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ALICE COOPER – Welcome 2 My Nightmare

2011/2026 (earMUSIC) - Stil: Rock

Als ALICE COOPER im September 2011 ´Welcome 2 My Nightmare´ veröffentlichte, hing über dem Projekt ein enormes Risiko. Eine Fortsetzung zu ´Welcome To My Nightmare´ aus dem Jahr 1975 anzukündigen, bedeutete automatisch den Vergleich mit einem der wichtigsten Konzeptalben der Rockgeschichte. Genau deshalb wirkte die Rückkehr von Steven so faszinierend. Alice Cooper und Produzent Bob Ezrin versuchten gar nicht erst, das Original zu kopieren. Sie ließen die Figur altern. Stevens Albträume hatten sich verändert. Aus kindlichen Horrorvisionen wurden paranoide, groteske, manchmal sogar schwarzhumorige Szenen voller Schuld, Kontrollverlust und Erinnerungslücken.

Die Idee entstand nach dem dreißigjährigen Jubiläum des Originals. Eigentlich wollte Alice Cooper zunächst die Geschichte von ´Along Came A Spider´ weiterführen. Bob Ezrin hatte darauf allerdings wenig Lust und schlug stattdessen vor, Steven erneut durch einen Albtraum zu schicken. ´Welcome 2 My Nightmare´ funktioniert allerdings nicht als nostalgische Wiederholung, sondern wie ein düsteres Spätwerk, das den Wahnsinn der Figur mit dem Älterwerden verbindet.

Schon die Besetzung machte klar, wie ernst Alice Cooper dieses Projekt nahm. Bob Ezrin kehrte als Produzent zurück und holte Dennis Dunaway, Michael Bruce und Neal Smith für mehrere Songs wieder ins Studio. Allein diese Reunion verlieh dem Album sofort den Geist der frühen Siebziger. Gleichzeitig öffnete Alice Cooper das Konzept für neue Einflüsse. Steve Hunter spielte erneut zentrale Gitarrenparts, Vince Gill brachte überraschend virtuose Country-Licks ein, Rob Zombie sprach als dämonischer Fremdenführer, während Ke$ha als verführerischer Teufel auftauchte. Selbst Desmond Child arbeitete im Hintergrund an mehreren Songs mit.

Der Opener ´I Am Made Of You´ überrascht zunächst mit einer hymnischen Rockballade, die fast wie ein modernes Gegenstück zu ´Hello Hooray´ funktioniert. Im Intro versteckte Bob Ezrin bewusst das Klaviermotiv aus ´Steven´ vom 1975er-Album und schlug damit sofort die Brücke zur Vergangenheit. Die Produktion wirkt cineastisch und emotional aufgeladen. Steve Hunters Gitarrensolo gehört zu den stärksten Momenten der gesamten Platte. Gleichzeitig sorgte der Einsatz von Auto-Tune damals für erste Irritationen.

´Caffeine´ dreht danach komplett auf. Ein hektischer Hardrocker voller nervöser Energie, inspiriert vom wilden Gesangsstil des Fünfzigerjahre-Stars The Big Bopper. Steven versucht verzweifelt wach zu bleiben, um den Albträumen zu entkommen. Mit ´The Nightmare Returns´ beginnt der eigentliche Absturz zurück in Stevens Unterbewusstsein. Kinderklavier, schiefe Melodien und unheilvolle Geräusche erzeugen sofort klassische Horrorfilm-Stimmung. Bob Ezrin spielte hier bewusst mit Elementen alter Albtraum-Soundtracks und den frühen ALICE COOPER-Konzeptplatten.

´A Runaway Train´ gehört zu den cleversten Songs des Albums. Alice Cooper übernahm die Grundidee aus Dennis Dunaways Projekt und verwandelte sie in einen rastlosen Rockabilly-Rocker ohne echten Refrain. Der Song rast tatsächlich wie ein Zug ohne Bremsen durch die Nacht. Vince Gill liefert dazu ein messerscharfes Leadgitarren-Solo voller Country-Speed und Southern-Rock-Energie. Die wiedervereinte Originalband bringt hier genau diesen schmutzigen Siebzigerjahre-Sound zurück, den viele Fans seit Jahrzehnten vermisst hatten.

Komplett durchgedreht wirkt dagegen ´Last Man On Earth´. Alice Cooper verlässt den klassischen Hardrock und taucht in schrägen Vaudeville-Jazz ein. Tom Waits, New-Orleans-Kabarett und grotesker Varieté-Rock treffen aufeinander. Steven wacht in einer zerstörten Welt auf und glaubt, der letzte Mensch zu sein. Die Melodie basiert lose auf dem jüdischen Standard ´Bei Mir Bist Du Shein´, was dem Stück zusätzlich diesen schiefen Cabaret-Charme verleiht.

´The Congregation´ führt Steven tiefer in seine persönliche Hölle. Musikalisch steckt der Song voller psychedelischer BEATLES-Anspielungen, hymnischer Chöre und stampfender Glamrock-Gitarren. Rob Zombie übernimmt die Rolle eines höllischen Führers, der Steven wie einen neuen Insassen begrüßt. Die Nummer wirkt bewusst überzeichnet und erinnert stellenweise an die grotesken Theatermomente von ´Billion Dollar Babies´.

Mit ´I’ll Bite Your Face Off´ zündet Alice Cooper einen klassischen Sleaze-Rocker im Stil der frühen ROLLING STONES. Dreckige Gitarren, rotziger Refrain und rauer Garage-Rock bestimmen den Song. Alice wollte bewusst einen Track schreiben, der klingt, als stamme er direkt aus den Jahren 1964 oder 1965. Im Video tauchte später sogar Johnny Depp an der Gitarre auf.

Danach schlittert das Album endgültig in den Wahnsinn. ´Disco Bloodbath Boogie Fever´ verbindet Horrorfilm-Theater mit Disco-Rhythmen und schrägem Glamrock. Mönchschöre treffen auf tanzbare Beats und bissige Gitarren von John 5. Die Nummer funktioniert wie eine absurde Horror-Disco-Parodie und zeigt, wie viel Spaß Alice Cooper an diesem Album hatte.

´Ghouls Gone Wild´ nimmt anschließend Surf-Rock und frühe Sixties-Popmusik aufs Korn. Der Song entstand während einer gemeinsamen Tour mit ROB ZOMBIE und klingt bewusst wie eine makabre Beach-Party-Version der BEACH BOYS oder RAMONES.

Mit ´Something To Remember Me By´ folgt die große emotionale Ballade der Platte. Dick Wagner schrieb gemeinsam mit Alice Cooper einen Song, der tatsächlich wie eine späte Schwester von ´Only Women Bleed´ wirkt. Steve Hunter liefert elegante Gitarrenmelodien, während Alice Cooper ungewöhnlich verletzlich singt.

Doch erst in ´When Hell Comes Home´ erzeugt die Originalband einen düsteren, schweren Siebzigerjahre-Sound voller unterschwelliger Gewalt. Steven erinnert sich an seine Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und einer misshandelten Mutter. Der Song erklärt zum ersten Mal wirklich, warum diese Figur psychisch zerbrochen ist. Gegen Ende hört man eine Stimme leise „Steven“ rufen, als würde der Albtraum direkt aus den frühen Siebzigern zurückkehren.

´What Baby Wants´ sorgte damals für die größte Überraschung. Ke$ha spielt den Teufel, der Stevens Seele fordert. Alice Cooper lernte sie bei den Grammys kennen und war von ihrer Rock-Attitüde beeindruckt. Während der Aufnahmen schrieb sie angeblich derart obszöne Textzeilen, dass Alice einige davon tatsächlich entschärfen musste. Musikalisch funktioniert der Song wie dreckiger Glamrock mit modernem Pop-Einschlag.

´I Gotta Get Outta Here´ bildet schließlich Stevens verzweifelten Fluchtversuch. Vince Gill bringt erneut sein schnelles Country-Gitarrenspiel ein und verleiht dem Finale einen fast offenen Roadmovie-Charakter. Doch die Stimmen im Hintergrund machen schnell klar, dass Steven diesen Albtraum womöglich niemals verlassen wird. Die letzte Frage bleibt bewusst offen: Ist Steven tot oder steckt er weiterhin in seinem eigenen Kopf fest?

Den Abschluss bildet ´The Underture´, ein instrumentales Finale im Stil einer Broadway-Ouvertüre. Bob Ezrin verwebt hier Motive aus beiden Nightmare-Alben miteinander. Fragmente von ´Steven´, ´The Awakening´, ´Only Women Bleed´ oder ´Black Widow´ tauchen plötzlich wieder auf und verbinden vier Jahrzehnte ALICE COOPER-Geschichte zu einem großen Finale.

Selbst die Bonusstücke erweiterten das Konzept sinnvoll. ´Under The Bed´ greift erneut Motive von ´Black Widow´ auf, während ´A Bad Situation´ Stevens schlimmsten Albtraum erstaunlich banal definiert: ein trostloser Bürojob im Nine-to-five-Alltag. Besonders düster gerät ´Flatline´, ursprünglich nur auf Vinyl erhältlich. Herzmonitor-Geräusche, kalte Ambientflächen und eine tiefe Stimme, die am Ende „Steven“ flüstert, deuten hier endgültig an, dass die Figur womöglich längst tot ist.

Klanglich gelang Bob Ezrin ein bemerkenswerter Balanceakt. Das Album verbindet modernen Rocksound mit klassischen Siebzigerjahre-Arrangements, Glamrock, Vaudeville, Hardrock, Horror-Soundtrack-Elementen und psychedelischem Theaterrock. Gerade diese stilistische Freiheit macht ´Welcome 2 My Nightmare´ zu einem der kreativsten ALICE COOPER-Alben des 21. Jahrhunderts.

Die Neuauflage von 2026 wertet das Album zusätzlich auf. ´Welcome 2 My Nightmare´ erscheint als umfangreiche 2CD-Expanded-Edition im Digipak sowie als aufwendig gestaltete 3LP-Version auf 180g-Vinyl mit 45 RPM im Gatefold. Besonders spannend bleiben die erstmals regulär verfügbaren Bonusstücke wie ´Flatline´ oder ´A Bad Situation´, die lange nur über Spezialeditionen oder Vinylpressungen erhältlich waren. Dazu kommen Live-Aufnahmen von ´Poison´, ´No More Mr. Nice Guy´ und ´The Black Widow´ sowie das Cover ´We Gotta Get Out Of This Place´.

Heute gilt ´Welcome 2 My Nightmare´ längst als eines der stärksten Spätwerke von Alice Cooper. Das Album erreichte Platz 22 der Billboard-Charts und wurde sein erfolgreichstes Studioalbum seit ´Trash´. Vor allem aber bewies Alice Cooper hier eindrucksvoll, dass seine große Stärke immer noch das Erzählen bizarrer Geschichten blieb. Steven lebt bis heute irgendwo zwischen Wahnsinn, Erinnerung und Albtraum weiter.

https://www.facebook.com/AliceCooper

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