
Sieben Jahre lang blieb es still um MOONRISE. Nach ´Travel Within´ verschwand das polnische Projekt beinahe geräuschlos aus dem Blickfeld vieler Prog-Hörer, obwohl Kamil Konieczniak längst zu den eigenständigsten Figuren der europäischen Neo Prog-Szene gehörte. Während ringsum zahllose Bands versuchten, den klassischen Neo Prog-Sound möglichst detailgetreu zu reproduzieren, entwickelte Konieczniak seine Musik stetig weiter. ´No Rewind´ hält zwar weiterhin an den melodischen Wurzeln von MOONRISE fest, gleichzeitig öffnet sich die Musik stärker in Richtung symphonischer Progressive Rock und cineastischer Keyboardflächen.
Schon der Titel wirkt wie ein programmatisches Statement. ´No Rewind´ blickt nicht nostalgisch zurück, obwohl die Platte voller Erinnerungen, Verluste und melancholischer Rückschauen steckt. Die Songs kreisen um Unsicherheit, Manipulation, brüchige Beziehungen und das Gefühl, dass vertraute Sicherheiten langsam verschwinden. Die Texte von Łukasz Gałęziowski greifen diese Themen mit bemerkenswerter Klarheit auf und verleihen dem Album jene leicht düstere Grundfärbung, die sich durch sämtliche Stücke zieht.
Musikalisch bleibt Kamil Konieczniak weiterhin das Zentrum von MOONRISE. Er komponierte, arrangierte und produzierte das gesamte Album selbst und spielte zusätzlich Keyboards, Gitarren, Bass und Schlagzeug ein. Unterstützt wird Konieczniak diesmal von zwei sehr unterschiedlichen Stimmen, die dem Album zusätzliche Tiefe verleihen. Anna Batko übernimmt drei Songs und bringt eine warme Präsenz ein, während Marcin Staszek mit kraftvollerem, emotional direkterem Gesang die dramatischeren Stücke trägt.
Der Einstieg ´Two Roads´ eröffnet das Album mit genau jener Mischung aus melancholischem Neo Prog und melodischer Weite, die MOONRISE seit Jahren auszeichnet. Sanfte Synthesizerflächen legen sich unter ein elegantes Gitarrenmotiv, bevor Anna Batko den Song mit ruhiger Intensität bestimmt. Der fast zehnminütige Song ´Shadows In The Dark´ verbindet hernach progressive Gitarrenarbeit mit schweren Keyboardpassagen und langen instrumentalen Zwischenspielen. Marcin Staszek singt hier druckvoller als auf früheren MOONRISE-Veröffentlichungen.
´Single Game´ hält dieses hohe Niveau mühelos. Der Song verbindet symphonischen Neo-Prog mit modernen Produktionsdetails und erinnert stellenweise an die elegantesten Momente von RIVERSIDE oder ARENA. Danach überrascht ´Cheaters´ mit einem deutlich härteren Arrangement. Das Stück wirkt rhythmischer und stellenweise fast elektronisch. Synthesizer pulsieren über einem treibenden Beat, während Marcin Staszek den Song mit aggressiverem Ausdruck vorantreibt. Die balladeske Grundstimmung von ´When We Played By Heart´ erinnert sodann an klassischen Neo Prog der frühen Neunzigerjahre. Anna Batko singt diese melancholische Erinnerung.
Mit ´Silent Rooms´ folgt noch ein kurzes instrumentales Zwischenspiel, das perfekt zwischen die größeren Prog-Kompositionen passt. Doch ´Friends Of Blood´ bringt anschließend wieder mehr Härte ins Album. Der Song lebt von seinem schweren Groove, den verschachtelten Keyboardfiguren und der markanten Gitarrenarbeit von Marcin Kruczek, die ihm einen fast klassischen Progressive Rock-Charakter im Stil der alten PENDRAGON- oder RUSH-Aufnahmen verleiht. Das Finale ´All About You´ entfaltet über zehn Minuten ein großes Prog-Epos voller dynamischer Wechsel, melancholischer Passagen und ausufernder Instrumentalteile.
Auch optisch fügt sich das Album perfekt in diese melancholische Gesamtstimmung ein. Das Artwork von Eryk Konieczniak arbeitet mit symbolischen Motiven und bewusst offenen Bildideen, die den inhaltlichen Kern der Songs spiegeln, ohne platte Erklärungen zu liefern. Interessant bleibt außerdem, wie sehr sich MOONRISE inzwischen vom klassischen Neo Prog entfernt haben. Die frühen MARILLION-Einflüsse sind zwar weiterhin hörbar, doch ´No Rewind´ integriert deutlich stärker symphonische Elemente, moderne Keyboardproduktionen und cineastische Arrangements.
´No Rewind´ verbindet letztlich emotionalen Neo Prog, symphonischen Rock und moderne Progressive-Elemente zu einer großen, geschlossenen Erzählung voller melancholischer Bilder, starker Melodien und hochklassiger Musikerarbeit. Nach sieben Jahren Pause wirken MOONRISE reifer und kreativer denn je. Für viele Prog-Hörer dürfte dieses Album aktuell problemlos zu den stärksten europäischen Neo Prog-Veröffentlichungen zählen.
(8,25 Punkte)



