines endlosen Sommerurlaubs auf Magnetband konserviert und Jahrzehnte später wiedergefunden. Die Farben sind verblichen, die Emotionen nicht.
Während sich große Teile der aktuellen Indie- und Poplandschaft zwischen Hyperpop-Hektik, Retro-Fetischismus und Streaming-Optimierung bewegen, verfolgt DER ASSISTENT einen völlig anderen Ansatz. Seine Musik interessiert sich nicht für Trends. Sie interessiert sich für Atmosphäre. Für Räume. Für Geschichten. Für jene seltsamen Zwischenzustände, in denen Sehnsucht, Erinnerung und Wirklichkeit ineinanderfließen.
Bereits auf ´Amnesie am Amazonas´ deutete sich diese Richtung an. Doch wo der Vorgänger wie ein tropischer Fiebertraum wirkte, entfaltet ´Ultramarin´ eine deutlich konzentriertere Vision. Die Platte ist Konzeptalbum, Kriminalroman, Liebesgeschichte und psychologischer Thriller zugleich. Acht Songs. Rund dreißig Minuten. Kein Gramm Fett.
Dabei ist das vielleicht Erstaunlichste, wie selbstverständlich Hessler die Klangwelt der frühen Neunziger beschwört. Jener kurze historische Moment, als Yacht-Pop, Balearic, Sophisti-Pop, Dub, New Age und die letzten Ausläufer der Achtziger plötzlich nebeneinander existierten.
Man denkt an die nächtlichen Seitenstraßen des Sounds von FOTOS, weitergeführt in eine Balearic-Noir-Welt. An die elegante Melancholie von SADE. An die luftigen Produktionen von THE BLUE NILE. An die frühen Café-del-Mar-Compilations, als Chill-Out noch kein Lifestyle-Begriff war, sondern ein Versprechen. Selbst die späten Arbeiten von VANGELIS scheinen gelegentlich durch den Nebel zu schimmern.

Doch ´Ultramarin´ ist niemals bloße Nostalgie. Die Platte benutzt vertraute Klangfarben, um eine vollkommen eigene Welt zu erschaffen.
Schon der Opener ´Wenn der Scirocco weht´ gehört zu den schönsten Momenten, die DER ASSISTENT bislang aufgenommen hat. Ein federnder Lovers-Rock-Groove trägt den Song durch eine Landschaft aus entrückten Keyboards und schimmernden Klavierakkorden. Der Scirocco wird hier zur Metapher für Orientierungslosigkeit und Eskapismus. „Ich hab ein Ticket pro Person für die parallele Dimension“, singt Hessler mit jener eigentümlichen Mischung aus Gelassenheit und unterschwelliger Verzweiflung, die viele seiner besten Texte auszeichnet. Die Musik wirkt dabei schwerelos. Der Text nicht.
Noch faszinierender gerät der Titelsong. ´Ultramarin´ ist vielleicht das Herzstück des Albums. Ein einziges Wort wird zum Mantra, zur Farbe, zum Sehnsuchtsort. Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch gleiten durch den Song wie Sonnenreflexe auf Wasseroberflächen. „Unter dem Asphalt liegt der Strand“ – die alte ´68er Parole erscheint hier nicht als politische Losung, sondern als romantische Utopie.
Musikalisch erinnert vieles an jene magischen Balearic-Aufnahmen, die Ende der Achtziger zwischen Ibiza, Mailand und Südfrankreich entstanden. Weite Synthesizerflächen öffnen Horizonte. Der Rhythmus scheint eher zu schweben als zu laufen. Jeder Hallraum wirkt sorgfältig gesetzt. Auf einer guten Vinylanlage entfaltet sich hier eine bemerkenswerte Tiefe. Die Synthesizer liegen breit im Stereofeld, während die Basslinien warm und körperlich aus den Lautsprechern steigen.
Dann kommt ´Mann am Telefon´. Eine der schönsten Pop-Singles des bisherigen Jahres. Der Song verbindet Reggae-Grooves, NDW-Schrulligkeit, Yacht-Rock-Leichtigkeit und Lo-Fi-R&B zu etwas, das eigentlich gar nicht funktionieren dürfte. Doch Hessler besitzt ein feines Gespür für Melodien. Aus der simplen Frage „Wer ist der Mann am Telefon?“ entwickelt sich eine kleine Existenzkrise im Nachtprogramm. Der große Kunstgriff: Irgendwann wird klar, dass der Suchende und der Gesuchte womöglich dieselbe Person sind. „Ich bin der Mann am Telefon.“ Mit einer einzigen Zeile kippt die Perspektive.
Überhaupt kreist ´Ultramarin´ immer wieder um Identitäten. Um Spiegelbilder. Um Doppelgänger. Im düster funkelnden ´Doppelgänger´ erreicht dieser Gedanke seinen dramaturgischen Höhepunkt. Zwischen Chandler-Noir, David Lynch und nächtlichem Synth-Pop verfolgt der Erzähler eine Figur, die möglicherweise sein eigenes Spiegelbild ist. Die Geschichte von Geisteryachten, Hinterzimmern und unsichtbaren Türen könnte direkt aus einem verlorenen französischen Kriminalfilm stammen. Man sieht die Szenen förmlich vor sich. Neonlicht. Zigarettenrauch. Verlassene Häfen. Eine Segelyacht ohne Besatzung.
Die vielleicht größte Überraschung gelingt jedoch ´Neue Lunge´. Die Wiederbelebung der ersten ASSISTENT-Single wirkt keineswegs wie nostalgische Selbstzitation. Vielmehr fügt sie sich erstaunlich organisch in die Gesamtgeschichte ein. Der Refrain „Wir haben keine Zukunft, wir haben nur uns“ trifft 2026 womöglich noch härter als zur ursprünglichen Entstehungszeit. Es ist einer jener seltenen Pop-Momente, in denen ein einfacher Satz plötzlich eine ganze Epoche zusammenfasst.
´Der Assistent und das zweite Ich´ wirkt hingegen mit seiner fast schon ironisch-heiteren Fahrstuhlmusik zunächst harmlos. Doch unter der Oberfläche lauert emotionale Verwüstung. Das französische Flehen „Pourquoi tu ne m’aimes pas?“ hallt durch den Song wie ein verlorener Funkspruch. Anschließend führt ´Voyage, Voyage´ tiefer in diese Zwischenwelt hinein. Kein Cover des bekannten Achtziger-Hits, sondern eine elegante Sophisti-Pop-Meditation über Transit, Entwurzelung und Flucht. Den Abschluss bildet ´Total Confusion´. Und selten hat ein Songtitel besser gepasst.
Die üppige Produktion erinnert stellenweise an die späten Meisterwerke des Sophisti-Pop. Saxophonist Julius Gabriel liefert eine Schlussimprovisation von beeindruckender Emotionalität. Sein Spiel scheint den gesamten Roman des Albums noch einmal zusammenzufassen. Man denkt unweigerlich an nächtliche Filmabspänne, an verlorene Helden, an den Regen über futuristischen Straßenschluchten.
Der letzte Ton verklingt. Die Fragen bleiben.

Auch abseits der Musik markiert ´Ultramarin´ einen Wendepunkt. Nach den Veröffentlichungen auf “Papercup Records” erscheint das Album erstmals auf Hesslers eigenem Label “Ultramarin”. Ein Schritt, der erstaunlich gut zur Musik passt. Diese Platte wirkt ohnehin wie das Werk eines Künstlers, der seiner eigenen Vision kompromisslos folgt.
Die Vinyl-Ausgabe besitzt dabei besondere Bedeutung. Nicht nur wegen des exklusiven Outros von ´Mann am Telefon´. Das gesamte Album scheint geradezu für dieses Format geschaffen worden zu sein. Die acht Stücke verteilen sich ideal auf zwei Seiten. Die Dramaturgie erinnert an klassische Konzeptalben jener Zeit, als das Umdrehen einer Platte noch Teil des Hörerlebnisses war.
In einer Ära permanenter Verfügbarkeit besitzt das fast etwas Radikales. Vielleicht wird ´Ultramarin´ nie die große Streaming-Sensation werden. Vielleicht fehlen tatsächlich die offensichtlichen Radio-Hits, die frühere Veröffentlichungen auszeichneten. Doch dieses Album will gar nicht nebenbei konsumiert werden. Es möchte betreten werden. Wie ein Hotel am Ende der Welt. Wie eine Strandbar im Nebel. Wie ein Telefonanruf mitten in der Nacht.
Mit ´Ultramarin´ gelingt DER ASSISTENT sein bislang geschlossenstes, atmosphärisch dichtestes und künstlerisch reifstes Werk. Ein Album voller Sehnsucht, voller Rätsel, voller verblassender Sommerfarben. Eine Platte für Menschen, die sich noch daran erinnern, dass Pop einmal ein Ort war, an dem man verschwinden konnte.
Daher ist dies die größte Leistung von Tom Hessler: Er macht das Unsichtbare sichtbar. Ganz in Ultramarin.
(8,5 Punkte)



