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ZZ TOP – Tres Hombres

1973/2026 (Analogue Productions) - Stil: Blues/Rock

1973 standen ZZ TOP kurz vor dem Durchbruch. Die ersten beiden Alben hatten der Band in Texas längst Kultstatus verschafft, doch erst ´Tres Hombres´ machte aus Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard eine nationale Größe. Die Platte brachte den staubigen Texas-Blues aus verrauchten Bars direkt in die amerikanischen Arenen und definierte gleichzeitig jenes Image, das ZZ TOP bis heute begleitet: heiß laufende Röhrenverstärker, trockener Humor, mexikanisches Essen, endlose Highways und ein Bluesrock-Sound voller Schmutz, Groove und lässiger Präzision.

Der Titel ´Tres Hombres´ verweist schlicht auf die drei Musiker selbst, gleichzeitig begann hier jene spielerische Verwendung spanischer Begriffe, die später immer stärker Teil der Bandidentität wurde. Aufgenommen wurde das Album zunächst in den “Robin Hood Studios” in Tyler, Texas, den entscheidenden Feinschliff erhielt die Platte jedoch in den “Ardent Studios” in Memphis. Dort traf die rohe Energie der Band erstmals auf den jungen Toningenieur Terry Manning, der sofort verstand, wie man den schweren Texas-Boogie technisch auf ein neues Niveau hebt. Terry Manning wollte den Dreck des Blues erhalten und gleichzeitig mehr Klarheit und Tiefe erzeugen. Genau diese Mischung verhalf ´Tres Hombres´ schließlich zum Durchbruch.

Billy Gibbons perfektionierte während der Sessions seinen berühmten Gitarrensound, den er später selbst als „Squank“ bezeichnete. Herzstück war seine 1959er Gibson Les Paul “Pearly Gates” über einen Marshall Super Lead 100, der permanent am Limit betrieben wurde. Für die schärferen Lead-Passagen griff Billy Gibbons zusätzlich zu einer Fender Stratocaster mit ungewöhnlichen Schalterstellungen, wodurch dieser hohle, leicht quäkende Ton entstand, der besonders ´La Grange´ seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Gleichzeitig tauchen hier erstmals jene künstlichen Obertöne auf, die später zu einem Markenzeichen seines Spiels wurden.

Schon der Einstieg mit ´Waitin’ For The Bus´ und ´Jesus Just Left Chicago´ gehört zu den legendärsten Album-Openern der Siebzigerjahre. Beide Stücke gehen praktisch ohne Unterbrechung ineinander über. Ursprünglich entstand dieser Übergang beim Bandschnitt eher zufällig, weil Terry Manning versehentlich zu viel Bandmaterial entfernte. Billy Gibbons liebte den Effekt sofort. Heute wirken beide Songs untrennbar miteinander verbunden. ´Waitin’ For The Bus´ stampft mit schwerem Shuffle-Rhythmus los, bevor ´Jesus Just Left Chicago´ in einen langsamen, hypnotischen Blues gleitet. Dusty Hills Bass drängt stoisch voran, Frank Beard hält das Tempo trocken und schnörkellos, während Billy Gibbons die Gitarre förmlich singen lässt.

´Beer Drinkers & Hell Raisers´ bringt anschließend den typischen ZZ TOP-Charme auf den Punkt. Billy Gibbons und Dusty Hill wechseln sich Zeile für Zeile beim Gesang ab und machen aus dem Song eine dreckige Barhymne zwischen Boogie, Blues und texanischem Humor. Das Riff schiebt hart nach vorne und wurde später sogar von MOTÖRHEAD adaptiert. Genau diese Mischung aus Selbstironie und schwerem Groove machte ZZ TOP damals einzigartig.

Mit ´Master Of Sparks´ folgt eine der wildesten Geschichten der gesamten ZZ TOP-Karriere. Der Song basiert tatsächlich auf einer völlig absurden Mutprobe aus Texas, bei der ein Freund der Band in einem Stahlkäfig auf der Ladefläche eines Pick-ups festgeschnallt wurde, während das Fahrzeug nachts mit hoher Geschwindigkeit über Landstraßen raste. Dabei schlugen Funken vom Asphalt gegen den Käfig – daher der Titel. Musikalisch wirkt der Song schleppend und schwer, fast bedrohlich. Billy Gibbons zieht lange, singende Lead-Töne über Frank Beards langsamen Groove, wodurch die Geschichte noch gefährlicher wirkt.

Bei ´Hot, Blue And Righteous´ taucht die Band tief in Gospel, Soul und Doo-Wop ein. Die mehrstimmigen Vocals erinnern an Vokalgruppen der Fünfzigerjahre, die Billy Gibbons und Dusty Hill als Jugendliche hörten. Gleichzeitig bleibt der Song fest im Bluesrock verankert. Gerade diese warme, fast nächtliche Stimmung zeigt, wie vielseitig ZZ TOP bereits 1973 waren.

´Move Me On Down The Line´ bringt klassischen Roadhouse-Rock’n’Roll ins Spiel. Der Song rennt mit schnellem Achtelrhythmus nach vorne und transportiert perfekt dieses rastlose Tourleben, das ZZ TOP damals praktisch ohne Unterbrechung führten. ´Precious And Grace´ erzählt dagegen von zwei Anhalterinnen, denen die Band irgendwo auf texanischen Highways begegnete. Billy Gibbons verwandelte diese Begegnung in einen schweren Bluesrocker voller schmutziger Gitarrenlicks und trockenem Humor.

Der Mittelpunkt des Albums bleibt natürlich ´La Grange´. Der Song basiert rhythmisch klar auf John Lee Hookers ´Boogie Chillen´ und erzählt die Geschichte der berüchtigten „Chicken Ranch“, eines Bordells nahe La Grange, Texas. Billy Gibbons improvisierte das berühmte „A-how-how-how“ spontan im Studio, um den Vibe alter Delta-Blues-Aufnahmen einzufangen. Das ikonische Gitarrenriff entwickelte sich anschließend zu einem der bekanntesten der gesamten Rockgeschichte. Für das Solo wechselte Billy Gibbons auf die Stratocaster, wodurch der Sound aggressiver und fast bissig wirkt. Interessanterweise sorgte der Song tatsächlich für so viel Aufmerksamkeit, dass das reale Bordell kurze Zeit später geschlossen wurde.

Mit ´Sheik´ taucht plötzlich ein exotischer Einschlag auf. Billy Gibbons hatte damals offenbar eine Vorliebe für orientalische Restaurants und fremde Ästhetik entwickelt, was sich hier in leicht schrägen Rhythmen und ungewöhnlich sauberen Gitarrenfiguren widerspiegelt. Der Song zeigt sehr deutlich, dass Gibbons weit mehr konnte als simplen Bluesrock.

Das Finale ´Have You Heard?´ zieht das Album noch einmal tief in Gospel und Südstaaten-Blues hinein. Dusty Hills Stimme bekommt hier besonders viel Gewicht, während Terry Manning die Hallräume der “Ardent Studios” geschickt nutzt, um dem Song eine fast sakrale Größe zu verleihen. Gerade dieser Abschluss zeigt, wie eng Blues, Soul, Gospel und Rock bei ZZ TOP bereits damals miteinander verschmolzen.

Legendär wurde später auch das Gatefold-Cover der LP. Das riesige mexikanische Festmahl entwickelte sich zu einem der berühmtesten Album-Innencover der Rockgeschichte. Während des Shootings sprang allerdings der Deutsche Schäferhund des Fotografen plötzlich auf den Tisch und fraß große Teile des Essens. Genau dieser leicht chaotische Texas-Humor zieht sich letztlich durch das gesamte Album.

Der Erfolg von ´Tres Hombres´ ebnete anschließend den Weg für die völlig verrückte “Worldwide Texas Tour”. ZZ TOP reisten später tatsächlich mit Büffeln, Geiern, Klapperschlangen und tonnenweise Bühnendekoration durch die USA. Die Bühne hatte die Form des Bundesstaates Texas, hinter der Bühne türmten sich Enchiladas und Tequila-Kisten, und vielerorts weigerten sich Hotels, die Band überhaupt aufzunehmen. Diese exzessive Übersteigerung des Texas-Mythos begann letztlich genau hier.

2026 erhält ´Tres Hombres´ nun eine neue audiophile Würdigung durch “Analogue Productions”. Die UHQR-Version erscheint als auf 5.000 Exemplare limitierte 45-RPM-Doppel-LP, gemastert von Matthew Lutthans direkt von den originalen Analogbändern bei “The Mastering Lab”. Gepresst wird auf 200g-Clarity-Vinyl bei “Quality Record Pressings”. Gerade dieses spezielle Vinylmaterial minimiert Nebengeräusche extrem wirkungsvoll und sorgt für außergewöhnlich stabile Dynamik sowie enorme Klarheit im Bassbereich.

Diese UHQR-Version dürfte als die bislang druckvollste Ausgabe des Albums überhaupt in die Annalen eingehen. Gleichzeitig bleibt der Charakter der Originalaufnahme vollständig erhalten. Je lauter man diese Pressung spielt, desto stärker entfaltet sie ihre Wirkung.

Auch die Verpackung unterstreicht den luxuriösen Anspruch. Stoughton fertigt schwere Tip-On-Gatefolds mit kratzfester Oberfläche, die Pressung selbst liegt archivgerecht geschützt in hochwertigen Innenhüllen. Natürlich erreicht diese Edition preislich längst höchstes Sammler-Niveau, doch genau dafür wurde sie produziert: als definitive Version eines Albums, das den Texas-Bluesrock der Siebzigerjahre praktisch neu definierte.

´Tres Hombres´ bleibt deshalb weit mehr als nur ein klassisches Bluesrock-Album. Hier formten ZZ TOP ihren endgültigen Sound zwischen Delta-Blues, Boogie, Gospel, Hard Rock und texanischem Kneipenhumor. Kaum eine andere Platte verbindet rohe Energie, technische Raffinesse und lässigen Groove derart selbstverständlich. Die neue UHQR-Ausgabe macht noch deutlicher hörbar, weshalb dieses Album bis heute als Herzstück der gesamten ZZ TOP-Diskografie gilt.

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