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MAURICIO KAGEL – Acustica

1972/2026 (Deutsche Grammophon) - Stil: Contemporary, Experimental

Mauricio Kagel (1931–2008) arbeitet in Buenos Aires an einer erweiterten Form von Musik, in der Klang, Aktion und Szene eng miteinander verbunden sind. Geräusche der Stadt, Radioklänge und Alltagssituationen prägen sein Hören früh und bleiben als Materialquelle in seiner Arbeit präsent. Nach dem Wechsel nach Europa trifft er auf die Neue Musik-Szene der Nachkriegszeit und entwickelt dort eigene Formen der Aufführung, die klassische Konzertlogik aufbrechen.

Das „instrumentale Theater“ wird zum zentralen Bezugspunkt. Musik entsteht aus sichtbaren Handlungen. Spielen, Bewegen und Klangerzeugen fallen zusammen. Die Bühne wird zum Raum für akustische Prozesse, in denen jede Geste hörbar wird.

Mauricio Kagels einflussreiches Werk ´Acustica´ (1968–1970) ist für variable Ensembles, experimentelle Klangerzeuger und vierkanaliges Tonband angelegt. Eine klassische Partitur gibt es nicht. Stattdessen arbeiten die Musiker mit rund 200 Karteikarten. Jede Karte beschreibt eine einzelne Aktion oder Klangidee. Die Reihenfolge ist offen und wird in der Vorbereitung festgelegt.

Zum Einsatz kommen Alltagsgegenstände, einfache technische Hilfsmittel und improvisierte Klangobjekte. Klänge entstehen durch Reibung, Schlag, Zug, Druck oder Bewegung. Jeder Ton bleibt direkt mit seiner Entstehung verbunden. Das Material wirkt roh, unverstellt und körperlich nachvollziehbar.

Das Tonband wurde im WDR-Studio Köln produziert und läuft während der Aufführung als feste elektroakustische Spur. Diese Spur verändert sich nicht und bildet einen konstanten Gegenpol zu den Live-Musikern. Beide Ebenen laufen gleichzeitig und überlagern sich im Raum.

Die Bandaufnahmen basieren auf analogen Studioverfahren. Verwendet wurden Sinustöne, Geräusche, bearbeitete Instrumentalklänge und konkrete Klangquellen. Bearbeitungen entstanden durch Bandgeschwindigkeit, Rückwärtslauf und manuelle Schleifen. Die Mischung erfolgte über mehrere synchronisierte Bandmaschinen.

Im Ergebnis entsteht eine klare Trennung zwischen fixiertem Tonband und spontaner Live-Performance. Die Musik entwickelt sich nicht linear, sondern in einzelnen Klangzuständen. Diese Zustände treten auf, verdichten sich und lösen sich wieder auf. Stille ist Teil dieser Struktur und wirkt als gespannte Unterbrechung.

Im Aufführungsprozess übernimmt ein Klangregisseur die Steuerung des Tonbandes. Er regelt Lautstärken, verteilt Klänge im Raum und verändert das Verhältnis zwischen Band und Ensemble direkt während der Aufführung. Das Mischpult wird damit Teil der musikalischen Aktion.

Die erste dokumentierte Gesamtfassung entstand 1971 im “Studio Rhenus” in Köln mit dem “Kölner Ensemble für Neue Musik”, unter Beteiligung von Vinko Globokar und Christoph Caskel. Das Studio fungierte dabei als Aufnahme- und Produktionsraum zugleich.

Die Wiederveröffentlichung im Rahmen der „Avantgarde Series“ der “Deutschen Grammophon” basiert auf restaurierten analogen Masterbändern aus dem WDR-Archiv. Die Übertragung erfolgte über Studer-Bandmaschinen unter exakt eingestellter Bandführung und Azimut-Kalibrierung. Digitale Rauschfilter wurden nicht eingesetzt.

Das Mastering im “Emil Berliner Studio” folgt einem rein analogen Signalweg. Die Dynamik der Originalaufnahme bleibt vollständig erhalten. Sehr leise Passagen mit Bandrauschen stehen direkt neben extrem lauten Impulsen aus den Klangaktionen. Diese Kontraste wurden nicht eingepegelt oder begrenzt.

Die 180g-Vinylpressung sorgt für stabile Abtastbedingungen und ruhige Laufgeräusche. Das Ergebnis ist ein sehr direktes Klangbild mit deutlicher Raumwirkung, in dem auch das originale Bandrauschen und die Studioatmosphäre hörbar bleiben.

Darüber hinaus markiert ´Acustica´ einen entscheidenden Einschnitt innerhalb der europäischen Nachkriegsavantgarde. Während große Teile der Neuen Musik um 1970 von seriellen und streng konstruierten Modellen geprägt sind, öffnet Mauricio Kagel den musikalischen Raum für Zufall, Alltagsgeräusche und performative Aktion. Dass ein Werk, das bewusst mit Konventionen bricht und die Grenzen zwischen Konzert, Theater und Klangexperiment verwischt, ausgerechnet bei der “Deutschen Grammophon” erschien, besaß damals erhebliche Signalwirkung.

Zugleich reicht der Einfluss von ´Acustica´ weit über die Neue Musik hinaus. Künstler wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, SONIC YOUTH oder zahlreiche Vertreter von Industrial, Noise und experimentellem Rock griffen später ähnliche Ideen auf: die Arbeit mit Alltagsobjekten, mechanischen Geräuschen, analogen Tonbandprozessen und die Vorstellung, musikalische Energie unmittelbar aus physischen Materialien zu gewinnen.

Mit ´Acustica´ emanzipiert sich Mauricio Kagel vom klassischen Werkbegriff und etabliert stattdessen ein variables, rein aktionsbasiertes Klangsystem. Ein Klassiker der radikalen Gegenkultur.

https://www.facebook.com/deutschegrammophon

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