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ADVENT HORIZON – Falling Together

2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: Heavy Prog

Mit ´A Cell To Call Home´ hatten sich Advent Horizon 2023 endgültig aus der amerikanischen Underground-Prog-Szene herausgespielt. Das Album verband emotionale Tiefe, komplexe Arrangements und moderne Progressive Metal-Dynamik auf wunderbare Weise. Doch wie folgt man einem Album, das bereits wie ein kreativer Befreiungsschlag wirkte? Die Antwort liefern ADVENT HORIZON drei Jahre später mit ´Falling Together´ – einem Werk, das die Grundideen des Vorgängers emotional, musikalisch und produktionstechnisch deutlich weiter zuspitzt.

Bereits der Entstehungsprozess zeigt, wie eng beide Alben miteinander verwoben sind. Große Teile des neuen Materials entstanden schon während der Sessions zu ´A Cell To Call Home´. Vor allem das monumentale ´In A Lone And Dreary World´ erwies sich damals jedoch als zu umfangreich und zu ambitioniert für den Rahmen des Vorgängers. Statt den Song künstlich zu kürzen oder zu entschärfen, legte die Band ihn vorerst zur Seite. Doch daraus entwickelte sich schließlich das Fundament für ´Falling Together´.

Thematisch bewegt sich das Album auf bemerkenswert persönlichem Terrain. Rylee McDonald verarbeitet hier die kritische Auseinandersetzung mit seiner religiösen Erziehung, insbesondere mit Glaubenssätzen, die sich im Laufe des Erwachsenwerdens zunehmend fremd oder konstruiert anfühlten. Dabei wird ´Falling Together´ jedoch niemals zu einer simplen Anti-Religions-Platte. Vielmehr untersucht das Album die Mechanismen von Prägung, Zugehörigkeit, sozialer Kontrolle und Identität. Religion, Politik und gesellschaftliche Klassen erscheinen immer wieder als Systeme, die Menschen voneinander trennen und ein permanentes „Wir gegen die anderen“ erzeugen.

Interessant ist dabei, wie reflektiert ADVENT HORIZON mit diesem Material umgehen. Die Texte wirken niemals arrogant oder belehrend. Stattdessen ziehen sich Zweifel, Verletzlichkeit und ehrliche Selbstbefragung durch das gesamte Album – und verleihen ´Falling Together´ seine emotionale Glaubwürdigkeit.

Selbst die Entstehungsorte prägten den Charakter des Albums stark. Ein erheblicher Teil des Songwritings entstand 2024 während regelmäßiger Aufenthalte von Rylee McDonald und Drummer Mike Lofgreen an einem abgelegenen Bergsee im Norden Utahs. Die Isolation, die Stille und die fast meditative Atmosphäre dieser Umgebung spiegeln sich deutlich in den Songs wider. Viele Passagen besitzen eine eigentümliche Mischung aus Weite und Melancholie.

Gleichzeitig markiert ´Falling Together´ einen massiven technischen Sprung für die Band. Während ´A Cell To Call Home´ noch weitgehend als DIY-Produktion im Kellerstudio entstand, fanden die Aufnahmen diesmal zwischen Januar und Mai 2025 in den professionellen “Cold House Studios” in Provo, Utah, statt. Gemeinsam mit Zach Boorman entwickelte die Band einen deutlich kraftvolleren und cineastischeren Sound. Das anschließende Mastering von Jens Bogren hebt die Produktion endgültig auf internationales Niveau. Dazu kommt Travis Smiths Artwork, das die introspektive und leicht dystopische Grundstimmung des Albums visuell perfekt ergänzt.

Knapp neunzehn Minuten lang entfaltet sich mit ´In A Lone And Dreary World´ ein erstes ambitioniertes Stück. Bereits der Titel verweist direkt auf mormonische Tempelrituale und die Vorstellung einer „einsamen und trostlosen Welt“ nach dem Sündenfall. Musikalisch bewegt sich der Song in fragilen Ambient-Passagen, djentartigen Riff-Gewittern, akustischen Zwischenspielen, Flamenco-Gitarren, hymnischen Refrains, Growls, atmosphärischen Synthesizern und fast schon filmischen Dynamikwechseln.

Besonders faszinierend ist dabei die Gesangsarbeit. Kristen McDonalds klare, fast engelsgleiche Vocals bilden immer wieder einen Gegenpol zu Rylee McDonalds emotional aufgewühltem Gesang und den erstmals bewusst eingesetzten Growls. Gerade diese Growls stellen einen wichtigen Entwicklungsschritt dar. Rylee McDonald hatte sich jahrelang dagegen gesträubt, härtere Vocals als Stilmittel einzusetzen. Auf ´Falling Together´ dienen sie jedoch als Ausdruck innerer Zerrissenheit und psychischer Überforderung. Dadurch wirken sie deutlich organischer als typisches Extreme-Metal-Gebrüll.

´Faith’s Window´ setzt diese Dynamik direkt fort. Inhaltlich beschäftigt sich der Song mit der Versuchung, zu alten Glaubenssystemen zurückzukehren, obwohl man ihre Mechanismen längst durchschaut hat. Musikalisch schwankt der Track permanent zwischen melancholischer Prog-Ballade und eruptiver Prog-Metal-Entladung. Die Growls wirken hier weniger aggressiv als vielmehr verzweifelt, was hervorragend zur Thematik passt.

´Patience´ dient anschließend fast als emotionale Verschnaufpause. Der Song setzt stärker auf Melodie und Harmonie. Die erste Single ´Past Life Parable´ fungiert gewissermaßen als Verbindung zwischen alter und neuer Bandphase. Der Song eint hymnische Hooklines mit moderner Prog-Produktion und enorm eingängigen Melodiebögen. Inhaltlich richtet sich der Song gegen Systeme, die Menschen emotional und ideologisch vereinnahmen: „You gave a piece of everything you own to build up someone else’s home.“

Die beiden Songs ´Gravity I´ und ´Gravity II´ nutzen die Metapher der Schwerkraft für den psychologischen Sog alter Überzeugungen und Identitätsmuster. Während ´Gravity I´ noch mit akustischer Ruhe und fast schwebender Schönheit arbeitet, explodiert ´Gravity II´ in ein gewaltiges Wechselspiel aus melodischer Größe und rhythmischer Komplexität. Gerade hier hört man deutlich die RUSH-Wurzeln der Band heraus.

Im Finale ´Animals´ entfaltet sich über einer melancholischen Akustikgitarrenfigur ein zutiefst persönlicher Abschlusstrack über Entfremdung, gesellschaftliche Spaltung und den Versuch, trotz aller Brüche Schönheit im Leben zu erkennen. Besonders berührend wirken dabei die Hintergrundstimmen von Rylees Kindern Cressa und Griffin McDonald.

Musikalisch bewegen sich ADVENT HORIZON dabei ständig zwischen modernen Prog-Größen wie HAKEN, LEPROUS, PORCUPINE TREE oder Steven Wilson und einem erstaunlich eigenständigen Songwriting. Mit einer Selbstverständlichkeit fügen sie komplexe Strukturen mit echter Emotionalität zusammen. Nichts klingt verkopft oder akademisch. Selbst die technisch anspruchsvollsten Passagen bleiben stets songorientiert.

Gerade deshalb funktioniert ´Falling Together´ nicht nur als Progressive Metal-Album, sondern als außergewöhnlich geschlossenes Gesamtkunstwerk über Zweifel, Identität, Prägung und persönliche Emanzipation. ADVENT HORIZON schaffen hier den seltenen Spagat zwischen technischer Virtuosität, emotionaler Offenheit und atmosphärischer Geschlossenheit.

In einer Prog-Szene, die 2026 von unzähligen Veröffentlichungen überflutet wird, stechen ADVENT HORIZON heraus. ´Falling Together´ wirkt weder kalkuliert modern noch nostalgisch rückwärtsgewandt. Stattdessen klingt dieses Album nach einer Band, die endgültig ihr eigenes Ich gefunden hat.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/AdventHorizonBand

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