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STEELY DAN – Alive In America

1995/2026 (Giant Records/Rhino Records) - Stil: Jazz, Rock, Pop

Als STEELY DAN Anfang der Neunzigerjahre plötzlich wieder auf die Bühne zurückkehrten, wirkte das beinahe unwirklich. Seit 1974 hatten Donald Fagen und Walter Becker kein reguläres Konzert mehr gespielt. Über zwei Jahrzehnte existierte die Band praktisch nur noch als Studiophantom, umgeben von Legenden über endlose Sessions, perfektionistische Nachbearbeitungen und Musikerwechsel im Akkord. Gerade deshalb erlangte diese Reunion-Tour 1993 sofort etwas Historisches. Niemand hatte ernsthaft erwartet, dass STEELY DAN ihre hochkomplexen Studioalben jemals wieder live aufführen würden. Genau aus diesen Konzerten entstand schließlich das Werk ´Alive In America´, das heute wie die endgültige Wiedergeburt der Band anmutet.

Aus der ursprünglichen Studioband war auf den Konzerten der Tourneen 1993 und 1994 längst ein regelrechtes Jazz-Rock-Orchester geworden. Bläsersektion, Background-Sängerinnen, mehrere Gitarristen, Vibraphon, zusätzliche Keyboards und zwei unterschiedliche Schlagzeuger verwandelten die alten STEELY DAN-Stücke in große, elegant verschachtelte Live-Arrangements. Gerade das macht ´Alive In America´ bis heute so faszinierend. Viele dieser Songs galten jahrzehntelang als kaum aufführbar. Auf der Bühne bekamen sie plötzlich eine neue Größe, mehr Funk, mehr Jazz-Fusion und stellenweise fast schon Big-Band-Charakter.

´Babylon Sisters´ eröffnet das Album mit diesem geschmeidigen, nächtlichen Groove, der einst ´Gaucho´ prägte. Live wirkt der Song deutlich wärmer und rhythmischer. Tom Barney hält den berühmten Shuffle mit stoischer Präzision zusammen, während Donald Fagen das Fender Rhodes wesentlich prominenter einsetzt als auf der Studiofassung. Dazu kommen die „Danettes“ Catherine Russell, Diane Garisto und Brenda White-King, deren mehrstimmige Harmonien den Refrain beflügeln. ´Green Earrings´ verschlägt es anschließend tief in vertrackten Jazz-Funk. Die Gitarren von Drew Zingg und Georg Wadenius verzahnen sich mit den Bläsern zu einem messerscharfen Arrangement. Gerade hier zeigt sich, wie extrem eingespielt diese Tourband bereits war.

Die Live-Version von ´Bodhisattva´ klingt schneller, aggressiver und deutlich härter als das Original von ´Countdown To Ecstasy´. Cornelius Bumpus feuert seine Saxophon-Läufe derart wild durch den Song, dass diese Version beinahe die Energie einer Jazz-Rock-Jamband besitzt. Besonders spannend gerät aber auch ´Reelin’ In The Years´. Das ikonische Gitarrenintro der Studioversion fehlt komplett. Stattdessen eröffnen die Bläser den Song mit einem federnden Shuffle-Arrangement, das den alten Siebziger-Hit plötzlich in Richtung Swing und Fusion verschiebt. Donald Fagen phrasiert viel lockerer, so als würde er den Song Jahrzehnte später völlig neu betrachten.

Selbst ´Josie´ funktioniert live hervorragend, weil STEELY DAN hier den Funk stärker herausarbeiten. Dennis Chambers spielt unglaublich präzise, während die Background-Vocals dem Refrain zusätzlichen Druck geben. Solche Stücke zeigen, weshalb die Reunion-Konzerte damals so gefeiert wurden. Die Songs wirken vertraut und gleichzeitig vollkommen neu arrangiert. Und in ´Book Of Liars´ übernimmt Walter Becker den Leadgesang – zum ersten Mal auf einem offiziellen STEELY DAN-Live-Release. Seine brüchige, zurückhaltende Stimme passt perfekt zu diesem melancholischen Song über Verrat, Enttäuschung und Selbstironie. Zwischen all den technisch hochpräzisen Arrangements entsteht plötzlich etwas beinahe Zerbrechliches.

´Peg´ verwandelt sich live in eine elegante Jazz-Pop-Nummer mit federndem Swing-Unterton. Die Bläser setzen punktgenaue Akzente, während Donald Fagen das Rhodes trocken und funky unter die Harmonien legt. Gerade diese Version zeigt eindrucksvoll, wie stark STEELY DAN damals bereits Richtung Jazz-Fusion tendierten. Mit ´Third World Man´ zieht das Album anschließend in dunklere und langsamere Gefilde. Drew Zingg spielt die langen Gitarrenlinien mit deutlich bluesigerem Ton als Larry Carlton auf dem Original. Dadurch bekommt der Song eine fast filmische Stimmung.

´Kid Charlemagne´ gehört zu den absoluten Höhepunkten der Platte. Das berühmte Larry Carlton-Solo wird von Drew Zingg und Georg Wadenius respektvoll aufgegriffen, gleichzeitig aber mit modernerem Ton und härterem Anschlag gespielt. Gerade Dennis Chambers sorgt für enorme Spannung zwischen Funk, Rock und Jazz. Auch ´Sign In Stranger´ profitiert enorm von der großen Livebesetzung. Das Klavier von Warren Bernhardt rückt stärker in den Vordergrund, während die Bläser den Song stellenweise fast wie eine düstere New-Orleans-Nummer wirken lassen.

Das eigentliche Zentrum von ´Alive In America´ bleibt allerdings ´Aja´. Über Jahre galt der Song als nahezu unmöglich live umsetzbar. Die komplexen Harmoniewechsel, das legendäre Steve Gadd-Schlagzeugsolo und die langen instrumentalen Passagen schienen untrennbar an die Studiofassung gebunden. Diese Live-Version beweist das Gegenteil. Peter Erskine beziehungsweise Dennis Chambers übertragen das berühmte Solo mit technischer Brillanz und enormer Spielfreude auf die Bühne. Gleichzeitig entwickelt die Band eine fast hypnotische Dynamik, die den Song langsam immer weiter intensiviert.

Entscheidend für den Erfolg dieser Reunion war die Besetzung. Drew Zingg hatte die nahezu undankbare Aufgabe, legendäre Soli von Larry Carlton oder Jay Graydon live neu zu interpretieren. Sein Ton klingt etwas rauer und bluesiger, wodurch viele Stücke mehr Rockkante bekommen. Dennis Chambers brachte den massiven Funk-Einschlag mit, während Peter Erskine stärker aus dem Jazz kam und den komplexeren Arrangements enorme Eleganz verlieh. Warren Bernhardt hielt die harmonischen Strukturen zusammen, Cornelius Bumpus sorgte mit seinen kraftvollen Saxophon-Parts für viele Höhepunkte, und die “Danettes” wurden schnell zum unverzichtbaren Bestandteil des gesamten Sounds.

Hinter den Kulissen herrschte allerdings weiterhin der berüchtigte STEELY DAN-Perfektionismus. Musiker berichteten später, Donald Fagen und Walter Becker hätten während der Proben einzelne Übergänge stundenlang wiederholen lassen, bis jeder kleine rhythmische Akzent exakt saß. Drew Zingg beschrieb die Band einmal sinngemäß als hochpräzise Maschine, in der jedes Detail stimmen musste. Selbst für absolute Spitzenmusiker galt eine STEELY DAN-Tour damals als Ausnahmezustand.

Auch die Entstehungsgeschichte des Albums besitzt ihren eigenen Reiz. Donald Fagen und Walter Becker mussten viele ihrer alten Songs zunächst selbst wieder neu lernen und hörten dafür angeblich ihre eigenen Compilations. Walter Becker kommentierte die ersten Reunion-Konzerte später mit typisch trockenem Humor und erklärte, das Showgeschäft habe wohl doch nie wirklich in seinem Blut gelegen und er freue sich eigentlich mehr darauf, wieder an Autos zu schrauben.

Klanglich galt ´Alive In America´ bereits auf CD lange als Referenz unter audiophilen Liveproduktionen. Roger Nichols fing die Konzerte mit enormem technischen Aufwand ein und sorgte dafür, dass selbst die komplexesten Arrangements transparent und präzise blieben.

Umso größer war die Freude, als “Rhino Records” das Album zum “Record Store Day” 2026 endlich erstmals auf Vinyl veröffentlichte. Das Doppelalbum erschien auf 180g-Vinyl im hochwertigen Gatefold-Cover und wurde weltweit auf 4.000 Exemplare limitiert. Besonders wichtig für viele Sammler: Das Mastering stammt von Bernie Grundman, dessen „BG“-Signatur sich im Runout findet.

Audiophile Liebhaber werden begeistert sein. Die enorme Klarheit der Pressung, die sauberen Höhen und die warme räumliche Tiefe, die der alten CD-Version stellenweise tatsächlich überlegen sind, sprechen für eine erstklassige Pressung aus Tschechien. Gerade ´Aja´ und ´Babylon Sisters´ profitieren enorm vom analogen Format. Die Bläser besitzen mehr Körper, das Fender Rhodes wirkt voller und die Schlagzeugaufnahmen entwickeln deutlich mehr Wucht.

´Alive In America´ markiert den Moment, in dem STEELY DAN endgültig bewiesen, dass ihre hochkomplizierten Studioalben auch auf einer Bühne funktionieren konnten – gespielt von einer Band aus absoluten Spitzenmusikern, die Jazz, Rock, Fusion und sophistizierten Pop mit atemberaubender Präzision zusammenführten. Ohne diese Reunion hätte es vermutlich weder ´Two Against Nature´ noch die späte zweite Karrierephase von Donald Fagen und Walter Becker gegeben. Aus diesem Grunde besitzt dieses Album mittlerweile beinahe denselben historischen Stellenwert wie die großen Studioalben der Band.

https://www.facebook.com/SteelyDan

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